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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.04.2012

Geheimnisse einer Familie

Lisa-Maria Seydlitz: "Sommertöchter", DuMont Verlag, Köln 2012, 208 Seiten

Der Roman blickt auf einen Sommer an der bretonischen Küste zurück.  (Charlotte Knothe)
Der Roman blickt auf einen Sommer an der bretonischen Küste zurück. (Charlotte Knothe)

Lisa-Maria Seydlitz wurde 1985 geboren und lebt in Mannheim. Sie studierte an der Universität Hildesheim sowie an der Université de Provence Aix-Marseille. "Sommertöchter" ist ihr erster Roman: Seydlitz nimmt den Leser mit in einen Sommer in der Bretagne - ein zu Herzen gehender Roman.

"Eine Geschichte, die ans Herz geht" steht in dicken Lettern auf dem Schutzumschlag dieses Romans, und wer sich von solchem Getöse nicht abschrecken lässt, wird belohnt. "Sommertöchter" heißt der erste Roman der 1985 geborenen Lisa-Maria Seydlitz, und er scheint sich auf den ersten Blick trefflich in die Flut aktueller deutschsprachiger Familienromane einzureihen. Wieder einmal ist von "Geheimnissen" einer Familie die Rede; wieder einmal fächert sich das Erzählte durch Rückblenden auf, und wieder einmal dominiert als Erzähltempus das Präsens, das vielen Gegenwartstexten eine wächserne Statik gibt.

Und dennoch: Seydlitz bewegt sich erstaunlich sicher über fast alle diese Untiefen hinweg und legt einen mehr als bemerkenswerten Roman vor. Der blickt auf einen Sommer an der bretonischen Küste zurück, erzählt aus der Perspektive einer jungen Frau - Juno -, die sich, nachdem sie einen eigentümlichen Brief erhalten hat, Richtung Frankreich aufmacht, um ein väterliches Erbe, ein Fischerhäuschen, anzutreten. Der Vater hat sich, einige Jahre zuvor, das Leben genommen, und die Fahrt in die Bretagne dient Juno dazu, sich assoziativ Stationen ihrer Kindheit ins Gedächtnis zurückzurufen. Rätsel umgaben, so scheint es, seit jeher den Vater, der als "Geschäftsmann" nicht näher spezifizierte Reisen nach Frankreich unternahm, ehe er psychisch erkrankte.

Erst als die Tochter im bretonischen Coulard ankommt und sieht, wie das ererbte Haus von einer anderen jungen Frau, Julie, in Beschlag genommen wurde, lichtet sich das Dunkel allmählich. Julie, Camille, Besitzerin der "Bar du Matin", Jan, ein benachbarter Architekt, mit dem Juno alsbald schläft - sie alle sind Steine eines Puzzles, das der Roman Schritt für Schritt komplettiert. So schließen sich jene "Lücken", von deren Existenz Juno zuvor gar nichts wusste. Eine davon betrifft Julie, die, wie sich herausstellt, Junos Schwester ist.

"Sommertöchter" springt - mit kleinen typografischen Signalen versehen - zwischen den Zeitebenen hin und her und verzichtet dennoch auf gekünstelte Verrätselungen. Wenn Juno darüber nachdenkt, "ob die Erinnerungen mit Träumen verschmelzen, mit Wünschen verschmelzen, mit der Gegenwart verschmelzen und zu einem werden, wie bemalte Folien, die man übereinanderlegt und die sich so zu einem neuen Bild fügen", so verbirgt sich in diesem Bild insgeheim die Poetik eines Romans, der mit vielen sinnlichen Details aufwartet. Der Gefahr, den Text mit einer emotionalen oder symbolischen Überdosis zu befrachten, entgeht die Autorin fast immer.

Dass sie mit Sätzen wie "Unsere Tage riechen nach Blütenstaub" mitunter ins Kunstgewerbliche abgleitet, ist verzeihlich - in einem Debüt, das viel verspricht und viel hält. Es erzählt unaufdringlich von vertrackten Gefühlen, von der Unruhe und den Schwankungen, die Kindheit und Jugend begleiten. "Man erinnert sich nicht über Fotos und Filmaufnahmen", bemerkt eine der Figuren lapidar - und stellt damit indirekt heraus, was die Aufgabe von Literatur generell ist, von schmalen, abgrundtiefen und - ja - zu Herzen gehenden Romanen wie "Sommertöchter".

Besprochen von Rainer Moritz

Lisa-Maria Seydlitz: Sommertöchter
DuMont Verlag, Köln 2012
208 Seiten, 18,99 Euro

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