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Konzert / Archiv | Beitrag vom 12.11.2015

Gedenkkonzert zum 9. NovemberKomponieren in Nacht und Nebel

Kammersymphonie Berlin mit Jürgen Bruns im Konzerthaus Berlin

Der Dirigent Jürgen Bruns (Martin Sachse/Website Jürgen Bruns)
Der Dirigent Jürgen Bruns (Martin Sachse/Website Jürgen Bruns)

Ein Konzert zum 9. November - die Kammersymphonie Berlin unter ihrem Leiter Jürgen Bruns will erinnern und wieder entdecken - die polnisch-jüdischen Komponisten Tansman und Kassern und Filmmusiken von Hanns Eisler stehen auf dem Programm.

Der 9. November ist ein janusköpfiger, auf jeden Fall belastetet Gedenktag in der deutschen Geschichte. Reichspogromnacht 1938 steht neben Republikgründung 1918 und Mauerfall 1989. Der Berliner Dirigent Jürgen Bruns hat bereits im vergangenen Jahr ein Konzert in unserem Programm zu diesem Anlass geleitet. Jetzt hat er mit der Kammersymphonie Berlin im Rahmen einer ganzen Serie von Konzerten eine Auseinandersetzung mit der zerstörten jüdischen Kulturwelt Europas gesucht - in diesem Konzert, das wir am Tag selbst, am 9. November im Kleinen Saal des Konzerthauses Berlin aufgenommen haben, geht es konkret um Polen und die Filmmusiken Hanns Eislers, die ebenfalls das Mahnen und Erinnern zum Gegenstand haben.

Wie in Deutschland ist das polnische Kulturgut jüdischer Herkunft untrennbar mit seiner polnischen Herkunft verbunden oder war und ist es ein Bestandteil der polnischen Kultur. In Deutschland ist wenig darüber bekannt. In unserem Nachbarland Polen beginnt man sich vorsichtig damit auseinanderzusetzen.

Bei der Konzeption dieser Reihe steht insbesondere das 20. Jahrhundert im Fokus, das Jahrhundert der furchtbaren Kriege und der Shoa. Aktive Pflege bedeutet für uns, den Bogen bis ins Heute zu spannen und zu zeigen, welche Spuren dieses wenig bekannte Erbe uns heute hinterlassen hat.

Die Werkzusammenstellung an diesem Abend folgt einer klaren Strategie. Das Werk eines deutschen Komponisten wird in einen Kontext zu bedeutenden polnischen Werken gesetzt. Das gemeinsame europäische Erbe wir erlebbar gemacht.

Alexandre Tansman stammt aus der multikulturellen Stadt Lodz und ging schon nach dem Ersten Weltkrieg nach Paris. In Frankreich machte er rasch Karriere. Krieg und deutsche Besatzung überlebte er im US-amerikanischen Exil. Nach Kriegsende kehrte er nach Frankreich zurück. Die Beziehungen zu seiner polnischen Heimat blieben bestehen, doch sein Lebensmittelpunkt blieb Paris. An seine Erfolge in Europa vor 1933 konnte er nicht mehr anknüpfen. Bereits 1930 komponierte er das "Triptyque" für Streichquartett oder auch Streichorchester - darin greift die Strömungen seiner Zeit auf und lässt sich die Musik zu einem hymnischen, religiös anmutenden Gesang entfalten.

Hanns Eisler schuf Ende 1955 in Paris eine außergewöhnliche Filmmusik zu "Nacht und Nebel", dem berühmten Dokumentarfilm von Alain Resnais. Darin geht es nicht um das m Bild sichtbare Grauen, sondern darum, den Opfern ihre Würde zurückzugeben. "Die Nacht und Nebel-Aktionen" waren gezielte terroristische Entführungen französischer Widerstandskämpfer durch die deutschen Besatzer, die als anonyme Personen in speziellen Lagern weiter östlich gefangen gehalten wurden. Eisler hat seine Partitur als ein in sich geschlossenes Musikstück angelegt, das auch ohne die zugehörigen Filmbilder verstanden werden kann. In den letzten Jahren seines Lebens war Hanns Eisler noch zwei weitere Male mit der Aufgabe konfrontiert, zu Bildern aus deutschen Vernichtungslagern Musik zu komponieren: für einen weiteren Dokumentarfilm (Aktion J, 1961) und für einen Spielfilm des DDR-Fernsehens nach einem Buch des früheren KZ-Häftlings Bruno Apitz (Esther, 1962). In den Filmen wird die Frage nach der Verantwortung für die Verbrechen aufgegriffen.

Tadeusz Zygfryd Kassern wiederum war ein 1904 in Lemberg geborener Komponist jüdischer Herkunft, der die deutsche Besatzung seiner Heimat im Untergrund unter falscher Identität überleben konnte. Kurz wirkte er nach dem Krieg als Kulturattachée der kommunistischen Regierung, doch 19498 versuchte er zuerst vergeblich, politisches Asyl in den USA zu erhalten. Im Mai 1957 starb er nach langer Krankheit in prekären Verhältnissen in New York City.

Kasserns "Konzert für Streichorchester" ist 1943 unter den furchtbarsten Lebensumständen in Polen entstanden - in einer Zeit der ständigen Angst vor der Entdeckung durch die Nazis. Das Konzert spiegelt seine Leidenszeit in einer beeindruckenden Weise wider.

  

Konzerthaus Berlin, Kleiner Saal

Aufzeichnung vom 9. November 2015

 

Alexandre Tansman

"Triptyque" für Streicher

 

Hanns Eisler

Filmmusik zu "Nuit et brouillard" (Nacht und Nebel)

 

Hanns Eisler

Trauermusik für Kammerorchester, aus den Filmmusiken zu "Esther" und "Aktion J" zusammengestellt und eingerichtet von Jürgen Bruns und Tobias Faßhauer (UA)

 

Tadeusz Kassern

Konzert für Streichorchester

 

Kammersymphonie Berlin

Leitung: Jürgen Bruns

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