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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 20.04.2017

Gefängnisse in FrankreichBrutstätte für Terror und Hass

Von Burkhard Birke

Das französische Gefängnis Baumettes bei Marseille. (picture alliance / dpa / Speich Frédéric)
Gefängnisseelsorger und Imam Mustafa Kaf arbeitet im Gefängnis Baumettes bei Marseille. Sein Auftrag: Allen Gefangenen, die es wünschen, Trost zu spenden. (picture alliance / dpa / Speich Frédéric)

Sind französische Gefängnisse die Brutstätte des Dschihadismus? Auf bis zu 9000 schätzt man in Frankreich die gewaltbereiten Islamisten. Viele von ihnen waren oder sind in Haftanstalten. Die sind hoffnungslos überbelegt, die Wärter völlig überfordert.

Die Tür der Haftanstalt schließt sich, die zu einer anderen, einer neuen Welt öffnet sich für viele. Es fängt beim täglichen Spaziergang im Hof an. Karim erinnert sich:

"Da gab es die Süchtigen, voll gepumpt mit Heroinersatz, völlig fertig. Zu denen wollte ich keinesfalls gehören. Dann gab es die Sportlichen. Die waren extrem gewalttätig. Zu zehnt sind sie einem anderen auf dem Kopf herumgesprungen. Vielleicht muss ich mich denen anschließen, dachte ich. Und dann habe ich diese Gruppe von Typen gesehen, die beim Spaziergang beteten."

Friedlich, scheinbar in Harmonie mit sich selbst. Karim stößt zu ihnen und macht Bekanntschaft mit einer besonderen Art der Religiosität. Geführt wird eine solche Gruppe in der Regel von einem selbsternannten Imam - Hardliner, die Kleinkriminelle wie Karim Tag für Tag ein Stück weiter von ihren Ideen überzeugen.

"Die Gefängnisse sind der Nährboden, weniger der Ursprung des Dschihadismus. Der gedemütigte Kleinkriminelle nimmt sich doch nicht wie die wahren Ideologen die Zeit, Arabisch zu lernen etc., sondern er lässt sich im Gefängnis direkt manipulieren und findet einen Weg, schnell Rache zu üben."

 ... glaubt der Soziologe Raphael Liogier. Leute wie Karim bestätigen dies im Grunde. Kaum einer der bekannten Attentäter, die fast alle Zeit im Knast verbracht hatten, war wirklich ideologisch orientiert. Das freilich, was ihnen als Religion angepriesen wurde, gab ihnen einen Halt, ein Zusammengehörigkeitsgefühl.  

"In der Religion finden viele Häftlinge inneren Frieden, sie überleben. Religion ist eine Zuflucht und hilft ihnen, nicht zu explodieren. Sie gibt ihnen die Ruhe, die uns so oft fehlt – nach meinen Beobachtungen."

Gefängnisseelsorger und offizieller Imam

Mustafa Kaf ist Gefängnisseelsorger, offizieller und nicht selbsternannter Imam. Er spricht natürlich vom friedlichen Islam, nicht dem, der dem Dschihadismus, dem Terror das Wort und den Tod der Ungläubigen herbeiredet. Mustafa Kaf's offizieller Auftrag: Allen Gefangenen, die es wünschen, Trost zu spenden. Es sind sehr viele, zu viele, berichtet der im Marseiller Gefängnis Les Baumettes aktive Imam. Mustafa Kaf ist sich aber sehr wohl bewusst, dass er vor allem auch gegen die Radikalisierung im Gefängnis wirken soll.

"Mit einem offiziellen muslimischen Seelsorger gibt es schon einmal keinen selbsternannten Imam im Gefängnis. Das ist sehr wichtig. Durch die Präsenz eines Gefängnis-Imams fühlen sich viele Häftlinge aber auch weniger ausgegrenzt, weniger stigmatisiert."

Das Gefühl der Ausgrenzung ist nach Auffassung von Farhad Koshrokavar das Kernelement bei der Radikalisierung. Jahrelang hat der Soziologe von der École des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris das Phänomen der Radikalisierung in europäischen, speziell in französischen Gefängnissen untersucht:

"Die meisten jungen Leute, die radikalisiert worden sind in Frankreich, haben irgendwie eine Zeit im Gefängnis verbracht – zwischen einigen Monaten bis zu vielen Jahren. Und ich glaube, das ist wichtig. Das heißt, die werden etwas Ungesetzliches machen, die werden wiederholen, die werden ins Gefängnis geschickt und dann manchmal im Gefängnis, radikalisieren sie sich."

Dieses Profil passt auf viele Attentäter: Auf Mohamed Merah, der 2012 in Toulouse unter anderen Juden attackierte, auf Amedy Coulibaly, der beim Angriff auf den jüdischen Supermarkt dabei war, Anfang 2016.

Ungefähr die Hälfte der Gefangenen sind Muslime

Farhad Koshrokavar: "Wir dürfen nicht vergessen, dass in Frankreich heutzutage ungefähr 50 Prozent von den Gefangenen irgendwie Muslime sind. Über die Tatsache, dass ungefähr die Hälfte der Gefangenen Muslime sind, gibt es keine Zweifel. Ich habe 2004 ein Buch darüber geschrieben und zum ersten Mal dieses Problem zum Publikum gebracht, dass in Frankreich im Gefängnis die Hälfte sind Muslime. Das ist ein sehr wichtiges Problem – auch in anderen europäischen Ländern." 

Ein krasses Missverhältnis, bedenkt man, dass höchstens ein Zehntel der französischen Bevölkerung ihren Ursprung in muslimisch geprägten Ländern hat, was nicht heißt, dass es sich auch um gläubige Muslime handelt.

Offizielle Statistiken über ethnischen Ursprung und Religion sind in Frankreich anders als in den USA generell verboten. Dennoch schätzt auch Seelsorger Mustafa Kaf, dass in der Haftanstalt von Marseille eine Mehrheit aus den Maghreb-Ländern stammt.

Von Muslimen zu sprechen, ist es ein weiter Begriff, sagt Mustafa Kaf, entsetzt über die Instrumentalisierung der Religion für den Terror:

"Viele wissen doch nichts über den Islam, haben ihn nie praktiziert. Die haben den Islam doch nur benutzt, um ihren Hass über ein System auszudrücken, das sie schlecht behandelt und marginalisiert hat."

Das Gefängnis als Katalysator für Hass und Terror? Mit 68.000 Insassen sind Frankreichs Haftanstalten hoffnungslos überbelegt, die Wärter völlig überfordert.

"Die Islamisten geben den Ton an in den Gefängnissen. Wir Aufseher sind nur Zuschauer. Wir tun, was wir können, aber wir bekommen nicht die nötige Unterstützung."

 ... sagt Emmanuel Baudouin. Besonders dramatisch stellt sich die Situation in den Gefängnissen in und um Paris dar, wie in Fleury Meurogis. Belegungsgrad 160 Prozent, 150 Stellen nicht besetzt. Ein Wärter ist für bis zu 100 Häftlinge zuständig. Sechs Aufseher wurden zuletzt angegriffen. Letzte Woche sind deshalb hunderte Wärter auf die Barrikaden gegangen:

Über Megaphon: "In keiner Kategorie gibt es ausreichend Personal!" 

Jetzt läuft eine Frist: Bis 21. April hoffen sie, auf dem Verhandlungsweg Forderungen nach mehr Personal und Unterstützung durchzusetzen.

Konzentration der Radikalen

Ausgerechnet in Fleury Mérogis sitzt Salah Abdeslam, der einzige überlebende Attentäter des 13. November 2015 in Einzelhaft. Versuchsweise hat man in einigen Gefängnissen auch die besonders Radikalen zusammengelegt. Eine fragwürdige Strategie für Aufseher Yoan Kaspar:

"Diese Häftlinge sind nicht isoliert vom Rest. Man hat einen harten Kern geschaffen. Das hat zu kollektivem Gebet im Hof, zu Predigten vom Fenster aus geführt. Sie rufen zum Dschihad auf und dazu, die Aufseher zu töten. Die haben keine Skrupel, einen Wärter anzugreifen, zu versuchen, ihn zu erwürgen, ihn anzuspucken."

Durch die Konzentration der Radikalen kommen der Gefängnisleitung vor allem auch wichtige Informanten abhanden, glaubt der Soziologe Farhad Koshrokavar. Im Grunde ist man ratlos. Gefängnisse sind sicher nur eine Quelle der Radikalisierung. Längst werden auch junge Mädchen und Männer selbst aus gutbürgerlichen Milieus übers Internet indoktriniert und für den Dschihad, für den Islamischen Staat rekrutiert. Dennoch bleiben Gefängnisse ein Brennpunkt. Auf bis zu 9000 schätzt man in Frankreich die gewaltbereiten Islamisten. Viele von ihnen waren oder sind in Haftanstalten.

 

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