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Zeitfragen | Beitrag vom 12.10.2021

Gefahren und Schäden in der Agrarindustrie Wie sinnvoll ist eine Versicherung für Landwirte?

Von Nora Bauer

Aufsicht auf ein trockenes Feld, ein Trecker bearbeitet den Boden. (imago / photothek / Florian Gärtner)
Bodenerosionen machen der Landwirtschaft stark zu schaffen. Dabei würden intakte Böden ohne Kunstdünger auch den Landwirten helfen. (imago / photothek / Florian Gärtner)

Dürre, Hagel, Überschwemmungen – immer mehr leiden auch die Landwirte unter dem mit verursachten Klimawandel. Um die Ausfälle und Schäden bezahlen zu können, wird eine Versicherung diskutiert. Nicht alle sind davon begeistert.

"Auf der A 19 südlich von Rostock hat sich eine Massenkarambolage ereignet", berichtet ein Nachrichtensprecher. "Nach Polizeiangaben waren mehr als 40 Fahrzeuge in den Unfall verwickelt. Mindestens acht Menschen verloren ihr Leben. Zahlreiche Verletzte wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht. Der Grund für den schweren Unfall soll extrem schlechte Sicht gewesen sein."

Das war im April 2011. Vielleicht erinnern Sie sich?

"Anfang April 2011 war ja in Mecklenburg-Vorpommern auf der A19 ein ganz starker Wind, ganz trockenes Wetter vorher. Und auf der A19 – die geht von Nord nach Süd, also von Rostock nach Berlin – wurde Boden bearbeitet direkt an der Autobahn."

Burkhard Roloff ist Agrar-Referent beim BUND in Schwerin. Die A19 führt an der Unfallstelle schnurgerade durch endlose Hektar Monokultur. Eine riesige Fläche rechts und links, 120 Morgen, mehr als 60 Fußballfelder, verlaufen über 1,5 Kilometer parallel zur Fahrbahn. Zum Zeitpunkt des Unfalls herrschte dort nicht zum ersten Mal wochenlange Trockenheit. Die fruchtbare Krume des Bodens, unbewachsen, sauber gepflügt, war der Erosion preisgegeben. Erste Vorboten des Klimawandels, die noch niemand sehen wollte.

"Eine schwarze Wolke wurde bewegt durch das Aggregieren des Landwirtschaftsbetriebes dort und durch den Wind. Und die Autofahrer fuhren dort rein. Es war der größte Massenunfall in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommern." 

Massenkarambolage im Sandsturm. Bei einem plötzlichen Sandsturm krachten auf der A 19 bei Rostock mehr als 50 Fahrzeuge ineinander. Mindestens acht Menschen starben, 100 wurden verletzt. 2011. (imago / Jens Koehler)Auswirkungen des Klimawandels: Bei einem plötzlichen Sandsturm krachten 2011 auf der A19 mehr als 50 Fahrzeuge ineinander. Mindestens acht Menschen starben. (imago / Jens Koehler)
Vor Gericht verurteilt wurde später nicht der Landwirt, der mit schwerem Gerät den völlig ausgetrockneten Boden zu Staub aufgewirbelt hatte, sondern die Autofahrerin, die als Erste ohne Sicht in die schwarze Wolke gefahren und dort mit hohem Tempo ein anderes Fahrzeug gerammt hatte.

"Mit dem Landwirt habe ich unmittelbar danach gesprochen. Es ist gängige Praxis in der Zeit gewesen und auch heute noch, dass die Arbeiten, die sie gemacht haben, in der Reihenfolge und auch in dem Ablauf so üblich sind."

Auch der Bauernpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Detlef Kurreck, sah beim Landwirt kein Verschulden für die Karambolage auf der A19. Die Feldarbeit sei nun mal vom Wetter abhängig. Oft genug seien die Bauern selbst die Geschädigten.

"Es gibt bestimmte Termine, die man einhalten muss, um bestimmte Kulturen anzubauen. Und die Landwirte brauchen den Boden in einer gewissen Qualität zum Bearbeiten, auch die Trocken- und Befahrbarkeit des Bodens. Es war in dem Frühjahr relativ nass, und deswegen waren die heilfroh, dass es trocken war." 

Die Natur spielt nicht mehr mit

Mehr Flächen, mehr Ertrag, mehr Fleisch, weniger Arbeit. Und das alles für die Verbraucher immer billiger. Das ist seit Jahrzehnten das Credo der industriellen Landwirtschaft. Größere Maschinen, Einsatz von Glyphosat und chemischen Düngemitteln sind der Garant dafür. Nur die Natur spielt plötzlich nicht mehr mit. Das Wetter ändert sich. Der Klimawandel ist längst unleugbar geworden. Deshalb rufen die Landwirte jetzt nach einer staatlich geförderten Klimaschutzversicherung.

"Das Thema Krisen-Risiko-Management in der Landwirtschaft, Mehrgefahrenversicherung, ist erst so richtig nach den Dürre-Jahren 18, 19 zum Thema geworden im Bauernverband."

Uwe Hemmerling ist der stellvertretende Generalsekretär beim Deutschen Bauernverband. Der Berufsverband für die Landwirtschaft möchte seine Mitglieder vor dem Klimawandel schützen: Mit einer Rundum-Police gegen Hagel, Sturm, Starkregen, Frost und Dürre.

"Dass über zweieinhalb, drei Monate an vielen norddeutschen, sonst Regen-sicheren Standorten nicht genügend Wasser da war, das hat viele zum Nachdenken gebracht."

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"Die Grundidee gibt es, sagen wir mal, für den engen Bereich Hagel schon seit über 200 Jahren im landwirtschaftlichen Bereich."

Jörg Asmussen ist Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.  Auch er sieht in einer Mehrgefahrenversicherung ein gutes Instrument zum Schutz für die Landwirte.

"Im Laufe der Zeit hat man das entwickelt, dass eben mehrere Gefahren in einer Versicherungsform zusammen versichert sind. Das ist in diesem Fall eben neben Hagel auch Starkfrost, Sturm, Überschwemmung, kann auch Dürre sein, eben auch Gefahren, die angesichts des Klimawandels immer häufiger auftreten. Das gibt es aber auch in anderen Versicherungsformen, dass man mehrere Schäden zusammenfasst. Nehmen Sie die Kasko-Versicherung beim Auto, da ist auch zusammengefasst: Diebstahl, Glasbruch, Hagel und Sturm."

"Adhoc-Hilfen" sollen es richten

Neu im deutschen Versicherungsportfolio für die Landwirte ist tatsächlich nur die Dürreversicherung. Die gibt es seit 2016. Das einzige Problem: Dürreschäden sind schwer zu beziffern. Deshalb wird über die messbare Bodenfeuchte ein Index festgelegt, dessen Unterschreitung den Versicherungsfall auslöst.

"In einer Schaden-basierten Versicherung, die marktüblich ist, bekommt der Landwirt in der Tat den tatsächlich entstandenen Schaden ersetzt. Und Grundlage ist dann für die Berechnung der im aktuellen Jahr erwartete Ertrag des landwirtschaftlichen Betriebes."

Aktuell werden Landwirte für klimabedingte Ernteeinbußen von nationalem Ausmaß von der öffentlichen Hand über sogenannte Adhoc-Hilfen entschädigt, die zur Hälfte aus Landes- und zur Hälfte aus Bundesmitteln finanziert werden.

"Adhoc-Hilfen, die sind ja weder sicher, noch garantiert."

Der Landwirt Erich Gussen bewirtschaftet seinen Hof mit 72 Hektar in der Jülicher Börde in Nordrhein-Westfalen. Er baut neben Zuckerrüben Getreide an: Weizen, Gerste, Hafer, Mais und Triticale, eine der ersten Züchtungen des 19. Jahrhunderts aus Weizen und Roggen. Gewirtschaftet wird konventionell, sowohl mit chemischem Mineral-Dünger, als auch mit Glyphosat. Adhoc-Hilfen sind für die Landwirte ein nicht wirklich scharfes Schwert.

"Es hat ja auch beim letzten Mal da große Diskussionen drum gegeben. Und die Möglichkeiten, die zu beantragen, waren ja dann doch so, dass gar nicht viele in den Genuss gekommen sind."

Um Staatshilfen zu bekommen, muss man seine Vermögensverhältnisse komplett offenlegen. Erich Gussen empfindet es als eine Art Offenbarungseid, eine Demütigung, der er sich aussetzen muss, um in einer vom Klimawandel verursachten Katastrophe Hilfe zu erhalten.

"Man musste auch von den letzten Jahren praktisch die Durchschnittssachen vorlegen. Und eh das mal alles gelaufen war, da war ja schon fast ein Jahr vorbei. Die Adhoc-Hilfe ist ja eigentlich, um mich zuerst mal in der Liquidität zu unterstützen, wenn ich jetzt ein Futterbaubetrieb bin, dass ich Futter für die Kühe kaufen kann! So eine Adhoc-Hilfe, die dann keine Adhoc-Hilfe ist, hilft mir dann nicht."

Zum Bittsteller gegenüber dem Staat wollen die Landwirte nicht werden. Deshalb befürwortet auch Erich Gussen eine Klimaschutz-Versicherung. 

"Wir würden uns natürlich gerne als Unternehmer auch absichern, und da ist genau die Sache, dass man das elegant mit so einer Versicherung auch machen kann. Von der Dürre sind dann irgendwo alle betroffen und wenn das längere Zeit ist, ist das schon dramatisch."

Wetterkapriolen gab es auch schon früher

Man kann die Sorgen der Landwirte und das Bedürfnis nach Absicherung natürlich verstehen. Langanhaltende Trockenheit kann einen Landwirt schnell bis zu 50 Prozent seiner Erträge kosten. Es hat aber auch in früheren Zeiten schon Wetterkapriolen wie Dürre und Starkregen gegeben, und die Landwirte damals haben das auch überlebt, sogar ohne Kunstdünger, Unkraut- und Insektenvernichter. Was verschärft also heute die Situation dermaßen, dass solche grundlegenden Maßnahmen notwendig erscheinen? Um das zu verstehen, müssen wir uns auf einen kleinen Exkurs begeben und uns die Bewirtschaftung genauer ansehen.

"Der Landwirt selber ist ja nur Teil von einem ganzen System. Und das, was wir seit den 80er-Jahren gefördert haben, ist ein System, was Stabilität in den Boden- und Pflanzensystemen nicht beachtet hat. Wenn man mal viele, viele Jahre zurückdenkt, der Mensch hat sich immer schon von Sonnenenergie ernährt, indem er Pflanzen hat wachsen lassen und sie geerntet hat. Wir wollten aber scheinbar einen Überfluss haben und haben da jetzt angefangen, das Erdöl zu nutzen, unsere Bodenschätze wie Kalium oder Phosphat auszugraben." 

Bernd Schmitz ist Landwirt und führt seinen Bio-Hof nach Demeter-Standards in Hanf, in Nordrhein-Westfalen. Erdöl, Kalium und Phosphate sind endliche natürliche Ressourcen. Sie werden von der Petrochemie in großen Mengen für die Produktion von Düngemitteln eingesetzt. Der Überfluss in der Landwirtschaft, den Bauer Schmitz anspricht, wird mit dem Einsatz dieses sogenannten Kunstdüngers erzeugt.

Ein Landwirt düngt ein unbestelltes Feld im Frühjahr mit Mineraldünger, der rote Trecker fährt über den Boden und wirbelt Staub auf. (imago / Countrypixel)Doping fürs Feld: Ohne Kunstdünger hätten Landwirte weniger Erträge, dem Boden würde es aber besser gehen. (imago / Countrypixel)
"Kunstdünger ist so eine Vulgär-Bezeichnung für chemisch-synthetischen Stickstoffdünger, wird seit fast genau 100 Jahren durch das Haber-Bosch-Verfahren hergestellt, 1910 von BASF patentiert", erklärt Burkhardt Roloff vom BUND in Schwerin:

"Haber und Bosch waren zwei deutsche Chemiker, haben eine – 'Brot aus der Luft' hieß es – Ammoniaksynthese erfunden. Und zwar wussten sie natürlich, dass Stickstoff in der Luft ist, und sie haben eine technische Möglichkeit entwickelt, diesen Luftstickstoff mit Wasserstoff zu verbinden, unter ganz hohen Drücken und 400 bis 500 Grad Celsius. Und diese Ammoniaksynthese ist die Basis für den Kunststoffdünger der Welt."

"Das alles natürlich mit der Energie vom Öl oder von der Kohle."

Bio-Landwirt Schmitz stellt die Wechselwirkung zwischen Landwirtschaft und Klima her:

"Also insofern ist die Landwirtschaft doppelt im Bereich dieser Klimageschichte unterwegs. Sie ist mit der Art des Wirtschaftens und einer 'Input-Landwirtschaft' oder einer Erdöl-basierten Landwirtschaft natürlich auch verantwortlich dafür, dass Energie verbraucht wird, ohne sich drum zu kümmern, wo sie herkommt. Aber sie ist der erste Bereich in der Wirtschaft, der massiv davon betroffen ist."

Die Natur schlägt zurück

Landwirte, die in den letzten Jahrzehnten mithilfe von Mineraldünger und Insektiziden auch bei schlechterem Wetter Rekordernten eingefahren haben, hatten keinen Grund, ihr Bewirtschaftungssystem zu hinterfragen.

"Dieses Mantra ist: Der Boden ist in Ordnung, sonst würden wir ja nicht so viel ernten. Aber sie ernten ja nur so viel, weil sie den chemisch-synthetischen Stickstoff und Pflanzenschutzmittel haben. Damit dopen sie den Boden."

Aber jetzt schlägt die Natur zurück. Sie reagiert mit extremer Trockenheit oder Starkregen, erodiert die Humusschicht, und die Landwirte sehen, so geht es nicht weiter. Das Problem, was heute oder seit circa 100 Jahren die Situation zusätzlich verschärft, hängt nämlich gerade mit dem Einsatz von Kunstdünger zusammen.

Der führt den Pflanzen Mineralien zu. Der Boden, diese dünne fruchtbare Schicht von nur etwa 15 Zentimetern, oder das Bodenleben, wie die Bodenkundler dazu sagen, muss aber auch ernährt werden. Nicht mit Mineralien, sondern mit organischem Material. Dafür muss er auch im Winter mit sogenannten Zwischenfrüchten bewachsen sein. Das wird seit Jahrzehnten vernachlässigt.

"Was Otto-Normalverbraucher sich nicht vorstellen kann, dass Boden, also die Erde, auf der wir gehen, mit Lebewesen oder durch Lebewesen besteht. Der größte Teil sind zum Beispiel Bakterien, deren Lebensbedingungen durch den Landwirt erhalten bleiben. Es ist nicht nur feucht oder trocken. Eigentlich muss man die Bakterien füttern, damit der Boden lebendig bleibt."

Nur ein gesunder Boden bindet CO2

Ein intakter Boden mit hohem Humusgehalt nimmt Wasser auf, leitet es in tiefere Schichten und verhindert sowohl Überschwemmungen als auch das Austrocken des Bodens. Er bindet Kohlenstoffdioxid, das berüchtigte Klima-Gas CO2, speichert Stickstoff, Phosphor, Schwefel und alle anderen für das Wachstum der Pflanzen wichtigen Nährstoffe und verhindert, dass sie ins Grundwasser ausgespült werden. Er verdunstet Wasser mithilfe der Pflanzen.

Wenn der Boden nicht ernährt wird, kann er diese Aufgaben nicht erfüllen. Mineralische Dünger lassen das Bodenleben verhungern und bauen den Humusgehalt im Boden immer weiter ab. Die Ackerbewirtschaftung hat nicht nur eine Wirkung auf das globale Klima durch den Verbrauch von fossiler Energie und anderen natürlichen, aber endlichen Ressourcen, sie steht damit auch in direkter Beziehung zum regionalen Wetter.

"Also, das Regenwasser, was runterkommt, sagen wir mal von einer Großwetterlage … Es zieht ein Tiefdruckgebiet durch, regnet ordentlich, und dann gibt es halt in einem gesunden System eine Aufnahme von Wasser durch den Boden, durch den bewachsenen Boden, durch die Humusschicht. Und dieses Wasser hält sich da – für Tage sogar. Der Bewuchs verdunstet es, und das führt wieder zu neuer Wolkenbildung – auch Tage und Wochen, nachdem der Regen gefallen ist."

Ralf Otterpohl ist Professor für Siedlungswasserwirtschaft und Direktor des Instituts für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg.

"Und jetzt ist das natürlich ein riesen Unterschied, ob ich einen Boden habe, der das Wasser gar nicht mehr aufnimmt, weil wenig Humus da ist, oder die Bewirtschaftung da eine Betonschicht draus gemacht hat, eine Verdichtung in der Tiefe, sodass das Regenwasser einfach nicht mehr richtig eindringen kann. Und diese Landschaften trocknen dann aus. Das ist im Grunde genommen so ein bisschen so ein selbst gemachter Anteil vom Klimawandel.

Da fehlt dann die Verdunstung in der Fläche, damit sich auch nach den größeren Regenfällen wieder Wolken bilden können und wieder weiter Niederschlag ist, sodass halt nicht so lange trockene Zeiten entstehen. Landwirtschaft hat Kollateralschäden. Darum geht es doch. Das Wasser ist nachweislich geschädigt, verunreinigt, verschmutzt. Die Luft um Tierhaltungsanlagen ist belastet mit Antibiotika, mit Ammonium und so weiter. Der Artenrückgang, nachweislich durch konventionelle Landwirtschaft. Die Wirkung oder die Folgen auf den Boden ist sozusagen das Letzte, was wir erkennen."

Mit Versicherungen gegen ein zerstörerisches System

Um die hohen Erträge auch auf Böden mit schwindendem Humusgehalt zu erhalten, muss immer mehr Kunstdünger gestreut werden. Für die steigende Produktion wird mehr fossile Energie verbraucht. Je mehr Kunstdünger gestreut wird, umso mehr Nitrat wird eingebracht und umso mehr Humus wird abgebaut. Umso mehr CO2 wird freigesetzt. Umso mehr Grundwasser muss, wieder mit fossiler Energie, gereinigt werden. Das turnt den Klimawandel erst richtig an. Die Folgen sind Dürre und Starkregen, Wind- und Wasser-Erosion auf den Feldern, zerstörte Ernten. Nun soll eine Klima-Mehrgefahrenversicherung es richten.

"Die Spit­ze­ner­träge sind auf jeden Fall weg!"

Beinahe drohend klingt die Überschrift eines Interviews mit Rainer Langner, dem Landwirtschaftsexperten vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V., in dem vor Ernteverlust und Klimawandel gewarnt und für die Dürreversicherung geworben wird.

"Fehlender Regen schmälert erneut die Ernteerträge. Bauern passen sich an die zunehmende Trockenheit an. Auch mithilfe von Versicherungen", wird Langner zitiert. Eine Versicherung soll den Landwirten gegen den Klimawandel helfen. Das klingt beinahe, als hätte man die in Paris formulierten Ziele von maximal 1,5 Grad Erderwärmung schon aufgegeben. Statt für Klimaschutz wird für Risiko-Management geworben. 

"Wir haben im Moment nach Angaben aus der Versicherungsbranche in der Dürreversicherung nur etwa vielleicht 100.000 Hektar", berichtet Uwe Hemmerling vom Deutschen Bauernverband.

"Das ist im Moment jetzt noch nicht der große Run auf die Dürreversicherung. Das sehen wir. Wir brauchen aber diese Dürreversicherung angesichts Witterungsextreme und der ganzen verbundenen Risiken damit, für die Landwirte."

"Das Ziel ist in der Tat, durch eine Mehrgefahrenversicherung einen Paradigmenwechsel einzuleiten, dass man eben aus diesen Ad-hoc-Hilfen rauskommt und rein in eine Eigenvorsorge."

Eine Versicherung statt Hilfe vom Bund?

Jörg Asmussen weiß, wovon er spricht, wenn es um die Verteilung von öffentlichen Geldern geht. Er war früher im Bundesministerium für Finanzen und im Bundesministerium für Arbeit und Soziales als Staatssekretär tätig.

Die sogenannten Adhoc-Hilfen können aus dem Etat des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung bei Ernteschäden "von nationalem Ausmaß" abgerufen werden. Bei nur regionalen Ereignissen wie Hagel, Starkregen, Sturm sind die Länder für Hilfen zuständig. An den Dürrehilfen 2018 waren aber beide, Bund und Länder, beteiligt.

Im September 2019 veröffentlichte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft einen Bericht zum Risiko- und Krisenmanagement der Landwirtschaft. Erstellt wurde er unter Beteiligung der Länder, der Versicherungswirtschaft und des bundeseigenen Thünen-Instituts. Dort heißt es zu den geleisteten Adhoc-Hilfen:

"Im Durchschnitt der Jahre 2012 bis 2018 haben Bund und Länder nach den im BMEL vorliegenden Informationen für Schäden infolge des Auftretens extremer Wetterereignisse (außer Hochwasser) insgesamt 292,0 Mio. Euro ausgegeben. Das macht im Durchschnitt der Jahre 2012 – 2018 einen Betrag von 41,8 Mio. Euro pro Jahr. Würde man die insgesamt zur Verfügung gestellten 340 Mio. Euro ansetzen, ergäbe das im Durchschnitt der Jahre 2012 – 2018 einen Betrag von 50,6 Mio. Euro."

"Wir sagen ja, wir wollen selber als Unternehmer uns absichern, damit wie eben nicht dauernd, wenn solche Extreme eintreten, sagen müssen: ,Ihr müsst uns jetzt unterstützen.' Bei einer Versicherungslösung gibt es aber dann unterschiedliche Möglichkeiten, dass ich für mich selber ein Risiko festsetzen kann. Je höher ich natürlich den Prozentsatz festlege, wo schon die Versicherung greift, umso teurer wird die Prämie", sagt Erich Gussen.

Paradigmenwechsel, der keiner ist

Eine maßgeschneiderte Versicherung! Klingt erst mal toll: Weg von der Staatshilfe hinein in die Eigenverantwortung! Aber bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dieser Paradigmenwechsel, den der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. so gern anstoßen möchte und den auch der Deutsche Bauernverband propagiert, in der Realität als gar kein Wandel des Systems. Das hängt mit der hohen Prämie zusammen.

"Nehmen wir mal an, es gibt eine Versicherungsprämie von 80 oder 100 Euro pro Hektar für diese Mehrgefahrenversicherung einschließlich Dürre, das ist durchaus ein realistischer Tarif, und der gesamte Umsatz dieser Fläche ist dann vielleicht 1000, 1200 Euro pro Hektar. Also, Sie müssen schon sehen, diese Versicherungsprämie hat eine doch erhebliche Kostendimension."

Mit etwa zehn Prozent ihres Umsatzes rechnet Uwe Hemmerling vom Deutschen Bauernverband, wird die Prämie bei den Bauern zu Buche schlagen. Solche Kosten können sie nicht alleine stemmen. Damit die teure Versicherung sich trotzdem durchsetzt, müsse unbedingt staatliche Hilfe dazukommen, fordert der Verband.

"Die finanzielle Unterstützung, die hier erforderlich ist ... Wir haben ja selber auch kalkuliert und gehen hier aus von einem Förderbedarf von etwa 300 Millionen Euro. Das ist natürlich auch eine Menge Geld. Aber wie gesagt, der Vorteil wäre, man käme dann von diesem Adhoc-Katastrophen-Szenario weg. Der Landwirt hätte eine kalkulierbare Unterstützung im Krisenfall."

Der bereits zitierte Bericht zum Risiko- und Krisenmanagement der Landwirtschaft geht zunächst noch von jährlich notwendigen Zuschüssen für die Versicherungsprämien zwischen 45 und 160 Millionen Euro aus. Von einem Paradigmenwechsel kann deshalb ehrlicherweise nicht gesprochen werden. Denn der Staat zahlte dann zwar keine Adhoc-Hilfen mehr, bände sich dafür jedoch eine jährliche anfallende Subventionierung der Risiko-Versicherungsprämien in einer drei- bis womöglich sechsfachen Höhe ans Bein.

Andere Länder sind schon weiter

Was hierzulande noch diskutiert wird, ist in den meisten unserer Nachbarländer allerdings längst Usus: Sie haben die Klimamehrgefahrenversicherung für ihre Landwirte mit staatlicher Subvention für die Prämien schon vor Jahren eingeführt. Zum Beispiel Österreich:

"In Summe werden jetzt da fünf Katastrophen aus öffentlichen Mitteln bezuschusst, weil der Gesetzgeber sagt: 'Naja, es ist auf der anderen Seite kalkulierbar, es sind keine Adhoc-Entschädigungen.' Das ist ja auf Dauer nicht kalkulierbar auch für den Staatshaushalt."

Mario Winkler ist der Pressesprecher der Österreichischen Hagelversicherung, ein Spezialversicherer für Naturkatastrophen in Österreich, Tschechien, Slowakei und Rumänien.

"Der Landwirt hat eine Garantie für eine Entschädigung, weil er einen Versicherungsvertrag hat. Der Landwirt ist auch kein Bittsteller, wo er dann im Katastrophenfall bei den entsprechenden Stellen vorstellig werden muss, sondern das Ganze hat eine gesetzliche Basis. Das ist das Hagelversicherungsförderungs-Gesetz in Österreich respektive das Katastrophenfonds-Gesetz, wo auch verankert ist, einerseits die Höhe der Entschädigung, welche Risiken bezuschusst werden, und dass es, weil das Risiko versicherbar ist, im Katastrophenfall auch keine Entschädigung aus dem Kat-Fonds gibt."

Etwa 100.000 Landwirtschaftliche Betriebe gibt es in Österreich, 60.000 sind über die Hagelversicherung versichert. Die Versicherung wurde 1946 gegründet und seit 1995, dem EU-Beitritt Österreichs, immer weiter ausgebaut. Heute kann ein Landwirt sich gegen Hagel, Frost, Starkregen, Sturm und Dürre und etliche Tierseuchen versichern lassen. Die teuren Versicherungsprämien werden staatlich bezuschusst aus den EU-Zuschüssen für die Landwirtschaft. Das Geld fließt direkt an den Versicherer.

"Wir schreiben dem Landwirt den Anteil von 55 Prozent reduzierte Prämie in der Police vor und bekommen dann den Anteil von Bund und Ländern zurückerstattet."

Ein Konjunkturprogramm für die Versicherungswirtschaft?

Ein Vorbild für Deutschland?

"Solche Pläne sind, glaube ich, wirklich nur ein Konjunkturprogramm für die Versicherungswirtschaft. Ich finde, da werden die falschen Anreize gesetzt."

Miriam Staudte, die stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Niedersächsischen Landtag und Sprecherin für Verbraucherschutz ihrer Fraktion, wendet sich explizit gegen ein solches Vorhaben. In der kommenden Legislaturperiode soll das Thema Mehrgefahrenversicherung für Landwirte im Bundestag auf die Tagesordnung stehen.

"Eine Versicherung einzuführen, ist ja so was wie eine 'End-of-the-Pipe'-Maßnahme. Wir machen alles so weiter wie bisher, und damit es für den Einzelnen nicht so hart wird, wird es mit einer Versicherung abgefedert. Das ist keine Lösung. Das ist nichts Nachhaltiges."

"Das ist im Grunde die Lizenz, weiter zu zerstören."

Auch Ralf Otterpohl, der Siedlungswasserwirtschaftler, plädiert vielmehr dafür, konstruktivere Ideen zu umzusetzen.  

"Die Landwirtschaft hat den Klimawandel zum großen Teil gemacht, und die Landwirtschaft hat den Hebel in der Hand, den umzudrehen. Es ist einfach: ordentlich zu wirtschaften nach den Prinzipien der regenerativen Landwirtschaft. Nicht mehr zu pflügen, Gründüngungen und vor allem die Bodenbiologie anreichern. Das ist aber ein Prozess, der steuerbar ist, der auch umkehrbar ist. Und man kann, wo es wenig Regen gibt, durch eine ordentliche Bewirtschaftung diesen Wasserkreislauf wieder in Gang bringen."

Eine Gurke wächst auf einem Biohof in einem Gewächshaus. (imago / Panthermedia / fotogigi)Eine Biogurke: "Die Landwirtschaft hat den Klimawandel zum großen Teil gemacht, und die Landwirtschaft hat den Hebel in der Hand, den umzudrehen." (imago / Panthermedia / fotogigi)
Finanziert werden soll die teure Klimaschutz-Versicherung auch in Deutschland mit den Milliarden aus Brüssel, der sogenannten Hektar-Prämie, die mal dazu gedacht war, die Überproduktion einzuhegen, die Butterberge und Milchseen. Die deutschen Landwirte sollten dadurch unabhängig vom Weltmarkt sein und gleichzeitig dort konkurrenzfähig. Diese Art der Förderung steht seit Langem in der Kritik.

"Das sind ja so viele Milliarden, die da verteilt werden, da könnte man so viele positive Anreize setzen, und die Landwirte warten eigentlich darauf."

Statt aber mit den Milliarden der EU-Hektarprämie positive Anreize für eine andere Bewirtschaftung zu setzen, sollen damit: 'ab 2023 bis zu 70 Prozent der Mehrgefahren-Versicherungsprämien bezuschusst werden können', schreibt Michael Hauck, der Sprecher des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in einer E-Mail. Klimaschutz geht anders.

"Warum wird nicht gefördert, dass Nutzhanf stärker angebaut wird, eine Pflanze, die zwei Meter tief wurzelt und immer an Feuchtigkeit kommt, die nicht beregnet werden muss, die man aber auch für den ökologischen Bau sehr gut verwenden kann! So muss man doch neu denken und nicht überlegen, wie der Mais weiter angebaut wird für die Biogasanlage und dafür Tag und Nacht beregnet wird."

Hilft eine Klimaschutzversicherung dem Klima?

Auch Bauer Schmitz hegt am Sinn einer Klimaschutzversicherung seine Zweifel.  

"Wem ist denn da geholfen, im Endeffekt, wirklich? Ist da wirklich den Bauern, die sich für stabile Systeme in ihren Betrieben engagieren und einsetzen, geholfen, die dann vielleicht weniger Schaden haben? Oder vielmehr denen, denen alles das mistegal ist? Wenn wir jetzt die Landwirtschaft versichern, was brauchen wir dann am Klimawandel zu tun? Ist ja alles versichert. Das passt nicht zusammen, das gehört einfach nicht in so ein System rein, dass wir uns rundum versichern, das Rundum-Glücklich-Paket oder so was." 

Die noch amtierende Bundesministerin für Landwirtschaft, Julia Klöckner, sieht das anders. Sie hatte in einem Brief vom 5. Mai dieses Jahres, der uns vorliegt, ihren Kollegen und Finanzminister Olaf Scholz schon mal aufgefordert, die Fördergrundsätze für die "Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes" um eine "Risikoabsicherung" zu erweitern. Sie freue sich, schreibt sie, wenn man hier gegenüber den Ländern mit einer Stimme sprechen könne.

Natur ist offenbar, wie Martin Heidegger es formuliert hat, für manche wirklich nur ein technisches Problem.

Redaktion: Carsten Burtke
Regie: Nora Bauer
Es sprechen: Rebecca Madita Hundt und Gerd Daßen

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