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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 02.03.2011

Geistiges Eigentum zur freien Verfügung

Bankrott des deutschen Wissenschaftsbetriebs?

Von Eberhard Straub

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Die Universität verfügt über keine Idee ihrer Bestimmung.  (Stock.XCHNG / Yaroslav B)
Die Universität verfügt über keine Idee ihrer Bestimmung. (Stock.XCHNG / Yaroslav B)

Im Akademiker würdigte das Bildungsbürgertum seinen überzeugendsten Repräsentanten. Akademiker zu sein bedeutete nicht nur, mit Wissenschaft und Kunst, den Mächten seelisch-geistiger Bildung vertraut zu sein. Es verpflichtete auch zu einer Lebensart.

Wer sich unakademisch verhielt, sich gar als Professor Unrat zu erkennen gab, wurde unnachsichtig aus der Gemeinschaft der Akademiker ausgeschlossen. Der Professor und die Universität bildeten das Oberhaus, die Privatdozenten und Doctores aller Art das Unterhaus dieser Republik der Schöngeister mit schöner Seele.

Ein Doktortitel bestätigte, zum neuen Adel, zum Geistes- und Seelenadel, zu gehören. Er sagte wenig über die wissenschaftliche Leistung aus, der Titel verlieh soziale Weihen. Auf die kam es an. Auch spätere Heroen der Wissenschaft verfertigten in den Sommerferien routiniert ein Gesellenstück, mit dem sie bewiesen, konventionellen Ansprüchen wissenschaftlicher Argumentation gewachsen zu sein. Originalität wurde überhaupt nicht verlangt.

Die Welt der Akademiker, der Bildungsbürger und der Universität als deren Bildungsstätte ist eine Welt von gestern. Die Universität verfügt über keine Idee ihrer Bestimmung. Keiner ist verpflichtet, akademisch zu leben, weil keiner weiß, was das eigentlich meinen könnte. Kommen Universitäten allerdings ins Gerede, werden sofort wissenschaftliche Würde und Ehre, Seriosität und ungebrochener Forschungs-Elan beschworen, überhaupt Tugenden, als handele es sich bei den Landesfortbildungsanstalten um einen heiligen Hain, in dem Wahrheits- und Erkenntnishungrige feierlich wandeln. Universitäten wurden jedoch von sogenannten Bildungspolitikern dazu angehalten, sich als Dienstleistungsunternehmen zu verstehen, die gewinnorientiert Kunden aller Art zufriedenstellen sollen. Der Kunde ist hier König.

Es gibt längst mehr Professoren als Oberkellner. Wahrscheinlich ist es mittlerweile mühsamer, sich für ein sehr elegantes Restaurant zu qualifizieren als für einen Lehrstuhl. Wissenschaftliche Leistung, nicht immer leicht zu beurteilen, ist nicht mehr allein für das Fortkommen ausschlaggebend. Professoren und solche, die es werden wollen, arbeiten daran, gut vernetzt zu sein. Das kostet viel Zeit. Wer wenige Politiker kennt, Journalisten ausweicht und in Unternehmen nicht unbedingt Freunde der Forschungsfreiheit vermutet, bestätigt, weltfremd im elfenbeinernen Turm als bildungsbürgerlicher Feinschmecker zu hausen.

Der verantwortungsbewusste Professor, der die Sozialpflichtigkeit der Wissenschaft berücksichtigt, sitzt in Gremien, parteinahen Stiftungen, berät ununterbrochen Ratlose in Politik und Wirtschaft, in Kirchen und Medien. Wenn er forscht, erforscht er meistens die Möglichkeiten, weitere Drittmittel für sich und sein kreatives Team in diversen Projekten flüssig zu machen. Ununterbrochen mobil, kommt er nicht zur Ruhe, zur Forschung in Einsamkeit und Freiheit. Dafür hat er Hilfskräfte und Assistenten. Er gibt Texte unter seinem Namen heraus, die Andere zum Teil oder vollständig verfasst haben. Das Plagiat und die Ausbeutung der Arbeitskraft Anderer gehören zu den Selbstverständlichkeiten des akademischen Alltags. Der Professor schreibt nicht ab, er lässt abschreiben. Treibt er es allzu dreist, wird ihm eine Rüge erteilt, er muss nicht auf seinen Lehrstuhl verzichten. Betrug und Wissenschaftlichkeit lassen sich mühelos vereinbaren. Seine wissenschaftliche Urteilsfähigkeit wird dadurch für seine Kollegen, die ähnliche Schwächen zeigen, nicht fragwürdig. Die Vielbeschäftigten und in vielfachen Beziehungen Tätigen dulden mit einem gewissen Kennerlächeln Usancen, die akademischer Stil geworden sind.

Der Begriff des geistigen Eigentums verliert seinen mahnenden und zur Sorgsamkeit verpflichtenden Charakter, je häufiger Professoren, Bankiers, Politiker, Unternehmer oder Bischöfe vortragen, was Andere für sie erdachten. Die Welt will getäuscht werden – dagegen trat einst die Wissenschaft an. Jetzt spielt sie mit – und gibt sich dennoch schrecklich enttäuscht, wenn ein von Wissenschaftlern mit höchstem Lob gewürdigter Doktor dabei ertappt wird, gemogelt zu haben, so wie es Viele tun – gerade viele Professoren.


Eberhard Straub, geboren 1940, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Der habilitierte Historiker war bis 1986 Feuilletonredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen unter anderem "Die Wittelsbacher", "Drei letzte Kaiser", sowie "Das zerbrechliche Glück. Liebe und Ehe im Wandel der Zeit" und "Zur Tyrannei der Werte".

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