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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 26.07.2017

GegenwartslyrikDichten für ein anderes Europa

Von Max Czollek

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Gruppe bunter Buchstaben in einer transparenten dreidimensionalen Sprechblase (imago / Ikon Images)
Eine Arbeit an der Sprache: Lyrik ist heute eine gesellschaftliche Praxis, so Czollek. (imago / Ikon Images)

Ist Dichtung heute noch relevant? Im Windschatten medialer Aufmerksamkeit habe sich eine Szene formiert, die Poesie als politische Praxis begreife, meint Max Czollek: Dichten bedeutet heute, sich einzumischen, ist der Lyriker überzeugt.

Die Lyrik ist tot. Es lebe die Lyrik! Die diesjährige Verleihung des Georg Büchner-Preises an den Lyriker Jan Wagner hat ein Schlaglicht auf die deutsche Gegenwartslyrik geworfen. Man spricht vom Gedicht. Man bescheinigt ihm gar eine Renaissance. So als würde die Lyrik erst wieder so richtig zu leben beginnen, da sie ihre eigene Lebendigkeit von der Preisjury und dem Feuilleton bescheinigt bekommt.

Das ist natürlich Unsinn. Denn für die Gegenwartslyrik, die sich seit Jahrzehnten im Windschatten medialer und verlegerischer Aufmerksamkeit bewegt, ist diese Frage zweitrangig. Unterdessen ist eine Szene entstanden, die ihre eigenen Räume geschaffen hat und sich fortwährend weitere erschließt. Nahezu monatlich entstehen neue Lesereihen, werden Magazine veröffentlicht und Blogs gegründet.

Junge Lyrik - nicht deutsch, sondern deutschsprachig

Diese Dynamik ist keineswegs auf Deutschland beschränkt. Als Lyriker und Kurator des Projektes Babelsprech zur Vernetzung junger deutschsprachiger Dichtung habe ich Teil an dieser Entwicklung. Und ich glaube, dass wir uns in den letzten Jahren ein neues Adjektiv erarbeitet haben: wir sind nicht deutsche, österreichische, schweizer oder liechtensteiner Autorinnen und Autorinnen. Wir sind Teil einer den deutschsprachigen Raum umfassenden Szene.

Babelsprech bedeutet, ein Bewusstsein für die Heterogenität der Traditionen zu erlangen, welche die deutschsprachige Dichtung in sich birgt. Dadurch wird einem das eigene lyrische Schreiben zu einem Besonderen. Die Gegenwartslyrik beschränkt sich dabei nicht auf einen Leseraum oder das Staatstheater Darmstadt. Sie nimmt Impulse auf aus anderen künstlerischen Feldern, wird Musik, Tanz, Schauspiel, Handy-App oder Freestyle-Cypher. Für die aktuelle lyrische Bewegung ist es gleichgültig, ob man sie totsagt, reanimiert oder zum Partyclown schminkt. Es geht uns um die Praxis.

Poesie als politische Praxis

Denn Dichten bedeutet heute, sich einzumischen. Es ist ein Wider-sprechen gegen gegenwärtige Sprach- und Identitätspolitiken. Eine Arbeit an der Sprache und ihrer Zuweisung von Identitäten. Aber Lyrik ist heute zugleich – und vielleicht mehr als vor zehn Jahren – eine gesellschaftliche Praxis. Sie geht aus von der Dichtung und trägt sie in die Gesellschaft. Sie ist Lyrikvermittlung an Schulen oder der Spruch auf dem Demobanner, ein Labor neuer Identitäten oder die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern aus anderen Ländern.

Schreiben ohne nationale Zugehörigkeit

Wie schon in der Erweiterung der eigenen Perspektive auf den deutschsprachigen Raum entstehen dabei neue Fragen. Denn die Einsicht in die Fremdheit der eigenen Sprache schult zugleich das Auge für die Gleichwertigkeit der anderen Position. Ist die Ukraine relevant für mein Schreiben? Wen ich kenne und auf welche Weise er oder sie mir nah ist, entscheidet auch darüber, ob mich die jeweilige politische Situation berührt.

Somit stellt die lyrische Praxis sich heute dar als eine Alternative zu Prozessen der Renationalisierung. Ihr Fluchtpunkt ist eine Situation, in der nationale Zugehörigkeiten keine Rolle mehr spielen. Ich weiß, dass das optimistisch klingt. Aber zugleich glaube ich, dass wir Schreiben müssten, als wäre genau das der Fall. Dabei werden unsere konkreten Allianzen darüber entscheiden, was wir Europa nennen, nennen sollten und – vielleicht auch – genannt haben werden.

Max Czollek (privat)Max Czollek (privat)Max Czollek, geboren 1987 ist Lyriker, Wissenschaftler und Kurator. Seit 2009 Mitglied des Berliner Autorenkollektivs G13. Seit 2013 Zusammenarbeit mit dem Maxim Gorki Theater Berlin, Studio Я. Initiator und deutscher Kurator des Projektes "Babelsprech" (2013-2015) sowie "Babelsprech.International" (2016-2018). Gemeinsam mit Robert Prosser und Michael Fehr Herausgeber von "Lyrik von Jetzt 3" (Wallstein, Berlin 2015). Im Verlagshaus Berlin erschienen bislang zwei Lyrik Monographien "Druckkammern" (2012) und "Jubeljahre" (2015) sowie das ebook "A.H.A.S.V.E.R" (2016).

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