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Studio 9 | Beitrag vom 12.12.2014

Gehörlosen-TheaterSäure, Blutegel, Elektroschocks

Von Gerhard Richter

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Eine Frau hält sich die Ohren zu (dpa / Klaus Rose)
Mit fragwürdigen Experimenten sollten einst Gehörlose "geheilt" werden. Das zeigt jetzt ein Theaterstück in Berlin. (dpa / Klaus Rose)

In dem Berliner Theaterensemble "Possible World" spielen Gehörlose mit Hörenden zusammen. Das jüngste Stück beschäftigt sich mit der Geschichte der Gehörlosen - und den zweifelhaften Methoden, mit denen sie einst behandelt wurden.

"Viele Experimente. Ziel: Ohr gesund! Beispiele: Elektroschocks! Elektroschocks!"

Kerzengerade stehen drei Schauspieler nebeneinander und skandieren diverse Methoden, mit denen Mediziner versucht haben, die Taubheit zu heilen - das Ohr wieder hörend zu machen.

"Säure-Katheter einflößen. Ohr dort Entzündung provoziert, Ergebnis Eiter! Therapie mit Blutegeln! Therapie mit Blutegeln!"

Gehörlose galten von jeher als krank. Schon in der Bibel heilt Jesus einen Tauben, indem er ihm die Finger in die Ohren steckt, sagt Regisseurin Michaela Caspar.

"Was ja sicherlich auch das Verständnis geprägt hat im christlichen Raum. Dass Taube geheilt werden müssen. Aber Taube verstehen sich nicht als Kranke."

Michaela Caspar sitzt am Regiepult, einem einfachen Schreibtisch, kinnlanges dunkelblondes Haar, große graublaue Augen. Konzentriert schaut sie zu und macht sich Notizen in das Manuskript. Das Stück ist von den vier Hörenden und acht Gehörlosen selbst geschrieben und basiert auf Ausschnitten und Anregungen aus der Szene.

Hören lernen mit drakonischen Mitteln

"Aus Internetforen, aus Youtube-Videos, und wenig von hörenden Autoren, und viel Improvisiertes zu den Themen, selbst recherchiertes mit Interviews,  Zeitzeugeninterviews, die auch vorkommen und daraus haben wir dann dieses Stück gemacht."

Im herkömmlichen Theater reagieren die Schauspieler auf Stichworte. Das geht bei Gehörlosen nicht. Wenn sie einen Einsatz markieren wollen, stampfen die Schauspieler kräftig mit dem Fuß. Die acht Gehörlosen unter ihnen spüren die Schwingungen im Raum. So entstehen Rhythmus und Spielfluss. Wenn ein Hörender spricht, übersetzt ein Tauber den Text in Gebärden. In einer Szene schildert Peter Marty den sogenannten Mailänder Kongress, auf dem Taubstummenlehrer 1880 die künftige Unterrichtsmethode festlegten. Lautsprache oder Gebärdensprache. Eine historische Zäsur für taube Kinder, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen.

"Der Kongress fällte den Beschluss, dass ab sofort nur noch in Lautsprache zu unterrichten sei. Gehörlose Lehrer hatten kein Stimmrecht oder waren gar nicht zum Kongress eingeladen worden. Gebärdensprache wurde in Schulen und Internaten verboten. Inhaltlicher Unterricht und Wissensvermittlung war kaum noch möglich. Gehörlose wurden so für ein Jahrhundert zu geistig Beschränkten gemacht."

Erst 1982 hat eine schwedische Gehörlosenschule wieder Gebärdensprache erlaubt, solange mussten Gehörlose sprechen lernen, mit teilweise drakonischen Mitteln, auch das zeigt das Stück auf drastische Art.

Den Gehörlosen werden die Hände gefesselt, sie werden geschlagen und für Experimente missbraucht. Ihre Kinder werden abgetrieben, taube Frauen zwangssterilisiert.

Streit um Implantate für Gehörlose

Asya Avagyan, ein 24-Jährige mit strohblonden Korkenzieherlocken, hat durch die Arbeit an dem Stück ihre eigene Kulturgeschichte durchlebt. Ihre Biografie als Gehörlose ist dadurch viel schlüssiger geworden, gebärdet sie. Anka, die bei den Proben dolmetscht, gibt Asya die Stimme

"Das hab ich überhaupt nicht gewusst, und dass das wahr ist. Und dann hab ich gedacht, meine kleine Geschichte und mein Erlebnis, ich konnte das zusammenbringen. Mit meinem Lehrer, wie das damals alles passiert ist und dass das irgendwie größer ist."

Asya verlässt sich ganz auf die Gebärdensprache und verzichtet bewusst auf moderne Hörgeräte, wie zum Beispiel das Chochlear Implantat. Das wird in die Hörschnecke hineinoperiert und ermöglicht es Kindern zu hören und sprechen zu lernen. Aber Asya will sich darauf nicht verlassen.

"Kann man dann reden und alles hören? Nein, das kann man nicht. 50 Prozent vielleicht. Ich bin so geboren, ich bin taub und das ist besser so. Ich habe meine Hände. Das ist eine natürliche Sprache. Gott hat mir das so gegeben."

Anstatt am Rande einer hörenden Gesellschaft zu stehen, ist Asya lieber vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft der Tauben. Heute lassen viele Eltern ihren gehörlosen Kindern früh ein Cochlear Implantat oder kurz CI einsetzen. Für die Gebärdensprache und auch für das gewonnene Selbstbewusstsein der Gehörlosen ist das eine Bedrohung. In dem Theaterstück "Die taube Zeitmaschine", das heute Abend in Berlin Premiere feiert, spielt die Frage: Implantat ja oder nein eine zentrale Rolle. Regisseurin Michaela Caspar fordert Herzblut.

"So, jetzt sind wir hier, jetzt erzähl ich mal, was die Gebärdensprache ist. Wir haben in der Gehörlosengemeinschaft einen Konflikt. Mit CI und nicht CI. Und wir sind doch eine tolle Kultur, wir haben eine tolle Sprache. Und das ist das, was ihr mit eurem ganzen Herzen erzählen müsst."

Weil nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit Videos, Sprache und Gebärden erzählt wird, ist die Vorstellung für Hörende und für Gehörlose gleichermaßen verständlich.

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