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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 12.03.2014

GedenkjahrDer Buchmarkt und der Erste Weltkrieg

Neuveröffentlichungen beschäftigen sich nicht nicht nur mit der Schuldfrage

Von Irene Binal, Arno Orzessek und Winfried Sträter

Runde Jahrestage bieten immer wieder Anlass zu Buchveröffentlichungen. Selten aber gibt es eine derartige Bücherflut wie beim Gedenken an den Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren ausbrach.

In gewisser Weise scheinen die Deutschen den Ersten Weltkrieg neu zu entdecken - zumal es auch neue Sichtweisen auf den Krieg und seine Entstehung gibt. In den Zeitreisen werfen wir heute einen Blick auf den Büchermarkt zum Thema 1914, Erster Weltkrieg. 

Erster Teil

Fritz Fischer ist Geschichte. Das ist die Erkenntnis, die wir aus den Büchern ziehen, die seit Sommer vorigen Jahres zum Thema 1914 erschienen sind. Fritz Fischer: Das war jener Hamburger Geschichtswissenschaftler, der um 1960 den ersten westdeutschen Historikerstreit auslöste, als er dem Kaiserreich die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab. Das hatten schon die Siegermächte im Versailler Vertrag 1919 getan. Deren Schuldzuweisung war fortan ein nationales Trauma. Bis Fritz Fischer kam. Griff nach der Weltmacht, erschienen 1961. Fischer durchbrach die Entschuldigungsfront der deutschen Historiker und stellte die These auf: Deutschland war schuld, Deutschlands Hegemonialstreben hat maßgeblich zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges beigetragen. Nach wütenden Debatten setzte sich Fischers Sicht durch. Der Anerkennung der Kriegsschuld war ein erster großer Schritt zur deutschen - respektive westdeutschen - Vergangenheitsbewältigung nach 1945. Und nun?

"Der Kriegsausbruch von 1914 ist kein Agatha-Christie-Thriller, an dessen Ende wir den Schuldigen im Konservatorium über einen Leichnam gebeugt auf frischer Tat ertappen. .. So gesehen war der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen. Wenn man dies anerkennt, so heißt das keineswegs, dass wir die kriegerische und imperialistische Paranoia der österreichischen und deutschen Politiker kleinreden sollten, die zu Recht die Aufmerksamkeit Fritz Fischers und seiner historischen Schule auf sich zog. Aber die Deutschen waren nicht die einzigen Imperialisten, geschweige denn die einzigen, die unter einer Art Paranoia litten. Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur."

Christopher Clark, Die Schlafwandler. Also doch: Nicht die Deutschen, alle haben den Krieg herbeigeführt. Ein halbes Jahrhundert nach der bahnbrechenden Fischer-Kontroverse revidiert ein in England lebender australischer Historiker unser Geschichtsbild.

In den letzten Monaten ist eine solche Menge an Büchern zum Ersten Weltkrieg erschienen, dass selbst der geneigteste Leser keine Chance hat, auch nur die Wichtigsten zu lesen. Versucht man zu erfassen, was sich da auf dem Buchmarkt tut, muss man gestehen: Mit Clark ist bereits im vergangenen Sommer ein sehr starker Aufschlag gelungen. Sein Werk macht Fritz Fischers Angriff auf die deutsche Unschuldsvermutung zu einer Episode der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Clark fragt nicht danach, warum der Erste Weltkrieg ausbrach, sondern wie; er fragt nicht nach Schuld und Schuldigen, sondern nach der sehr komplexen Vorgeschichte mit vielen Beteiligten: So erweitert er mit umfangreichem Quellenstudium den Blick, auch wenn man einwenden muss, dass er ausgerechnet die Vorgänge in Berlin etwas vernachlässigt.

Die ersten deutschen Soldaten überqueren zu Beginn des 1. Weltkriegs 1914 die französische Grenze. (picture alliance / dpa)Deutsche Soldaten überqueren die Grenze zu Frankreich. (picture alliance / dpa)

Das tut Herfried Münkler nicht, der Berliner Politikwissenschaftler, der im Dezember das zweite herausragende Werk über den "großen Krieg" veröffentlicht hat. Auch Münkler wendet sich gegen die Sicht von Fritz Fischer, das nach Weltmacht strebende Deutsche Reich habe den Krieg ausgelöst.

"Die These, die Führung des Deutschen Reichs habe aus imperialistischen Motiven gezielt auf den großen Krieg hingearbeitet, ist freilich wenig überzeugend, wenn man in Rechnung stellt, dass Deutschland keineswegs die einzige imperialistisch agierende Macht in Europa war."

Münkler hat eine umfassende politikwissenschaftliche Analyse des Ersten Weltkriegs vorgelegt. Dabei nehmen die "Wege in den Krieg" 80 von 800 Textseiten ein. Auch er beschreibt ein komplexes, von Unvorhersehbarem und Zufällen gespeistes Geschehen, das in den Krieg führt. Aber, anders als Clark, sieht er eine besondere Rolle Deutschlands.

"Als Macht in der Mitte Europas hätte das Deutsche Reich eine politisch besonders achtsame und die Eskalationsrisiken moderierende Politik betreiben müssen. In der Julikrise von 1914 tat es das genaue Gegenteil."

Das zielt vor allem auf die Rolle des Militärs in der Berliner Politik. Die Oberste Heeresleitung hielt den großen Krieg für unvermeidlich. Je eher, desto besser für uns, war die Devise. Und die Strategie zielte darauf, einen Konflikt nicht zu begrenzen, sondern sofort den ganz großen Krieg zu entfesseln: den Zweifrontenkrieg im Westen und im Osten, gegen Frankreich und Russland; mit dem Bruch der Neutralität Belgiens, weil man Belgien als Aufmarschgebiet brauchte. Diese Strategie hat der deutschen Diplomatie in der Julikrise 1914 den Spielraum zur friedlichen Beilegung des Konflikts geraubt. Kaiser und Kanzler wollten den Krieg nicht, aber die kaiserliche Regierung war im Würgegriff der Militärs, die den Krieg wollten: Das ist nach Münkler die besondere Verantwortung Deutschlands 1914. Aber keine Alleinverantwortung angesichts der Bündnispolitik Frankreichs, Russlands und Englands.

"Die Strategie der doppelten Einkreisung ... der Donaumonarchie. und ... Deutschlands ... musste zwangsläufig dazu führen, dass ... ein irrationales Agieren der deutschen Politik wahrscheinlicher wurde."

Wenn man sich diese Neuinterpretationen der Vorkriegsgeschichte angeeignet hat, ist ein ganz anderes Buch interessant: "Deutschland 1914. Vom Klassenkompromiss zum Krieg", verfasst vom Publizisten Heiner Karuscheit, der auf die Arbeiterbewegung spezialisiert ist. Warum zog das Deutsche Reich in den Krieg? Hatte Fritz Fischer doch recht? Oder mehr noch Hans-Ulrich Wehler, der den Krieg als Strategie beschrieben hat, um die inneren Widersprüche des Kaiserreichs aufzulösen?

Der Titel "Deutschland 1914" ist etwas irreführend: denn um 1914 geht es erst ganz zum Schluss. Karuscheit schlägt den weiten Bogen von der gescheiterten 1848er Revolution bis zur Kriegserklärung 1914.

"Bevor der deutsche Mobilmachungsbefehl ... herausgegeben wurde, fand im Berliner Schloss eine letzte Zusammenkunft der Personen statt, welche die Entscheidung über den Krieg zu treffen hatten; das waren neben Kaiser und Kanzler der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn, der Chef des Generalstabs Moltke sowie der Chef des Reichsmarineamts Tirpitz. Ihr Auftreten offenbarte noch einmal wie in einem Brennspiegel die Interessen der hinter ihnen stehenden politisch-gesellschaftlichen Kräfte. Definitiv kriegsentschlossen waren nur die Vertreter des Junkertums, Falkenhayn und Moltke. Zögerlich waren dagegen neben dem Kaiser auch der Reichskanzler und der Marinechef."

Die militärischen Vertreter des preußischen Junkertums gaben den Ausschlag für den Krieg. Für Karuscheit markiert der 1. August 1914 das böse Ende einer Entwicklung, die mit Bismarck begann. Bismarck blockierte die notwendige Demokratisierung des Deutschen Reiches, indem er mit einem Teil der Liberalen Kompromisse einging und so die Macht der preußischen Großgrundbesitzer sicherte. Aber durch die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung zerbrach 1909 das Bündnis der Nationalliberalen mit den preußisch Konservativen, die nun mit aller Härte nach Möglichkeiten suchten, ihre bedrohte Herrschaft zu sichern. 1912 wäre ihnen fast ein Staatsstreich gelungen, danach setzten ihre Vertreter im Militär auf Krieg in der Hoffnung, dadurch das alte System zu retten.

Versammelte Berliner Bürger warten am 01.08.1914 auf eine bevorstehende Rede des deutschen Kaisers Wilhelm II vor dem Stadtschloss in Berlin. Der Kaiser sprach kurz darauf zum Kriegseintritt Deutschlands und verkündete die allgemeine Mobilmachung. (picture alliance / dpa )Die Rede des deutschen Kaisers Wilhelm II vor dem Stadtschloss in Berlin am 1.8.1914. (picture alliance / dpa )

Karuscheit, der auch die strategische Blindheit der SPD klug analysiert, entwirft kein ideologisches Geschichtsbild, sondern zeichnet nach, wie zum Bersten gespannt die Gesellschaft des Deutschen Kaiserreiches war. Und wie die verhinderte Modernisierung und Demokratisierung Deutschlands schließlich den Krieg als Lösung erscheinen ließ, für die Konservativen, die Liberalen und selbst die Sozialdemokraten aus unterschiedlichen Gründen. Nicht zuletzt bekommt man ein Gespür dafür, warum der Krieg 1914 von Teilen der Gesellschaft als Befreiungsschlag empfunden wurde.

Einspielung Köppen, Heeresbericht: "Maschinengewehre: Feuer! Artillerie: Feuer! Maschinengewehre zwischen die schlagenden Beine der Pferde, dass die zerzackten Stümpfe über die Erde schlurren, Granaten unter den Bauch, Bündel schwefelgelber Stichflammen, Fontänen armdick Blut und Gedärme, hochgeschleudert Glieder und Rümpfe aus Menschen und Tieren."

"Heeresbericht" von Edlef Köppen. Der Potsdamer Schriftsteller verarbeitete seine eigenen Kriegserfahrungen in Form eines Montageromans, in dem ein fiktiver Kriegsfreiwilliger seine Eindrücke und Gedanken von der Front wiedergibt. Erschienen 1930 gilt "Heeresbericht" als einer der modernsten Antikriegsromane nach dem Ersten Weltkrieg. In einer szenischen Lesung präsentierte das Potsdamer Hans Otto-Theater vor wenigen Wochen dieses außergewöhnliche literarische Dokument des Krieges aus der Perspektive eines Soldaten.

Einspielung Köppen, Heeresbericht: "Es ist schon ein Wahnsinn, dass sich zwei Menschen in der Nacht gegenüberliegen und keine andere Sorge haben, als das Gegenüber so schnell wie möglich zu töten. Ich hatte das oft überlegt: Wenn du nicht tötest, wirst du getötet."

Zweiter Teil

Weihnachten würden die Soldaten wieder zu Hause feiern: Das war 1914 die verbreitete Erwartung. Stattdessen - die welthistorisch beispiellose Gewaltorgie über vier Jahre. Wird darüber heute anders geschrieben als in der herkömmlichen Kriegsgeschichtsschreibung - heute, da Krieg in unserer Gesellschaft einhellig abgelehnt wird? Herfried Münkler muss noch einmal genannt werden: denn sein voluminöses Werk versucht, den Krieg in all seinen Dimensionen zu erfassen. Von Schlacht zu Schlacht, von Gefecht zu Gefecht arbeitet er sich voran, recht konventionell und manchmal fast quälend detailliert, 800 Seiten, in denen es um Strategien geht, um Angriffe und Offensiven, um Armeen und Regimenter, aber auch um diplomatische Bemühungen der verschiedenen Regierungen, um Diskussionen in den Generalstäben und das Elend in den Schützengräben. In Münklers gewaltigem Panorama steht das Versagen der deutschen Politik im Zentrum, das oft hilflose Agieren der Militärs, die aller Entschlossenheit zum Trotz gar nicht so gut auf den Krieg vorbereitet waren:

Münkler: "Sie waren schlecht vorbereitet, was die Ausbildung von Soldaten betrifft, sie waren schlecht vorbereitet, was das Lagern von Rohstoffen betrifft, besonders chilenischen Salpeter, den brauchten sie, um Sprengstoffe herzustellen; hätten nicht Bosch und Haber das Verfahren erfunden, gleichsam aus der Luft einen Ersatzstoff zu filtern, dann hätten sie den Krieg einstellen müssen."

"Deutschland im Ersten Weltkrieg" ist das Thema von Gerhard Hirschfeld und Gerd Krumeich in ihrem im Herbst erschienenen Buch. Sie thematisieren nicht nur die Front, sondern auch die Heimatfront.

"Während sich die Versorgungs- und Ernährungslage in Frankreich und Großbritannien trotz der Lebensmittelrationierungen einigermaßen erträglich gestaltete, musste die Bevölkerung in Deutschland ihren Konsum im Verlauf des Krieges erheblich einschränken."

In vielerlei Hinsicht war Deutschland, dessen Militärs den Krieg doch gewollt hatten, bemerkenswert schlecht vorbereitet. Welche Folgen es haben würde, wenn Deutschland mittels Seeblockade von den Handelsströmen abgeschnitten wurde, wäre vorhersehbar gewesen.

Schwer vorhersehbar war die Totalität dieses Krieges, des ersten industrialisierten Krieges, der zu einem "Arbeitsplatz der allgemeinen Zerstörung" ausartete, der Mensch verlor seine Individualität und endete als bloßes "Material", gerade gut genug, um verheizt zu werden. Die Folge war eine unfassbare Entmenschlichung, die in zahlreichen Soldatenbriefen zum Ausdruck kommt, die Hirschfeld und Krumeich zitieren. So schreibt etwa ein Musketier am 30. Mai 1915:

"Die Engländer betteln oft auf den Knien, sterben aber auch auf den Knien, viele Leichen liegen umher, schwarz, mit sechs bis acht Stichen, und einem zerschmetterten Schädel. Das sind lustige Anblicke für uns."

Verrohung, Sarkasmus, Galgenhumor - Überlebensstrategien für die Soldaten, die in den Schützengräben mit einem bislang ungeahnten Grauen konfrontiert sind.

Der Amerikaner Adam Hochschild führt in seinem Buch "Der große Krieg" mitten hinein in den Schlamm, die Schrecken, die Zerstörung, die verwüsteten Schützengraben-Landschaften mit Stacheldraht und sumpfigen Granattrichtern, in denen zahlreiche Tote langsam verwesen:

"Zur Größe von Katzen aufgeschwollen mästeten sich Ratten an den Leichen im Niemandsland, wobei sie mit den Augen, dem weicheren Fleisch des Gesichts und der Leber begannen, um sich dann im Laufe von Tagen Stück für Stück voran zu arbeiten, bis nur noch in Khakifetzen gehüllte Skelette übrig blieben."

Kriegsalltag für die Soldaten an der Westfront, ob nun Deutsche, Franzosen oder - wie bei Hochschild - Briten. Jene Briten, die lange Zeit nicht begreifen wollen, dass der Krieg nach althergebrachtem Muster ausgedient hatte, die die Realität leugnen, auf Glanz und Glorie hoffen, auf schneidige Kavalleristen und bajonettbewehrte Infanteristen, die im Kampf gegen Maschinengewehre hoffnungslos scheitern müssen. Grotesk und grauenvoll ist es, was Hochschild berichtet, Tausende und Abertausende Soldaten, geopfert auf dem Altar einer starrsinnigen britischen Militärführung - ein irrwitziger Krieg, vorangetrieben von Fehleinschätzungen und Maßlosigkeit.

Soldaten stehen in einem Schützengraben während des Ersten Weltkriegs. (AP)Soldaten stehen in einem Schützengraben während des Ersten Weltkriegs. (AP)

Eine Schlacht steht sinnbildlich für diesen Krieg, die Schlacht von Verdun, die sich Olaf Jessen vorgenommen hat, in einem Buch mit dem schlichten Titel "Verdun 1916". 300 Gefechtstage, minutiös nachgezeichnet, mal aus der Sicht des deutschen Generalstabs, mal aus jener der französischen Militärführung, illustriert mit Aufmarschplänen und Landkarten, sorgsam versehen mit Zeit- und Ortsangaben.

"Montag, 22. Mai, Sektor Verdun, Maas-Ostufer. Frühmorgens. Über den Côtes lastet Verwesungsgestank. Weht der Wind aus ungünstiger Richtung, schlägt den Soldaten beim Anmarsch schon kilometerweit vor der Kampfzone ein süßlich-beißender Geruch entgegen. (...) Tierkadaver, Leichen und Leichenteile, auf fast jedem Quadratmeter des Schlachtfelds verstreut, werden durch die Einschläge von Granaten immer wieder umgewühlt, zerteilt und verkleinert."

Jessen wartet mit einer merkwürdigen These auf: Verdun sei zwar eine Schlächterei, aber keinesfalls geistlos gewesen. Es fällt schwer, in seinen detaillierten Beschreibungen der Gefechte und Scharmützel etwas wie "Geist" zu entdecken.

Einblendung Heeresbericht:
"Ein Krach schlägt ihm um die Ohren.
Donnerwetter, war der nahe - haben Herr Leutnant…
Er merkt, dass Stiller schwankt. Ist denn das - ?
Neben ihm schwankt ein Mensch. Der Mensch hat keinen Kopf mehr. Wo der Kopft saß, schießt ein schwarzer Strahl nach vorn.
Der Körper steht immer noch, steht immer noch, fällt nach vorn, fällt nach hinten, ja, um Gottes willen!
Der Körper schlägt auf die Erde."

"Heeresbericht" von Edlef Köppen.

Der Erste Weltkrieg: der erste Krieg, der auf Fotoplatten und Filmstreifen festgehalten wurde. Die Bilder präsentiert das französische Historikerpaar Bruno Cabanes und Anne Duménil. "Der Erste Weltkrieg - Eine europäische Katastrophe" heißt ihr aufwendig gestaltetes Buch mit Hunderten Fotos und Abbildungen - aber man täte dem Werk unrecht, wollte man es als reinen Bildband bezeichnen. Vielmehr ähnelt es einer langen und selektiven Kamerafahrt durch den Krieg, in der Historiker aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland und den USA Schlaglichter auf einzelne Ereignisse, Strömungen und Erscheinungen werfen, auf Kriegskochbücher, den Osteraufstand in Dublin, Frauen in den Armeen, auf den Jargon in den Schützengräben oder die Rolle der Kinder im Krieg:

"Die Kinder haben eindeutig die Abscheu vor dem Feind verinnerlicht. Auffallend ist aber auch, dass viele von ihnen offenbar ein schlechtes Gewissen haben, weil sie sich noch nicht opfern dürfen wie die Soldaten an der Front."

Köppen: "September 14, wie wir das letzte Gefecht hatten, da war ein alter Fahrer dabei, dem sie den Kopf abgerissen haben, und der hat immer gesagt, lieber fünf Minuten feige als das ganze Leben tot. Alle lachen."

"Sommer 1914" ist der Titel des Buches von Tillmann Bendikowski. Fünf Menschen stellt er in den Mittelpunkt, Menschen aus unterschiedlichen Schichten und mit unterschiedlichen Idealen, die - bis auf den prominentesten Charakter, den Kaiser persönlich - Tagebuch geführt haben und so tiefe Einblicke in ihre Gedanken, Beweggründe und Motivationen gewähren. Ein junger Sozialdemokrat etwa stellt sich gegen den Krieg und muss mitansehen, wie sich seine Partei in der Frage spaltet, eine Volksschullehrerin vertraut der Kriegsunschuldslegende und verteidigt den Krieg auch noch, als ihre beiden Brüder fallen, ein Historiker wird erst nach und nach zum Patrioten. Die vielbeschworene Begeisterung, das widerspruchslose "Ja" der Deutschen zum Krieg, relativiert Bendikowski:

"Zwiespältig und zerrissen waren die Gefühle der Deutschen, widersprüchlich, oft sprunghaft und zuweilen unberechenbar. Die Menschen konnten in dieser außergewöhnlichen Situation alles sein, und das gleichzeitig oder nacheinander: patriotisch, enthusiastisch und ausgelassen, aber auch laut, gewalttätig, still, ernst, traurig, ängstlich oder sogar panisch."

Ein ambivalentes Panorama, das keine Verallgemeinerung zulässt: Der Krieg reißt Gräben auf, nicht nur in der Landschaft, sondern auch und vor allem in der Gesellschaft, in Gemeinschaften, Parteien, Familien, in Deutschland ebenso wie in Frankreich und Großbritannien, wo die intellektuelle Elite sich spaltet.

In Deutschland bieten Künstler und Intellektuelle ein ernüchterndes Bild: Rasch verabschiedet man sich von Weltoffenheit und Internationalisierung, wendet sich einem radikalen Nationalismus zu, der sich die Vernichtung des Feindes auf die Fahnen schreibt. Ein Phänomen, mit dem sich Ernst Piper in seinem Buch "Nacht über Europa" auseinandersetzt:

"Zahllose Schriftsteller und Verleger, Maler und Komponisten, Wissenschaftler und Unternehmer meldeten sich freiwillig. Die geistige Mobilmachung, die Mobilisierung des Kampfwillens, machte auch vor der eigenen Person nicht halt. Nie verloren so viele bedeutende Künstler und Schriftsteller ihr Leben an der Front wie im Ersten Weltkrieg, denn kaum einer kam auf die Idee, das eigene Leben schonen zu wollen."

Ist es Abenteuerlust, fehlgeleitete Heimatliebe, ein romantisiertes Kriegsbild, das so viele Künstler an die Front treibt? Oft sind ihre Motive schwer nachvollziehbar, mit einem naiven Heldenbegriff haben sie zu tun, mit dem vermeintlichen Glanz der Selbstaufopferung, mit einem Geist, den der Maler Otto Dix noch Jahre nach Kriegsende beschwört:

"Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen. Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen."

Der Krieg als mystisches Abenteuer, als künstlerische Herausforderung. Fast tröstlich sind die großen Ausnahmen, Heinrich Mann etwa, der sich mit seinem national eingestellten Bruder Thomas über die Kriegsfrage entzweite, oder der Maler Max Beckmann, der schon im Sommer 1914 vom "größten nationalen Unglück" sprach.

Französische Infanterie auf dem Schlachtfeld von Verdun im 1. Weltkrieg (1914-1918). (picture alliance / AFP)Französische Infanterie auf dem Schlachtfeld von Verdun im 1. Weltkrieg (1914-1918). (picture alliance / AFP)

Dass uns das hundert Jahre später so sehr interessiert, hätte vor wenigen Jahren kaum jemand erwartet. Der Jahrestag ist rund, aber das ist kein Grund für eine derartige Bücherschwemme. Fast könnten wir diese Sendung damit bestreiten, bloß die Titel zu nennen, derart groß ist ihre Zahl. Kein Winkel wird ausgespart, so scheint es: "Der Dolomitenkrieg" ist gerade erschienen, "Tirol und der Erste Weltkrieg" erscheint Ende März.

Es ist, als ob der Erste Weltkrieg historisches Neuland für uns wäre, ein gewaltiges Ereignis, das bisher durch die noch größere Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verdeckt war. Nach der Neubewertung des Kriegsbeginns breitet sich nun das ganze Kriegsgeschehen, das Kriegsgrauen und das merkwürdige Verhältnis der Menschen zum Krieg vor uns aus. Nach wie vor ist es schwer, eine neue Sprache für die Darstellung des Kriegsverlaufs zu finden. Aber das Grauen ist darstellbar, anhand der zahllosen Zeugnisse, die die Lektüre mitunter zu einem Horrorfilm machen.

Köppen: "Die häufigste Frage, die man heute hört, lautet: Wie lange dauert der Krieg noch? Man schelte mich nicht leichtfertig, wenn ich mit einem Wort, das sich nach Scherz anhört, aber von mir bitter ernst gemeint ist, antworte: bis er zu Ende ist."

"Heeresbericht" von Edlef Köppen in der Inszenierung des Potsdamer Hans Otto-Theaters.

Dritter Teil

Warum hat der Erste Weltkrieg so lange gedauert, obwohl die Fronten schon 1914 erstarrt waren?

Militärs und Politiker argumentierten: Wenn sich die bisherigen Kriegsopfer gelohnt haben sollen, dann nur, wenn ein komfortabler Siegfrieden herausspringt - wozu es dringend weiterer Anstrengungen, sprich: weiterer Opfer, bedarf.

Warum aber hörte der Krieg im Herbst 1918 dann doch auf, plötzlich und unerwartet?

Jenseits politischer und gesellschaftlicher Verschiebungen vor allem darum, weil die einfachen Soldaten im Weiterkämpfen nun endlich und endgültig keinen Sinn mehr sahen.

Exemplarisch geht das aus dem Brief eines Frontsoldaten vom 15. September 1918 hervor, den der Freiburger Historiker Jörn Leonhard in seinem Werk "Die Büchse der Pandora" zitiert:

"Wofür sich aufopfern, wofür? Etwa fürs Vaterland und seine heiligsten Güter? Nein, den Patriotismus haben sie schon alle längst begraben."

Jörn Leonhards "Die Büchse der Pandora" überragt nach Anspruch und Reichweite alle anderen Neuerscheinungen der letzten Monate.

Das 1150 Seiten starke Werk zeigt den Weltkrieg tatsächlich als globales Ereignis mit immensen Auswirkungen auf vier Kontinente. Und es zeigt die Verwandlung der Welt - der Gesellschaft, der Politik, der Institutionen, Medien, Technologien und Menschen - im Krieg und durch den Krieg.

Die russische Revolution, in der sich der Staatenkrieg zum Bürgerkrieg verwandelt; der Krieg in Nah-Ost, durch den ein Lawrence von Arabien reitet; die Schlachten in den afrikanischen Kolonien; die Bilder und Inszenierungen des Krieges; die Wirtschaft: Was immer Leonhard anfasst, untersucht er in tausendfältigen Aspekten.

Anders gesagt: "Die Büchse der Pandora" ist beispiellos ganzheitlich. Und wer das Buch nicht gut ausgeschlafen zur Hand nimmt, wird es bald sinken lassen.

Denn anders als Münkler oder Clark, die als reflektierende Erzähler stets lenkend und leitend anwesend sind, tritt Leonhard oft hinter das gewaltig ausgebreitete Materialgebirge zurück.

Glücklicherweise schätzt Leonhard Resümees, in denen er die Menge der Einzelheiten schlagwortartig verdichtet. Im Blick auf die technisch neuartige Gewalterruption während der Schlachten betont er:

"Nicht die Gewaltmittel an sich, wohl aber ihre Ideologisierung enthielt Elemente eines totalen Kriegs. Die Bemühungen der Frühen Neuzeit nach den Exzessen der konfessionellen Bürgerkriege, den Gegner zu entkriminalisieren, ihn als iustus hostis [als gerechten Feind] anzuerkennen, wurden durch die Moralisierung der Politik und den Fokus auf die Kriegsschuld abgelöst. Aus dem verabsolutierten und nach außen und innen instrumentalisierten Antagonismus zwischen Freund und Feind, Loyalität und Verrat, entstanden mit immer längerer Kriegsdauer radikalisierte Erwartungen, die Utopien von Siegfrieden und Raumherrschaft."

Angesichts dessen fällt Leonhards Gesamturteil über den Ersten Weltkrieg und seinen Sieger - in dieser Rubrik werden gewöhnlich die USA genannt - so eindeutig wie düster aus.

"Der Sieger des Weltkriegs war keine Nation, kein Staat, kein Empire und sein Ergebnis war keine Welt ohne Krieg. Der eigentliche Sieger war der Krieg selbst, das Prinzip des Krieges, der totalisierbaren Gewalt als Möglichkeit."

Konzeptuell im Gegensatz zu Leonhards ganzheitlichem Anspruch steht "Der falsche Krieg" von Niall Ferguson - ein Buch, das nach der Originalausgabe von 1998 in überarbeiteter Form neu erschienen ist. Der britische Historiker, ein flotter, urteilsfreudiger Stilist, liefert kein Kriegspanorama, sondern konzentriert sich auf die Beantwortung ausgesuchter Einzelfragen, insbesondere den deutsch-englischen Antagonismus betreffend.

Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg (Petrograd) am 7. November 1917. (picture-alliance / dpa / UPI)Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg (Petrograd) am 7. November 1917. (picture-alliance / dpa / UPI)

Dabei erklärt Ferguson viele ältere Forschungsthesen zu bloßen Mythen: etwa, dass der Krieg aufgrund von Militarismus und Imperialismus unvermeidlich war; dass Deutschland aus Hybris in den Krieg zog, um Weltmacht zu werden; dass sich England aus purem Mitleid mit Belgien, dessen Neutralität von Deutschland gebrochen wurde eingemischt hat.

Anders als die meisten hiesigen Autoren unterstellt Ferguson, dass Deutschland aufgrund seiner ge­ographischen Mittellage und seiner wirtschaftlichen Potenz eine natürliche Vormachtstellung in Europa zukomme. Und ginge es nach ihm - dem Liebhaber kontrafaktischer Erwägungen der Sorte 'Was wäre gewesen wenn?' -, dann hätte Deutschland 1914 siegen und Großbritannien diesem Sieg gelassen zusehen sollen, statt zu den Waffen zu greifen.

"Wäre Großbritannien - auch nur für ein paar Wochen - im Abseits geblieben, hätte Kontinentaleuropa in etwas umgebildet werden können, das der Europäischen Union, wie wir sie heute kennen, nicht unähnlich gewesen wäre, jedoch ohne die massive Schwächung der britischen Macht in Übersee als Konsequenz der Beteiligung an zwei Weltkriegen. ... Nach einem deutschen Sieg hätte Adolf Hitler sein Leben wohl als mittelmäßiger Postkartenmaler oder bescheidener alter Soldat in einem von Deutschland beherrschten Mitteleuropa beendet, über das es in seinen Augen wenig Grund zur Beschwerde gegeben hätte."

Eine kühne Vision: die Weltgeschichte ohne Weltkriege, ohne Hitler. Es ist bekanntlich anders gekommen, und deshalb sind solche Gedankenspiele weniger anregend als die Versuche, die Situation vor hundert Jahren mit unserer heutigen zu vergleichen. Womit wir noch einmal beim Politikwissenschaftler Herfried Münkler landen.

"Die Geschichte wiederholt sich nicht, zumindest nicht in exakt der Form, in der sie schon einmal stattgefunden hat. .. Eine Ähnlichkeit [aber] ist schon jetzt zu beobachten: Der wirtschaftliche und politische Aufstieg Chinas löst bei den Nachbarn Ängste aus; sie beginnen antiimperiale Koalitionen zu bilden, um den Einfluss Pekings in der Region zu begrenzen. [...] Das 'Reich der Mitte' steht in Gefahr, ganz buchstäblich in die Mitte genommen und eingekreist zu werden."

1914. 2014. Einhundert Jahre.

"Es bedurfte vieler Irrwege, zahlloser Opfer und schmerzvoller Anläufe im 20. Jahrhundert, um die Extreme der Gewalt wieder einzufangen, die sich seit August 1914 entfaltet hatten, sie zu bändigen und in eine Friedensordnung zu verwandeln. Wo und wann immer diese Ordnung nach innen oder nach außen gefährdet ist, da sind wir bis heute Erben dieses Krieges."

Jörn Leonhard, "Die Büchse der Pandora". 

 

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