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Buchkritik | Beitrag vom 26.10.2020

Geert Mak: "Große Erwartungen"Analyse der Schicksalsmomente Europas

Von Marko Martin

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Das Buchcover von Geert Mak: "Große Erwartungen", Siedler Verlag, 2020. (Siedler Verlag / Deutschlandradio)
In seinem Buch entwirft Geert Mak einen gesamteuropäischen Gedächtnisraum. (Siedler Verlag / Deutschlandradio)

"Auf den Spuren des Europäischen Traums" lautet der Untertitel von Geert Maks Analyse über Europas "Große Erwartungen". Mak untersuchte dafür, wo und wie dieser Traum verging und schuf damit eine reflektierte Chronik der beiden letzten Jahrzehnte.

Über Europa wird seit jeher viel geschrieben. Man mag die inflationäre Häufung bedauern oder gar als Beweis für den Niedergang sehen: Ein Kontinent kreist mürrisch nur noch um sich selbst. In der Tat hat besonders in der letzten Zeit das Genre der "Warnschriften" wieder einmal Konjunktur - schnell geschrieben und ebenso schnell vergessen.

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Ins Positive gewendet, ist Europa jedoch noch immer der wohl einzige Kontinent auf der Welt, der ein reflektiertes Problembewusstsein seiner selbst besitzt. Geert Maks Buch "Große Erwartungen. Auf den Spuren des europäischen Traums" zeugt genau davon. Der niederländische Publizist ist Jahrgang 1946 und der wohl renommierteste Sachbuchautor seines Landes. Auch in Deutschland ist er seit langem bekannt - unter anderem als Verfasser einer umfangreichen Stadt-Biographie Amsterdams und eines viel gelobten Buchs über eine politische Reise quer durch die USA.

Flüchtlingskrise und Rechtspopulismus

In "Große Erwartungen" hat er nun den Kontinent durchstreift -  von Finnland bis Lampedusa, von Schottland bis in die Ukraine -  und spürt hier vor allem den innereuropäischen Bruchlinien der vergangenen zwei Jahrzehnte nach. Von der Euphorie des EU-Beitritts der osteuropäischen Länder über die Finanzkrise von 2008/9 bis zur Flüchtlingskrise von 2015 und dem zunehmenden Rechtspopulismus nimmt er die zeitgenössischen Herausforderungen und Krisen in den Blick. Sogar der Beginn der Coronapandemie wird in diesem 600-Seiten-Buch beschrieben, das im April dieses Jahres beendet wurde.

Freilich liefert Mak dabei weder wohlfeile Plattitüden noch nachgetragene Zeitungs-Resümees, sondern gräbt tiefer: Mak verlässt sich dabei nicht allein auf Bücherwissen und Statistiken (obwohl er diese immer wieder zu Rate zieht), sondern hört kontinentweit seinen Gesprächspartnern zu, die ihre komplexen lebensweltlichen Erfahrungen mit Europa eindrucksvoll schildern.

Zuviel "Brüssel"?

Was nämlich ist irgendwann schief gelaufen? Und: Waren die EU-Beitritte osteuropäischer Staaten wirklich in Gänze jene Erfolgsgeschichten, als die sie verkauft wurden? Mak beschreibt den wiederaufgeflammten Nationalismus in Kroatien und Ungarn ebenso wie die fortdauernde Korruption in Rumänien oder Bulgarien, und er vermisst hierbei eine gesamteuropäische Strategie. Ist es demnach nicht ein "Zuviel an Brüssel", wie oft populistisch behauptet wird, sondern im Gegenteil ein "Zuwenig an emanzipatorischer Institutionen-Kraft", die die gegenwärtige Malaise vielleicht mit erklärt? Es hätte nicht geschadet, wenn sich Geert Mak hier etwas entschiedener positioniert und mitunter auch bei seinen Gesprächspartnern pointierter nachgefragt hätte.

Die fortbestehenden post-kommunistischen Prägungen in Teilen Osteuropas kommen deshalb leider ebenso wenig zur Sprache wie die konkreten russischen und chinesischen Einflussversuche. Anderes hingegen wird in großer Klarheit angesprochen: Der italienische Dauerpopulismus, die sozialen Auswirkungen eines gerade auch in Deutschland boomenden Niedriglohnsektors, das Spannungsverhältnis zwischen Effizienz und demokratischer Legitimierung der EU, die Verwerfungen zwischen Nord- und Südeuropa oder zwischen Ost und West mit ihren unterschiedlichen historischen Narrativen. 

Gesamteuropäischer Gedächtnisraum

Beobachtungen dieser Art sind auch deshalb so eindringlich, weil sie keine bloßen Thesen illustrieren, sondern auf unideologische Weise an die vielfältige Genese heutiger Probleme erinnern. Der gesamteuropäische Gedächtnisraum, den Geert Mak hier entwirft, ist ohne wohlfeile Tröstungen, doch nicht ohne Hoffnung: Ein Kontinent, der sich auf diese Weise immer wieder kritisch hinterfragt, besitzt nach wie vor das Potential, seine zahlreichen Probleme rational zu lösen – bis zur nächsten Herausforderung.

Geert Mak: "Große Erwartungen". Auf den Spuren des Europäischen Traums (1999-2019)
Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
Siedler Verlag, München 2020, 640 Seiten, 38 Euro

Hören Sie hier auch unser großes Gespräch mit Geert Mak über sein Buch:

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