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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.06.2018

Gefährlicher Straßenverkehr für FahrradfahrerLieber defensiv fahren

Siegfried Brockmann im Gespräch mit Ute Welty

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Ein Fahrradfahrer fährt am 27.11.2017 über eine Fahrradstraße in Hannover (Niedersachsen) (dpa picture alliance / Julian Stratenschulte)
Radfahren in Großstädten ist immer noch gefährlich (dpa picture alliance / Julian Stratenschulte)

Immer wieder kommen Fahrradfahrer bei Verkehrsunfällen in den Innenstädten ums Leben. Verkehrsexperte Siegfried Brockmann fordert daher, dass LKW mit Abbiegeassistenten ausgestattet werden.

In Berlin starb diese Woche ein achtjähriger Junge auf dem Schulweg mit dem Fahrrad, weil ein LKW-Fahrer ihn übersehen hatte. Zum heutigen "Tag der Verkehrssicherheit" fordert der Verkehrsexperte Siegfried Brockmann, dass LKW mit einem Abbiegeassistenten ausgestattet werden. Die Technik sei inzwischen ausgereift, sagte er im Deutschlandfunk Kultur.   

Die Hersteller müssen LKW ausrüsten

"Wenn die Bundesregierung darauf hinweist, dass sie auch Förderprogramme hat, um im Zweifel die Spediteure bei der Anschaffung zu unterstützen, kann ich nur sagen, jawoll, das wäre auch ein Mittel", sagte Brockmann. "Aber es wird nicht anders gehen, als dass die Hersteller das jetzt serienmäßig machen, das heißt, ohne Extrakosten beim Kauf."

Neben diesen kurzfristigen Maßnahmen seien Förderprogramme der Bundesregierung nötig. Ein EU-weites Gesetz könne dagegen noch einige Jahre dauern. Brockmann rät aber auch dazu, seinen Kindern beizubringen, defensiv zu fahren und lieber einmal zu viel abzuwarten.


 Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Auch heute bin ich wieder auf dem Weg zu "Studio 9" daran vorbeigefahren an einer dieser Hinweistafeln, die mich darauf aufmerksam machen, wie gefährlich der Straßenverkehr in Berlin sein kann, und ich habe die Meldung noch im Ohr, die vom Tod eines Achtjährigen berichtete. Der Junge war zusammen mit seiner Mutter auf dem Fahrrad unterwegs, wurde von einem Lkw-Fahrer übersehen, überrollt, und er starb noch an der Unfallstelle. Der heutige Tag der Verkehrssicherheit will dazu beitragen, so etwas zu verhindern, und das ist auch Ziel des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Siegfried Brockmann leitet dort die Abteilung Unfallforschung.

Nach dem Tod des Achtjährigen in Berlin werden jetzt wieder die Rufe laut nach sogenannten Abbiegeassistenten für Lkw, die eben warnen, wenn beim Abbiegen der Weg für den Lkw nicht frei ist. Woran liegt es, dass diese Systeme nicht längst eingeführt sind?

Eine Frau steht am 18.02.2015 in Wiesbaden (Hessen) mit ihrem Fahrrad an einer belebten Kreuzung.  (picture alliance / dpa / Arne Dedert)Radfahrerin im Straßenverkehr (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Brockmann: Also erstens haben wir reichlich Zeit verloren, weil wir schon vor drei Jahren gewarnt haben, dass wir sowas dringend brauchen, und dann gab es auch tatsächlich bei der Bundesregierung einen runden Tisch, bei dem wir alle zusammensaßen, und alle haben gesagt, jawoll, das brauchen wir, und dann hat die Industrie gesagt, wir können es noch nicht. Damals haben wir gesagt, okay, das sehen wir ein, denn das Problem ist, mal für den Laien:

Natürlich kann man eine ganze Menge Sensoren anschrauben, die machen dann das, was der Parkpiepser auch macht, der in vielen Pkws verbaut ist, aber in der Innenstadt haben Sie natürlich haufenweise Menschen, Fußgänger, Radfahrer in alle möglichen Richtungen, das heißt, es piepst dauernd. Deswegen musste dem System sozusagen Intelligenz beigebracht werden. Es muss nicht nur was sehen, es muss auch verstehen, was passiert und nur warnen, wenn wirklich was im Gefahrenbereich ist, und das hat jetzt eine Weile gedauert, aber seit einem Jahr haben wir ein funktionierendes System.

Seitdem sage ich, die anderen Hersteller müssen sich mehr beeilen, und die Bundesregierung muss auch international jetzt dafür sorgen, dass das ganz schnell gesetzliche Pflicht wird. Ich glaube, da muss man noch mehr Performance drauf geben.

Die Spediteure sparen

Welty: Das heißt, dieses System ist seit einem Jahr vorhanden und wird trotzdem nicht eingebaut?

Brockmann: Ja, das Problem ist, dass die Speditionsbranche in einem sehr harten Wettbewerb steht auf der einen Seite, und auf der anderen Seite, dass der Hersteller, der es schon macht, es, wie beim Pkw auch, in einem großen Paket untergebracht hat. Das heißt, man muss mehrere Tausend Euro investieren, um das Ding zu kaufen, und wenn Sie jetzt eine Flotte von 50 oder 100 Lkw haben, ist das natürlich eine Menge Holz, gerade wenn man weiß, dass ausländische Speditionen, gerade auch osteuropäische, gar nicht daran denken, das anzuschaffen, und deswegen werden wir wahrscheinlich am langen Ende um eine gesetzliche Pflicht für ganz Europa nicht herumkommen, damit hier Wettbewerbsgleichheit hergestellt ist.

Welty: Haben Sie darüber schon mit dem Bundesverkehrsminister gesprochen?

Brockmann: Nun Gott sei Dank ist es jetzt endlich auch ganz oben angekommen, denn es steht ja in der Koalitionsvereinbarung, und seitdem ist auch tatsächlich Druck drauf. Auch der Bundesrat hat sich mit dieser Frage befasst. Die Länder fordern das inzwischen auch, und deswegen bin ich mir eigentlich sehr, sehr sicher, dass in den Verhandlungen jetzt entsprechend auch agiert wird. Das Problem ist nur, in diesen Verhandlungen sitzen auch viele Länder, die das deutsche Sicherheitsempfinden so nicht teilen.

Die sagen, ihr mit eurer Regulierung geht uns auf die Nerven, und deswegen bin ich auch leider sicher, dass das jetzt bestimmt noch mal zwei Jahre braucht, bis wir diese Verpflichtung haben. Dann hat man noch eine Übergangsfrist vielleicht von zwei Jahren. Wenn dann diese vier bis fünf Jahre um sind, fangen wir ja nur mit Neufahrzeugen an, und das heißt, bis dann letztlich alle Lkw das haben, gehen von jetzt an mindestens noch mal zehn Jahre ins Land. Deswegen wäre das für mich so wichtig, dass wir jetzt erstens sagen, die Hersteller müssen es billiger anbieten, es darf nicht nur in diesem teuren Paket sein, und die Spediteure müssen dann auch, wenn es günstiger wird, es schon mal freiwillig anschaffen.

Welty: Wenn es insgesamt zehn Jahre dauert, bis wir diesen Abbiegeassistenten autodeckend, sage ich jetzt mal, in den Lkws haben, was machen wir in der Zwischenzeit? Braucht es womöglich auch ein besonderes Training für die Fahrer, braucht es vielleicht sogar Beschränkungen, was den Lkw-Verkehr in den Städten angeht?

Brockmann: Wir müssen das Unfallgeschehen, was das betrifft, jetzt noch mal ein bisschen beobachten. Wenn das so weitergeht – und in diesem Jahr haben wir wirklich auffällig viele auch von diesen Unfällen, und wir sehen ja immer nur die Getöteten, wir haben ja noch eine ganze Menge, wo der Radfahrer zwar mit dem Leben davonkommt, aber auch schwer verletzt wird –, dann müssen wir tatsächlich auch über weitere Maßnahmen nachdenken, aber ich glaube, der Abbiegeassistent …

Förderprogramme der Bundesregierung

Welty: Welche sind das denn?

Brockmann: Ja nun, wir sehen, in London beispielsweise gibt es schon bereits Einfahrverbote für Lkw, es gibt die Pflicht, dass dort andere Scheiben in die Türen eingebaut werden. Das geht allerdings nur bei kleinen Lkw. Bei den großen ist das leider so, dass die Tür ohnehin viel zu hoch sitzt, weil der Fahrer ja quasi auf dem Motor sitzt. Also so einfach ist das alles nicht. Deswegen ist der Abbiegeassistent eigentlich schon das Mittel der Wahl.

Wenn die Bundesregierung darauf hinweist, dass sie auch Förderprogramme hat, um im Zweifel die Spediteure bei der Anschaffung zu unterstützen, kann ich nur sagen, jawoll, das wäre auch ein Mittel. Aber es wird nicht anders gehen, als dass die Hersteller das jetzt serienmäßig machen, das heißt, ohne Extrakosten beim Kauf. Das macht sie ja mit Komfortsystemen auch, beispielsweise ein toller Fahrersitz, der da serienmäßig drin ist, und das kann man mit Sicherheitssystemen auch machen. Das brauchen wir jetzt schnell.

Berlin, Deutschland, GER, Unter den Linden, Fahrradfahrer (Imago / Stefan Zeitz)Radfahrerinnen in Berlin (Imago / Stefan Zeitz)

Welty: Was können Eltern zusätzlich leisten, was können sie ihren Kindern beibringen, was im Zweifel Leben retten könnte?

Brockmann: Es ist leider so, dass man … Also bei Pkw kann man immer noch sagen, du musst gucken, ob der dich gesehen hat, das heißt, wenn du seine Augen siehst im Spiegel oder seine Augen live siehst, dann hat der dich gesehen. Beim Lkw ist das etwas schwieriger, weil natürlich die Spiegel relativ weit weg sind, man sieht den Fahrer kaum.

Deswegen würde ich persönlich dazu raten, im Zweifel immer anzuhalten, denn man kann nicht wissen, ob der Lkw-Fahrer tatsächlich im richtigen Moment in den richtigen Spiegel geschaut hat, und dann defensiv zu sein, zu sagen, okay, ich habe zwar Vorfahrt, aber das nützt mir nichts, wenn ich tot bin. Das ist, glaube ich, das A und O, und das würde ich meinen Kindern auch beibringen.

Welty: Heute ist der Tag der Verkehrssicherheit. Dazu das Interview mit Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Ich sage herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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