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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.03.2006

Gegen die Prüderie

Henry Millers "Wendekreis des Krebses" als Hörbuch

Rezensiert von Adelheid Wedel

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Miller beschreibt in seinem Roman seine Jahre in Paris, hier die Charles-de-Gaulle-Brücke. (AP)
Miller beschreibt in seinem Roman seine Jahre in Paris, hier die Charles-de-Gaulle-Brücke. (AP)

Der Amerikaner Henry Miller ist einer der Vorreiter in der Beschreibung des Sexuellen. Mit seinem Roman "Wendekreis des Krebses" hat er die Kriterien für die erotische Literatur neu bestimmt. Der 1934 erschienene Roman liegt nun auch als Hörbuchfassung vor. Gelesen wird es vom Hamburger Schauspieler Werner Wölbern. Sein Anteil am Gelingen des Hörbuches ist immens.

"Nur eins interessiert mich wesentlich, nämlich alles das aufzuzeichnen, was in Büchern weggelassen wird."

Programmatisch ist dieser Satz von Henry Miller, den er in seinem Roman "Wendekreis des Krebses" erfüllt. Es sind seine Jahre in Paris, die er im Buch literarisch gestaltet. Von 1930 bis 1942 lebte Miller, der 1891 in New York geboren wurde, in der französischen Hauptstadt und gehörte hier dem Kreis der amerikanischen Exilanten an. Autobiografisch angelegt beschreibt er, wie er - obwohl mittellos - in großer Freizügigkeit sehr glücklich lebte.

"Ich wurde hierher geschickt aus einem Grunde, den ich noch nicht klar erkannt habe. Ich habe kein Geld, keine Zuflucht und keine Hoffnungen. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt."

Intensiv nimmt Henry Miller das Leben wahr und ungeschönt bringt er seine genauen Beobachtungen zu Papier.

"Die letzten Wochen habe ich ein geselliges Leben geführt. Ich musste mich mit anderen Menschen zusammen tun, besonders mit einigen verrückten Russen, einem betrunkenen Holländer und einer dicken Bulgarin namens Olga. Sie wiegt fast so viel wie eine höckerige Lokomotive. Immer rennt ihr der Schweiß aus allen Poren, sie leidet an Mundgeruch und trägt ständig ihre tscherkessische Perücke, die nach Hobelspänen aussieht. Am Kinn hat sie zwei große Warzen, aus denen ein kleines Haarbüschel sprießt. Sie bekommt einen Schnurrbart."

Einen unbestechlichen Blick hat er nicht nur für Menschen, sondern auch für Paris und New York.

"Paris ist voll von Armen, der stolzesten und schmutzigsten Bettlerschar, die je auf Erden wandelte, so scheint mir. Und doch machen sie den Eindruck, als fühlten sie sich zu Hause. Das unterscheidet die Pariser Seele von denen anderer Großstädte. Wenn ich an New York denke, habe ich ein ganz anderes Gefühl. New York lässt sogar einen sehr reichen Mann seine Unwichtigkeit empfinden. New York ist kalt, glitzernd, böse. Die Gebäude beherrschen alles. Eine Art atomare Raserei haftet dem Getriebe an. Je höher das Tempo, desto mehr nimmt der Geist ab."

Das Besondere aber an Henry Millers Roman "Wendekreis des Krebses", mit dem er nach heftigen Auseinandersetzungen in der literarischen Welt schließlich Weltruhm erlangte, ist das tabulose Notieren der menschlichen Sexualität. Vor etwa 70 Jahren beschwor dieses Buch einen Skandal herauf und Miller selbst war ohne jede Hoffnung, dass dieser alle moralischen und formalen Maßstäbe zertrümmernde Roman jemals gedruckt würde.

"Oh Tanja, wo ist jetzt deine warme Möse, diese dicken schweren Strumpfbänder, diese weichen üppigen Schenkel. In meinem Pint ist ein sechs Zoll langer Knochen. Ich will jede Falte in deiner Möse aushobeln. Samenträchtige Tanja. Dein Sylvester, ja er versteht, ein Feuer zu machen, aber ich weiß, wie man eine Möse entflammt. Ich ficke dich, Tanja, dass du gefickt bleibst!"

Solche Klänge waren bis dato in der Literatur ausgespart. Und es entspann sich eine deftige Auseinandersetzungen um die Frage: Was ist obszön? Was ist Pornografie. Millers Betonung des Ego entspringt einer kritischen Haltung gegenüber der Gesellschaft, in der er den Menschen zunehmend als Objekt sieht.

"Ich lebe noch, rege mich in deinem Schoß, einer Wirklichkeit, die beschrieben werden kann."

Millers langjährige Geliebte Anais Nin sagte von "Wendekreis des Krebses": Es brauchte Zeit bis man sich seiner tiefen Wahrheit zu stellen wagte. 1934 wurde der Roman in Frankreich veröffentlicht, erst 30 Jahre später in den USA, 1970 entstand in den USA nach dem Roman auch ein Film. Man kann Millers Werk als ersten heftigen Angriff gegen eine Gesellschaft lesen, die den Boden bereitet, auf dem Laster gedeiht. Der "Wendekreis des Krebses" schlug die entscheidende Bresche in eine Mauer von Heuchelei und Prüderie. Henry Miller selbst sah das so:

"Und dies hier - das ist kein Buch. Dies ist eine Schmähung, Verleumdung, Diffamierung eines Charakters. Dies ist kein Buch im gewöhnlichen Sinn des Wortes. Nein. Dies ist eine fortwährende Beleidigung, ein Maul voll Spucke in das Gesicht der Kunst, ein Fußtritt für Gott, für die Menschheit, für Schicksal, Zeit, Liebe, Schönheit, was man will."

Das Hörbuch entstand in der Regie von Gottfried von Einem und hat einen Hauptdarsteller, den Hamburger Schauspieler Werner Wölbern. Sein Anteil am Gelingen des Hörbuches ist immens. Er gibt dem Text Wärme auch da, wo der eher kalt und zynisch angelegt ist. Der Einsatz seiner sprachlichen Mittel ist perfekt, denn er gibt den Wörtern, was sie brauchen, liest flehend, zornig, amüsiert - immer voller Teilnahme, mit einem feinen Gespür für die Intentionen des Schriftstellers, eingebettet in einen melancholischen Grundton. Und das alles wohltuend ohne Übertreibungen, mit einem gewissen Understatement. Werner Wölbern ist die ideale Besetzung, die das Hören zum Genuss macht.



Henry Miller: Wendekreis des Krebses
Gelesen von Werner Wölbern.
Audio-Verlag, Berlin 2005, 6 CDs mit Booklet, 438 Minuten

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