Seit 00:05 Uhr Klangkunst
Freitag, 22.01.2021
 
Seit 00:05 Uhr Klangkunst

Tonart | Beitrag vom 31.12.2018

Gedenken an Donna Summer Gottes Stimme im Disco-Takt

Von Laf Überland

Donna Summer sitzt auf einer Liege. (picture alliance / Globe Photos)
Mehr als nur eine Disco-Ikone: Donna Summer hätte 2018 ihren 70. Geburtstag gefeiert. (picture alliance / Globe Photos)

Donna Summer war eine großartige Sängerin und Songwriterin. Der Münchener Produzent Giorgio Moroder machte sie mit "I Feel Love" zur Disco- und Schwulenikone. 2012 starb sie an Lungenkrebs, heute wäre diese einzigartige Künstlerin 70 Jahre alt geworden.

Als David Bowie in den späten Siebzigern mit dem Soundmagier Brian Eno an seiner elektro-experimentellen Berlin-Trilogie werkelte, kam Eno eines Tages ins Studio gerannt und rief: "Ich habe den Sound der Zukunft gehört! Du mußt nicht weiter suchen, hier ist er!" Und er legte diese Donna-Summer-Platte auf: I Feel Love!

Die Mischung aus maschinenhafter Präzision und expansiv artikulierter Wollust war für viele verstörend neu: Der Münchener Produzent Giorgio Moroder hatte sich an der endlosen Wiederholungsstrategie von James Browns Funk-Hits orientiert – und sie mit der typischen Krautrock-Monotonie verschmolzen, die wie ein Motor vor sich hin lief und lief und lief – in roboterhafter Präzision durch den Einsatz eines Sequenzers, der damals eigentlich nur von Sphärenmusikern wie Tangerine Dream oder Jean-Michel Jarre benutzt wurde - während Donna Summer ihre große Stimme darüber entfaltete.

Begonnen hatte die Geschichte, als sie acht Jahre alt war und im Gospelchor einer kleinen Kirche in Boston an dem Tag eines der Mädchen fehlte und Donna nach vorn treten durfte. Und dann kamen aus ihr so wunderbare Töne heraus, dass sie vor Schreck anfing zu weinen – und auch die Gemeinde weinte und sogar ihr Vater, der Metzger, der sonst nie weinte. Damals will sie Gottes Stimme gehört haben, die zu ihr sagte: Das ist Kraft, und wenn du diese Kraft richtig einsetzt, wirst du berühmt.

Mit Fake-Orgasmen zur Schwulenikone

In den Sechzigern setzte sie diese Kraft in einer Psychedelic-Rock-Band ein, und nach einem Vorsingen schickten die Produzenten des Musicals "Hair" sie nach München, um das dortige Ensemble zu unterstützen. Sie blieb dort, heiratete vorübergehend einen Kollegen und ersetzte ihren Mädchennamen Gaines durch seinen Namen Sommer – also Summer, und sie spielte in ein paar weiteren Musicals, nahm Werbespots auf - unter anderem den legendären Afri-Cola-Spot von Charles Wilp - und sang gelegentlich im Studio die Backing Vocals, und so lief sie irgendwann diesem Produzenten Moroder über den Weg.

Der wollte dann in Anlehnung an "Je t’aime" von Serge Gainsbourgh und Jane Birkin so etwas auch für den Tanzboden produzieren: "Love to Love You" hieß das Stück, und die dreineinhalb-Minuten-Fassung für das Radio haute keinen vom Hocker. Doch als ihr Labelchef bei einer Party zuhause die Single auf Wiederholung stellte, trat der hypnotische Effekt zutage. Er bestellte eine LP-Version – und weil es damals noch keine Samplingcomputer gab, mußte Donna in 17 Minuten 22 Orgasmen faken. Die Schwulenszene sprang sofort auf diese seltsam eiskalt-und-doch-schwitzend-heiße Tanzmusik auf, und Donna Summer wurde zur Schwulenikone!

Vom Superstar zum psychischen Wrack

Aber Donna Summer war ja auch nicht die typische seelenlose Disco-Singesoldatin: Sie schrieb selbst an ihren Stücken mit, und sie hatte eine magnetische Bühnenpräsenz und eine höchst wandelbare Stimme. Ihre Bandbreite führte sie bei Konzerten vor, wenn sie zu Orchesterbegleitung Gershwin und Duke Ellington sang.

Inzwischen bekam Donna Summer aber Probleme mit dem Plötzlich-Superstar!-Syndrom: 1979 war sie die meistverkaufende Künstlerin der Welt und psychisch ein Wrack - Depressionen, mindestens ein Selbstmordversuch, Tablettensucht, und die Glitzerwelt half ihr dabei nicht. Also wandte sie sich dem zu, mit dem sie aufgewachsen war: Gott! Donna Summer wurde wiedergeborene Christin und änderte ihre Leben.

Späte Zufriedenheit im Leben

Zwar nahm sie weiter Platten auf, wandte sich aber mehr rock-poppigen oder R&B-orientierten Stilen zu, und das wollte dann vergleichsweise kaum noch jemand hören, denn die einzigartige Magie war raus. Aber Donna Summer lebte zufrieden ihr neues Leben als Familienmutter. Und als sie 2012 starb, war sie 63, hatte drei Töchter und vier Enkel und arbeitete gerade an einem neuen Album.

Mehr zum Thema

Nile Rodgers & Chic: Neues Album nach 26 Jahren - Der Meister des Disco-Soul kehrt zurück
(Deutschlandfunk, Corso, 29.09.2018)

"Saturday Night Fever" wird 40 - Disco als Lebensgefühl
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 14.12.2017)

Disco als Ort einer Utopie
(Deutschlandfunk Kultur, Profil, 12.05.2006)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur