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Rang I | Beitrag vom 10.01.2015

GenderkritikNeue Geschlechterrollen fürs junge Theater gesucht

Von Johannes Nichelmann

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Das Stück nach dem Roman von Mark Haddon über einen Asperger-Autisten hatte am 7. November 2014 in dem Kinder- und Jugendtheater Premiere. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
Wie so oft eine männliche, mutige Hauptfigur: Christoph (Kilian Ponert) in "Supergute Tage" am Berliner Grips-Theater. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)

Viele Märchen gehen so: Starker, mutiger Mann rettet zarte, hilflose Frau. Einige Jugendtheatermacher kritisieren, dass sich daran auch in modernen Stücken kaum etwas geändert habe. Sie fordern neue Stoffe ohne diese alten Klischees.

Clemens Leander in seinem Reich, dem "Theater an der Parkaue" in Berlin. Er sitzt in der zweiten Reihe. Das staatliche Kinder- und Jugendtheater gibt gerade "Mr. Gum und der fettige Ingo" zum Besten. Männer spielen Männer, Frauen spielen Frauen, Männer spielen Frauen, Frauen spielen Männer. Verfremdungseffekte die nichts Neues sind. Der Leiter der Kostümabteilung will künftig aber noch mehr mit Geschlechterrollen und vor allem ihrer Darstellung spielen. Die Beschreibungen von Liebe und Selbstwahrnehmung den Realitäten anpassen. Doch die Stofflage ist dürftig, finden er und viele seiner Kollegen.

"Momentan ist es tatsächlich so, dass wenn man eine Bestandsaufnahme macht, dass das schon relativ heteronormativ ist. Den Protagonistinnen ist stets relativ klar, welches Geschlecht sie haben. Biologisch und sozial. Da gibt’s relativ wenig Handlungsspielräume daneben. "

Weibliche Figuren müssen selten Probleme lösen

Eine internationale Studie hat gezeigt, dass weniger als ein Drittel der Hauptcharaktere in modernen Kinder- und Jugendstoffen weiblich sind.

"Medial wird immer ein Bild vermittelt von Jungs, denen klar ist, das sie Jungs sind. Das heißt, sie müssen stark sein. Sie müssen Abenteuer bewältigen, müssen Probleme lösen. Bei Mädchen ist das gerade in der Literatur oder in der Dramatik nicht so klar. Die kommen relativ selten unabhängig von männlicher Hilfestellung zum Lösen von Problemen. Und ich glaube das nimmt denen große Möglichkeiten. Den betrachtenden Mädchen. An Selbstgefühl, an sich etwas zuzutrauen."

Sollte sich eine Figur doch nicht sicher sein, ob sie bi-, homo-, trans- oder heterosexuell ist, dann wird das, so der Vorwurf, oft zum zentralen Thema der Stücke. Und die heißen dann "No Homo" oder "Coming Out". Das Problem: Niemand will sich mit belasteten Protagonisten identifizieren, denen es durch eine Abweichung von der Norm per se schlecht zu gehen scheint.

Andererseits wollen gerade Aufführungen für Jugendliche, für Schulklassen, gezielt auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen. Für Clemens Leander bleibt das zu oberflächlich. 

"Mich interessiert ein didaktischer oder pädagogischer Ansatz generell erst mal nicht. Mich interessiert immer: Was ist Gesellschaft? Wie kann ich auf Gesellschaft gucken, wie kann ich Gesellschaft vielleicht auch ein Stück weit verunsichern?"

Jungautor Jan Friedrich thematisiert Abweichung als Normalität

Einer der alles anders machen will ist der 22-jährige Autor Jan Friedrich. Mit seinen "Szenen der Freiheit" wurde er für die Autorentheatertage 2015 ausgewählt. Das Stück wird also an einem der großen deutschsprachigen Häuser inszeniert. Ein Dialog zwischen den Figuren Josch, der mit Pascal zusammen ist und Anni:

Josch: Bei mir ändert sich auch gerade alles.
Anni: Mit Pascal?
Josch: Wir mussten uns dringend vom Klischee der traditionellen Zweierbeziehung verabschieden. Es hat uns nur eingeengt.
Anni: Und dir geht’s gut damit?
Josch: Nein, es ist toll! Bevor ich Pascal kennengelernt hab, wäre so ein Format niemals denkbar gewesen. Aber es öffnet mir total die Augen.
Anni: Toll.Josch: Er fickt unsern Hund.
Anni: Was?!

Das schwule Paar hat kein Problem mit seiner Sexualität, sondern mit der Exklusivität der Beziehung. Jan Friedrich beschreibt eine komplexe Welt, in der die Verschiedenheit der Sexualität zur Normalität wird. Für den Autor geht es um seine Generation, die "der Egoisten".  

"Jugendtheater muss für mich vor allem beinhalten, dass es die Jugendlichen ernst nimmt. Ich hab immer das Gefühl, Erwachsene denken sich Sachen für Jugendliche aus. Und denken, es wäre doch interessant, wenn wir ein Stück über jemanden machen, der ein Outing hat. Zum Beispiel. Im Erwachsenentheater ist 'Gender' glaube ich ein viel größeres Thema."

Ein anderes Positivbeispiel ist Wolfgang Herrndorfs "Tschick". An vielen Theaterhäusern ein Erfolg. Der Jugendliche Tschick ist schwul, hat sein Coming-Out, ohne, dass es problematisiert wird. Die Theatermacher Jan Friedrich und Clemens Leander wollen für ein neues Verständnis in der Darstellung von Lebenswelten junger Menschen werben. 

Mehr zum Thema:

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