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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.12.2010

Gegen die "Denkmalinflation"

Wolfgang Wippermann: "Denken statt Denkmalen. Gegen den Denkmalwahn der Deutschen", Rotbuch Berlin

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Blick auf ein Areal am Schlossplatz in Berlin, das als Standort für ein geplantes nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal vorgesehen ist. (AP)
Blick auf ein Areal am Schlossplatz in Berlin, das als Standort für ein geplantes nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal vorgesehen ist. (AP)

Deutschland ist übersät von Denkmälern, findet der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann. Diese Masse an Monumenten und diese sehr selektive Kultur des Gedenkens hat ihn gereizt, ein Buch zu schreiben, in dem er sich kämpferisch mit der Architektur unseres Erinnerns auseinandersetzt.

Zu den Totengedenktagen im November wurden wieder in vielen Gemeinden an den Kriegerdenkmälern Kränze niedergelegt. In dieser Erinnerungskultur wird zumeist ausgespart, in was für einem Krieg die Gefallenen ihr Leben ließen. Das Gedenken bezieht sich dabei eher auf die beiden Eroberungskriege von 1914 und 1939. In der öffentlichen Erinnerung eher verblichen sind die Freiheitskriege von 1813.

Die Einweihung des Holocaustdenkmals in Berlin 2005. Die Initiatorin Lea Rosh:

"Wir, die Mitglieder des Förderkreises, werden weiter dafür arbeiten, dass möglichst alle Opfernamen eines Tages im Raum der Namen zu sehen und zu hören sein werden."

Das Monument in unmittelbarer Nähe zum Brandenburger Tor erscheint wie ein wogendes Meer von Betonklötzen und soll an die vom Hitlerregime ermordeten Juden erinnern. Diese Ansammlung von Betonquadern ist wohl eines der größten, spektakulärsten und umstrittensten Denkmäler in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik.

Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin, ist ein Mann, der sich gern auch außerhalb seines akademischen Fachkreises in Kontroversen und Debatten einmischt. So auch im Fall der Denkmalskultur. Natürlich wird in regelmäßigen Abständen über den Sinn und Unsinn von Denkmälern gestritten oder versucht, anhand der Monumente der Deutschen über ihren Nationalcharakter zu sinnieren, aber Wippermann geht einen Schritt weiter.

"Gegen den Denkmalwahn der der Deutschen"

... streitet Wippermann und fordert:

"Denken statt Denkmalen."

Ein Beispiel, mit dem er sich auseinandersetzt, ist die Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau bei München. Unmittelbar nach dem Krieg waren in Dachau ehemalige Angehörige der SS eingesperrt gewesen. Denen hatte man zur geistlichen Erbauung eine Kirche errichtet, die eigentlich "Heilig-Kreuz-Kirche" hieß, im Volksmund aber SS-Kirche genannt wurde. Dann verschwanden die SS-Leute und in den Baracken wurden Heimatvertriebene aus dem Osten untergebracht. Für sie gab es einen merkwürdigen Ort:

Heimatstüberl hieß kein Denkmal, sondern ein Café, das sich in einem denkmalwürdigen Gebäude befand. Das wurde von niemandem als unpassend oder gar anstößig empfunden, am allerwenigsten von den neuen Bewohnern des Konzentrationslagers.

Das ehemalige Todeslager Dachau verfügte also über ein Gotteshaus und eine Kaffeestube – aber bis in die 60iger Jahre hinein nicht über eine Gedenkstätte für die Menschen, die hier unter den Nazis ermordet worden waren. Es war ein Ausdruck der westdeutschen Form der "Vergangenheitsbewältigung" in den 50er und 60er-Jahren: Hier wurde die Vergangenheit verdrängt.

Anders die DDR: Hier wurden demonstrativ Denkmäler für den Widerstand gegen Hitler errichtet, allerdings mit einer propagandistischen Lüge: In der Denkmal-Kultur der DDR schien der Widerstand eine proletarische Massenbewegung gewesen sein, einzig und ausschließlich von Kommunisten getragen. In beiden deutschen Ländern dienten Denkmäler nicht den Opfern der Gewaltherrschaft, sondern der Selbstinszenierung des jeweiligen Staates.

Doch warum ließen sich das die Beherrschten gefallen? Erklärungsbedürftig bleibt die bis heute anhaltende allgemeine Akzeptanz der Denkmäler. Gibt es am Ende so etwas wie ein angeborenes und vererbbares "Denkmal-Gen", das die Menschen für den allgemeinen Denkmalwahn so anfällig macht? Diese Fragen konnte ich in meiner Ideologiekritik der Deutschen und ihrer Denkmäler nicht beantworten.

Schreibt Wippermann. Er muss akzeptieren, dass sich die Nation Denkmäler baut – aus dem Willen der Herrschenden, wie im Falle der Kriegerdenkmäler, oder aus dem Willen einer pressure group, wie im Falle des Holocaust-Mahnmals. Dieses Mahnmal mitten in Berlin soll an die ermordeten Juden erinnern. Nur an die Juden. Nicht an die ermordeten Homosexuellen, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma.

Sehr traditionell, von oben, hat der ehemalige Bundesverteidigungsminister Jung "sein" Denkmal für die gefallenen Bundeswehrsoldaten errichten lassen, auf dem Gelände seines Ministeriums. Das jüngste Beispiel staatstragender Denkmäler. Im September 2009 wurde es vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler eingeweiht.

"Es mutet uns zu, über den Tod nachzudenken und darüber, welchen Preis wir zu zahlen bereit sind für ein Leben in Freiheit und Sicherheit."

Nun soll ein Denkmal der deutschen Einheit errichtet werden, und es kommen die Opfer der SED-Diktatur und wollen ihre Denkmäler. Die "Denkmalinflation", wie Wippermann sie nennt, schreitet voran.

Sie gehören zu unserem Alltagsleben wie Auto und Autobahnen. Doch Letztere brauchen wir, Denkmäler nicht. Daher und noch einmal: Stoppen wir den Denkmalwahn. Denken statt denkmalen!

Wippermann thematisiert zu Recht ein Unwohlsein angesichts immer neuer Denkmäler und Denkmaldiskussionen, er hat eine griffige und mitsamt ihrer Polemiken durchaus auch erhellende Geschichte der Denkmäler in Deutschland geschrieben. Die liest man gern. Aber es reicht nicht für eine Streitschrift, die eine Grundsatzdiskussion vom Zaum brechen könnte.

Besprochen von Paul Stänner

Wolfgang Wippermann: Denken statt Denkmalen. Gegen den Denkmalwahn der Deutschen Rotbuch Berlin
192 Seiten, 9,95 Euro

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