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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.08.2014

GedenkenHippiestadt mit Guerillagarten

Der englische Autor Will Self ist entlang der ehemaligen Berliner Mauer spaziert

Von Silke Hennig

Touristen schauen sich am 18.07.2013 den ehemaligen Grenzübergang "Checkpoint Charlie" in Berlin (Berlin) an.  (picture alliance / dpa / Foto: Peter Kneffel)
Berlin Checkpoint Charly: "Die Touristen besuchen hier keinen Ort, sie haken eine Erwartung ab." (picture alliance / dpa / Foto: Peter Kneffel)

Will Self ist ein begeisterter Fußgänger. Mit dem deutschen Schriftsteller Gregor Hens hat er sich auf Spurensuche entlang des ehemaligen Berliner Mauerstreifens begeben. Der Brite ist ein scharfzüngiger Kommentator.

Es ist Nachmittag und heiß in Berlin. Unfassbar ruhig, findet Will Self.  In anderen Metropolen, in Los Angeles, Paris oder seiner Heimatstadt London, wäre jetzt überall Verkehr und Lärm.

"… this is like a village compared to those cities. …it's like the rush hour."                             

Na ja, immerhin: Es ist Ferienzeit!?

"So what! …This is the capital city of the most powerful economy in Europe. And it's like a sleepy village!"

Dörfliche Ruhe in der Hauptstadt der stärksten Volkswirtschaft Europas! 

"...It's the german miracle..."

Ist das kein Vorbild?  

"…it is! Excuse me, unconsciously it is. Because of course what it is, with its Schrebergarten – yeah, it's a model garden city, paradoxically. That's what it is, it's a garden city."

Berlin – eine Gartenstadt. Dabei sind wir schon nahe am Zentrum, kurz vor 'Mitte'. Will Self und Gregor Hens, der Selfs Roman 'Regenschirm' übersetzt hat, selbst Schriftsteller, sind seit  9.00 Uhr morgens unterwegs. Eine langsame Annäherung vom Rand der Stadt, den Hens überraschend 'unordentlich' fand.

" We had this slow approach. I was surprised by the first three hours of our walk, how unkempt and irregular the city still is on the outskirts – but not just the outskirts, right through Kreuzberg it's still..."

Ein langer Schlacks erkundet die Umgebung

Während Hens als ortskundiger Begleiter die Augen auf den Boden richtet, auf die Doppelreihe Pflastersteine im Asphalt, die den Verlauf der Mauer durch Berlin nachzeichnet, beobachtet Will Self, ein auffällig langer Schlacks, aus seinen fast zwei Metern Höhe eindringlich die Umgebung.

" What you see walking the old Berlin Wall, what you see is a city struggling to create a specialization determined by money. And it's very difficult here. There are all sorts of competing claims and I would argue it's psychicly difficult, too, because in order to make these places saleable…"

Was er wahrnimmt entlang des früheren Mauerverlaufs ist eine Stadt, die damit kämpft, dass Geld ihre räumliche Ordnung bestimmt. Überwucherte Brachen in zentraler Lage verschwinden unter Luxus-Apartmenthäusern im internationalen Protz-Stil. Der Verkäuflichkeit zuliebe müsse die Stadt ihre Vorzüge aufgeben.

 "...their assets have to be stripped. Because their assets are worthless."

Allerdings, glaubt der Autor, hat die Stadt das – im Vergleich zu anderen westeuropäischen Hauptstädten – noch nicht richtig im Griff. Er steht noch ganz unter dem Eindruck von Kreuzberg. 

"But compared to any other western European capital it's like a Hippie Town with bits of guerilla gardening and broken down sheds covered in spray paint and people drinking beer on the side walk and smoking marihuana, with stupid tattoos all the way through Kreuzberg. It's not really managing it even now. Do you think? 25 years after the wall came down..."

Aber gehören die Graffitis, Biertrinker und tätowierten Marihuana-Raucher nicht zu den Attraktionen, die Touristen in Kreuzberg erwarten? 

"… that is its asset? Yeah, there may be an unconscious inertia about it."

Ja, vielleicht gehört das zu den Aktivposten der Stadt, räumt Will Self ein. Vielleicht gibt es auch eine unbewusste Ermüdung, die Stadt glatt zu kämmen.

Sich eine Stadt erlaufen

'Psychogeografie' – der Einfluss der gebauten oder geografischen Umgebung auf das Erleben – beschäftigt Will Self schon lange. Wie für etliche seiner Landsleute – bildende Künstler wie Richard Long, Schriftsteller wie Iain Sinclair –  wurde daher 'Gehen' Teil seiner Arbeit. Wer eine Stadt zu Fuß durchquert, dem gehört sie irgendwie, glaubt er.

"…you've mixed so much of your labour with the environment that... you never feel a stranger there again."

Interessant sind für ihn besonders Gegenden, die üblicherweise ausgeblendet werden – das Umfeld von Flughäfen beispielsweise.  Jahrelang kam er zu Fuß, wenn er irgendwohin flog. Und nach der Landung verließ er den Flughafen wiederum zu Fuß.

"...the whole matrix of modern travel, digital media conspires to convince people that there's nothing in between the points of interest."

Die Matrix des modernen Reisens, die digitalen Medien, all das, findet der Autor, mache die Menschen glauben, da sei nichts zwischen zwei Sehenswürdigkeiten.

Inzwischen passieren wir eine zentrale Berlin-Sehenswürdigkeit: Checkpoint Charlie.

"It's not actually a place. It's literally a Utopia. People aren't visiting here, they're visiting a set of things that they expect to be."

Die Touristen besuchen hier keinen Ort, stellt Will Self fest, sie haken eine Erwartung ab. Wir gehen weiter. Will Self macht ein zwei Fotos, als Erinnerungsstütze.

Nationalsozialismus sei doch ganz praktisch für Politiker

Linkerhand ein Streifen Mauer, dahinter die Gedenkstätte 'Topographie des Terrors'. Kaum Touristen. Wer schaut sich das an, fragt Self. Und denkt laut über das Holocaust-Gedenken nach. Der Nationalsozialismus sei doch ganz praktisch für Politiker anderer westlicher Länder.

" The fact of the Nazi-Regime is very convenient for western politicians other than Germans. You only have to look at the proliferation of Holocaust-Memorial-Day.  Why is there a Holocaust-Memorial-Day in England?"

Warum z.B. gibt es einen Holocaust-Gedenktag in England? Ganz einfach, sagt er: Damit wir keinen Afrika-Kolonialismus-Holocaust-Tag einführen müssen!

"We didn't enact the Holocaust. The reason is, it's there so we don't have to have an African-Colonialism-Holocaust-Day. Cause we wouldn't wanna do that, cause that's a little too close to the bone!"

Das Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals bevölkern fröhliche Besucher-Grüppchen.  Will Self gefällt der Mauerweg als Denkmal besser. Ihm zu folgen heiße, alles mit einem räumlichen und zeitlichen Raster unterlegt zu sehen: Was war hier früher? Wann wurde dies oder das gebaut?  Angekommen nach fast 10stündiger Wanderung am Brandenburger Tor, sind er und Gregor Hens sehr zufrieden.

"Do you feel a sense of achievement?… It's good… High Five you… let's do it."

Mehr zum Thema:

Schlachtfeld Denkmal

Deutsche Rufe (4/8) - "Die Fenster aufgestoßen" (Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 28.07.2014)

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