Seit 15:05 Uhr Tonart
Mittwoch, 03.03.2021
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Konzert / Archiv | Beitrag vom 27.01.2021

Gedenkkonzert zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers von AuschwitzFlucht in die Musik

Moderation: Stefan Lang

Ein Mäusebussard überfliegt mit großen Schwingen eine Reihe von gezogenen Stacheldrahtreihen. (IMAGO / Karina Hessland)
Einfach eine Grenze überfliegen - für viele Menschen nur ein Traum. (IMAGO / Karina Hessland)

Komponisten wie Robert Kahn, Mátyás Seiber oder Ursula Mamlok schrieben Musik, um nach ihrer Flucht nicht zu zerbrechen. Das Schicksal teilt auch Chaja Arbel, die das Tagebuch der Anne Frank musikalisch inszeniert.

Flucht in die Fantasie – so ist das Programm des heutigen Abends überschrieben, ein Abend der Reihe "Living Music". Es präsentiert Werke von Komponisten, denen Flucht, Vertreibung, Angst und Bedrohung, aktuell wie im Rückblick, im Leben begegnet sind.

Ihnen wurden Bedrängung, Verfolgung, Ausgrenzung und Tod zu künstlerischen Koordinaten. Das Else Ensemble spielt, Mimi Sheffer singt. Sie ist Kuratorin der Reihe, Kantorin und Entwicklerin jüdischer Musiktradition.

Verstoß aus der Heimat

So erklingen zum Beispiel Vertonungen von Gedichten der deutsch–jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler, die fast auf den Tag genau im Jahr 1945 in Jerusalem gestorben ist. Else Lasker-Schüler – 1932 hatte sie noch den Kleist Preis erhalten, dann kam alles anders: nach tätlichen Angriffen floh sie in die Schweiz, ihr wurde 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Eyal Bat hat einige ihrer Gedichte vertont.

Schwarz-weiß-Fotografie einer ernst blickenden Frau mit dunklem, schulterlangem Haar, die einen Mantel mit großem Kragen trägt. (picture-alliance / dpa /  Ullstein)Else Lasker-Schüler wurde 11. Februar 1869 in Elberfeld geboren und ging über die Schweiz und Ägypten nach Jerusalem. (picture-alliance / dpa / Ullstein)

Oder die Annäherung an Anne Franks Tagebuch durch Chaya Arbel, die Textfragmente einem Mezzosopran, einem Streichquartett und einem Klavier anvertraute. Als Gerda Schloss wurde die Komponistin 1921 geboren, sie emigrierte 1936 mit ihrer Familie nach Palästina, wurde in einem Kibbuz sozialisiert und fand erst spät zum Studium von Klavier und Komposition.  

Bruch trotz Anerkennung

Zum Schluss erklingt Musik von Robert Kahn. 1865 wurde er geboren. Als alter Mann, im Alter von über 70 Jahren, musste er schließlich nach England emigrieren. Er wurde aus einem erfüllten Leben gerissen: das erfolgreiche Mitglied der Preußischen Akademie der Künste wurde von den Nationalsozialisten aus dem Land gezwungen.

Mit Kindern biographische Brüche erkunden

Der Abend war Radiokonzert und Projektabend zugleich in Kooperation mit der MitMachMusik. Teenager aus Syrien, und Afghanistan, auch aus Potsdam, die die Musik von Ursula Mamlock oder Chaya Arbel kennenlernten. Ebenso wurden ihre schicksalhaften Lebensläufe erläutert, mit dem Angebot, diese mit den eigenen Biografien zu vergleichen.

Living Music will als Projekt, als Initiative also immer auch Hintergründe der Musik erhellen, will sie damit zugänglich, ja greifbar machen. Mit dem deutsch-israelischen Else Ensemble hat Sopranistin Mimi Sheffer kongeniale Partner gefunden, denn auch das in Frankfurt am Main ansässige deutsch-israelische Ensemble versteht sich als Vermittlungsinitiative.

Aufzeichnung vom 15. Dezember 2020 im Nikolaisaal Potsdam
Living Music 2020

Mátyás Seiber
Divertimento für Klarinette und Streichquartett

Eyal Bat
Lieder nach Gedichten von Else Lasker-Schüler, übersetzt von Nathan Zach
für Stimme, Violine, Violoncello und Klavier
Abendlied
Ich träume so leise von Dir
Ankunft

Ursula Mamlok 
Breezes für Klarinette, Violine, Viola, Violoncello und Klavier

Chaya Arbel
Fragmente aus Anne Franks Tagebuch für Mezzosopran, Streichquartett und Klavier

Robert Kahn
Quintett c-Moll op.54 für Klavier, Violine, Viola, Violoncello und Klarinette 

Mimi Sheffer, Sopran

Else Ensemble:
Stefan Hempel, Petra Schwieger | Violine
Karolina Errera | Viola
Hila Karni | Violoncello
Naaman Wagner | Klavier
Shelly Ezra | Klarinette

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur