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Thema / Archiv | Beitrag vom 06.01.2011

Geld ist ein Arbeitsmittel, glücklich machen andere Dinge

Ise Bosch über die "Parallelgesellschaft" der Erbinnen

Ise Bosch im Gespräch mit Susanne Führer

Shoppen macht Spaß, spenden auch. (AP)
Shoppen macht Spaß, spenden auch. (AP)

Es gibt kaum Menschenrechtsverletzungen oder Diskriminierungen, von denen Frauen nicht überdurchschnittlich betroffen sind, sagt die Stiftungsgründerin Ise Bosch. Mit ihrer Organisation filia. die frauenstiftung will sie daran etwas ändern.

Susanne Führer: Geld hat kein Geschlecht, es ist aber zwischen den Geschlechtern höchst ungleich verteilt. Die weitaus größte Menge ist fest in männlicher Hand, Armut ist nach wie vor weiblich. Eine, die angetreten ist, das zu ändern, ist Ise Bosch. Herzlich willkommen im "Radiofeuilleton", Frau Bosch!

Ise Bosch: Danke schön!

Führer: Sie tragen nicht nur einen berühmten Namen, sie kommen auch aus einer berühmten Familie. Ihr Großvater war Robert Bosch. Sie sind also mit diesem berühmten goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen. Ist das, war das ein schönes Gefühl?

Bosch: Ich kann sehr schlecht vergleichen, hat sich auch nicht angefühlt wie ein goldener Löffel. Ich bin schwäbisch erzogen, da wurden die Zehnpfennig-Stückchen gespart, ehe man da anruft, geht man da lieber hin, es wurde auch nicht viel Taxi gefahren oder so. Aber denn, natürlich, wir wuchsen auf sozusagen im Schatten der Bosch-Zentrale, und dass diese Firma wichtig ist und dass man da Verantwortung hat, so ganz diffus noch als Kind, das war uns sehr wohl bewusst.

Führer: Und war Ihnen auch bewusst, dass Sie irgendwas aus Ihrem Leben werden machen müssen auch, also sozusagen dass Erbin kein Beruf ist? Es gibt ja ein abschreckendes Gegenbeispiel – Paris Hilton.

Bosch: Ja, vielleicht ist es doch eine Art von Beruf, aber ich habe länger dazu gebraucht. Ich habe Musik gelernt, habe von klein auf Musik gemacht, habe auch meinen Abschluss hier von der Eisler-Hochschule.

Führer: Jazz haben Sie studiert.

Bosch: Genau. Und es war mir sehr wichtig, auch ein Feld zu haben, wo ich einfach deswegen genommen werde, weil ich was kann, und nicht nur wegen dem Hintergrund. Das ist belastend, wenn man ewig wegen des Hintergrunds angeguckt wird, und es braucht was, damit auch ins Studio zu gehen oder sonst was zu machen, da muss man schon einen Grund dafür haben. Und das kam mir eben.

Ich habe schon immer sehr politisch gedacht, und habe mich dann überzeugen lassen, das war in den USA, wo ja auch mit dem Geld viel freier umgegangen wird, auch mit geerbtem Geld: Put your money, where your mouth is, also lebe deine Überzeugungen mit den Ressourcen, die wo du hast. Und da ich nun mal das Geld zur Verfügung habe, ist es wunderbar, eine Art von Thema zu haben, mit dem man dann auch so gut arbeiten kann, einfach weil das Geld zur Verfügung steht. Und so stelle ich mich so langsam in die gute Familientradition des Stiftens. Gespendet habe ich schon lange - und eben hauptsächlich für politische Zwecke.

Führer: Sie stellen sich in die gute Familientradition des Stiftens. Es gibt ja die bekannte und sehr renommierte Robert-Bosch-Stiftung. Warum haben Sie da nicht Ihr Vermögen eingebracht?

Bosch: Die Robert-Bosch-Stiftung geht zurück auf das Testament meines Großvaters. Da hat er festgelegt, was für ihn die zentralen Anliegen waren, und da ist die Völkerverständigung sehr zentral und auch die Bildung. So ist das auch Familientradition: Jede Generation macht ihre eigenen Stiftungen mit den Themen, die denn aktuell sind. Und da tue ich eben nun mal die Arbeit, die ich als zentral für diese Zeit ansehe, das ist einerseits Antirassismus, und das sind andererseits die Gender-Themen, nicht nur Frauen, sondern ich nenne das Gender inklusive, also Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Intersexuelle.

Führer: Bevor wir zu Ihrer Stiftung kommen, würde ich gerne noch mal einen Schritt zurückgehen in der Biografie. Sie haben vorhin Ihr Jazz-Studium erwähnt. Sie haben ja so ein paar Dinge gemacht, die man nicht unbedingt mit einer Millionenerbin in Verbindung bringt: Also Sie haben in Berlin bei diesem legendären Punkradio 100 moderiert, Sie haben Jazz studiert, und Sie haben als Bassistin in vielen Frauenbands dann gespielt.

Bosch: Und gemischten.

Führer: Als Bassistin. Wussten denn Ihre Mitspieler und Mitspielerinnen, mit wem sie es zu tun haben?

Bosch: Was heißt, mit wem sie es zu tun haben, also was mein finanzieller Hintergrund ist? Teils ja, teils nein. Das kommt gerade mit meinem Nachnamen meistens, selbst in Berlin irgendwann doch wird das Thema. Aber es ist im Endeffekt dann auch nicht so wichtig, also wichtiger ist wirklich, wie man spielt – ist aber eine Herangehensweise, die ich eigentlich nur empfehlen kann. Ich glaube, für Leute, die reich aufgewachsen sind, wirklich eine Zeit lang oder auch durchgängig ihren Lebensstill zu führen, der sozusagen normaler ist, durchschnittlicher ist. Das nimmt einem die Angst, das bringt sehr viele spannende Erfahrungen. Ja, macht das Leben einfach interessanter.

Führer: Die Stifterin Ise Bosch ist zu Gast in Deutschlandradio Kultur. Frau Bosch, ich frage das so, weil man ja immer so sagt, geerbtes Geld ist ja unverdientes Geld. Das kann man ja in doppelter Bedeutung verstehen, also Sie haben es nicht mit eigener Hände Arbeit verdient, und Sie haben es auch gar nicht verdient, weil Sie eben nichts dafür getan haben. Insofern kann ich mir vorstellen, dass reiche Erben und Erbinnen wie Sie besonders beneidet werden.

Bosch: Ja, das ist lustig, ich dachte, Sie wollen gerade andersherum raus, weil das mit dem unverdienten Geld hat so einen Kern davon, wo glaube ich doch sehr viele, die Mehrzahl von Erbinnen und Erben, mit zu tun haben. Nämlich eben unverdient ist unverdient. In irgendeiner Weise ist das sozusagen ungerecht, wenn überhaupt irgendwas gerecht ist. Neid und Eifersucht – ja, haben wir Talente geerbt, haben wir sie uns erworben? Haben wir Schönheit geerbt? Es gibt viele Aspekte dazu, und bei den allen kommt es ja auch irgendwie darauf an, was machen wir in unserer Lebenszeit daraus.

Führer: Dann kommen wir jetzt mal zu Ihrer Stiftung, die heißt filia. die frauenstiftung. Was hat die für Ziele?

Bosch: Also filia. die frauenstiftung ist wirklich eine spezifische Frauenstiftung. Und ich habe die gemeinsam mit acht weiteren Frauen gegründet, auch sehr gezielt, das ist eine Gemeinschaftsstiftung. Was diese Stiftung macht, ist: Hierzulande bei Feministinnen und Feministen, also Menschen, die die Überzeugung haben, da ist noch was nachzuholen für Frauen und Mädchen, Geld geben, und das sehr strategisch gezielt an Empowerment-Projekte, wie das auf Neudeutsch heißt, im globalen Süden und Osten, wie es auf Neudeutsch heißt, weiterzugeben.

Und wir führen sehr gute Beziehungen mit diesen Projekten und haben da meiner Ansicht nach gute Erfolge. Ich bin im Vorstand und beobachte das sehr genau. Was mir daran aber auch besonders wichtig ist, ist eben gerade zu diesem Thema "Stiftungen machen, was sie wollen" – das ist ja sehr, sehr gut, aber in einer demokratischen Gesellschaft ist es für eine Stiftung – gerade für eine, die sich so breit aufstellt – auch wichtig, dass man sich nicht abhängt von der Gesellschaft. Also wir haben Gremien innerhalb dieser Stiftung, die besetzt sind mit Frauen, die häufig keinen Geldhintergrund haben, sondern eher aus Projekten kommen und die Welt aus der Sicht der Projektnehmerin kennen, also genau wissen, wie es auf der Seite derer aussieht, die da jetzt die Förderanträge stellen.

Führer: Können Sie mal ein Beispiel nennen für Projekte, die filia unterstützt?

Bosch: Also in Bosnien unterstützen wir ein Netzwerk von Frauenorganisationen, die einerseits direkt Existenzsicherung machen, das ist auf dem Land, in den Bergen in Bosnien, die sich aber auch politisch vernetzen, die sich organisiert haben als eine Genossenschaft, das sind inzwischen 100 Organisationen dabei, und wir haben den Fortschritt dieser Organisationen oder dieses Netzwerkes sehr eng begleitet.

Bosnien ist wirklich schwierig weiterhin, viele Leute schütteln bei Bosnien eigentlich nur den Kopf, weil sich das politisch einfach überhaupt nicht bessert, aber es gibt einfach die aktiven Frauen, die sehr handfeste Dinge tun. Und die zusammenzubringen, da solide Grundlagen zu schaffen, was dann wirklich zukunftsfähig ist – das ist was an der filia-Arbeit, das mir besonders Spaß macht.

Führer: Frauen waren ja schon immer fürs Warmherzige zuständig, also fürs Helfen und fürs Lindern. Sie haben vorhin das Stichwort Empowerment genannt, also schließe ich daraus: Ihr Ziel ist anders, das geht darüber hinaus.

Bosch: Oh ja, und es sind nicht nur wir, es gibt in Deutschland inzwischen eine ganze Reihe von Stiftungen, die das auch verbalisieren, was da anders ist – keine Pflaster, sondern strategisch fördern. Die Ausrichtung ist auf sozialen Wandel. Das machen ganz viele, aber wir machen das besonders bewusst. Wir fördern nicht, wenn es nicht einen politischen Aspekt zu der Arbeit gibt.

Führer: Und warum Frauen?

Bosch: Nun, es gibt kaum Menschenrechtsthemen oder sagen wir mal Diskriminierungsthemen, Menschenrechtsverletzungen, von denen Frauen nicht überdurchschnittlich betroffen sind. Es fallen mir wirklich kaum Gegenbeispiele ein. Da kommt es denn zu diesen sogenannten Doppeldiskriminierungen. Das gibt es in allen möglichen Kontexten, das heißt einfach: Wer an die Frauen nicht rangeht und sich bei diesem Thema nicht auch wirklich kundig macht, wie man die Frauen erreicht, verliert die wichtigsten Agentinnen für einen Wandel.

Führer: Sie sind auch eine der Gründerinnen von Pecunia, was, wie ich gelesen habe, ein Erbinnennetzwerk ist – jetzt kommen wir ein bisschen wieder zum Anfang unseres Gespräches zurück. Wozu brauchen denn Erbinnen ein eigenes Netzwerk?

Bosch: Ja, Pecunia ist entstanden aus dem Bedürfnis der gegenseitigen Beratung, des Austauschs. Viele von uns haben außerhalb der Familie wenig Ansprechpartner mit dem Geld. Es ist ja … Aus gutem Grund zeigen sich viele, die geerbt haben, nicht mit dem Geld. Ich vermute inzwischen schon überall die Erbinnen. Wir sind eine seltsame Art der Parallelgesellschaft, sehen auch nicht unbedingt so aus, als hätten wir groß geerbt, manche natürlich. Viele haben auch später geerbt, sind eigentlich ganz anders aufgewachsen, und haben denn ein Bedürfnis, sich auch mal mit, sagen wir mal, ähnlich Betroffenen darüber zu unterhalten: Wie verarbeite ich das denn in meinem Leben?

Führer: Und ist das für Frauen anders als für Männer, weil Sie ja dezidiert ein Erbinnen-Netzwerk gegründet haben?

Bosch: Ja, die Frage kommt häufig. Und ich kann ja schlecht vergleichen, weil ich bin nun mal eine Frau. Aber bei Pecunia kann kommen, wer Interesse hat, sich mit Geld und mit der Verantwortung, die mit geerbtem Geld zu tun hat, auseinanderzusetzen, ganz egal, ob die schon eine Stiftung gegründet haben oder ob sie auch das erst mal gar nicht machen wollen und sie erst mal das kümmert, wie verarbeite ich den Tod meines Mannes, von dem ich jetzt Geld geerbt habe, oder meines Vaters oder meiner Mutter? Das heißt, das ist inhaltlich sehr, sehr offen, einfach Reichtumsthemen in der Breite, während filia eine strategische Organisation ist, die gezielt dazu da ist, Geld einzuwerben und an die richtigen Stellen zu bringen.

Führer: Frau Bosch, zum Abschluss, Sie müssen es ja wissen, wie ist denn das jetzt mit dem Geld und dem Glück?

Bosch: Mit dem Geld und dem Glück? Oh ja, ja, glücklich machen andere Sachen, würde ich sagen. Geld ist für mich ein Arbeitsmittel, und das nehme ich auch ernst.

Führer: Ja, ein mächtiges Arbeitsmittel.

Bosch: Sicherlich. Es gibt extrem viel Freiheit und Sicherheit. Dafür bin ich wirklich dankbar. Aber Glück kommt daher weniger. Es macht Freude, das tun zu können, was man gerne möchte. Aber das können Leute auch, die wenig Geld geerbt haben.

Führer: Die Stifterin Ise Bosch. Danke für den Besuch!

Informationen über die Stiftungen:
filia. die frauenstiftung
Pecunia - Das Erbinnennetzwerk e.V.

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