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Fazit | Beitrag vom 18.04.2021

Gedenken an die CoronatotenAls ob sie keine Freunde gehabt hätten

Ina Schmidt im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Ökumenischer Gottesdienst in der Berliner Gedächtniskirche. (Gordon Welters / AFP / Pool)
Ökumenischer Gottesdienst in der Berliner Gedächtniskirche anlässlich des zentralen Gedenkens an die Verstorbenen in der Corona-Pandemie. (Gordon Welters / AFP / Pool)

In Berlin wurde der Coronatoten gedacht. Die Pandemie habe deutlich gemacht, wie wichtig es sei, Abschied nehmen zu können, sagt die Philosophin Ina Schmidt. Zugleich mache sie bewusst, wie kostbar das Leben sei.

"Ich glaube, das ist die existenzielle, die bleibende Erfahrung der Pandemie: Wenn es hart auf hart kommt, sind wir auf andere angewiesen und andere auf uns. Diese Lehre werden wir mit uns tragen, sie wird uns prägen, jeden und jede. Und ich glaube, sie kann auch die Gesellschaft prägen, in der wir leben werden, die Zukunft, in die wir aufbrechen. Wir werden von dieser Pandemiezeit gezeichnet sein, aber auch an ihr wachsen."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. (picture alliance/dpa/POOL AP | Michael Sohn)Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht von einem "Tag der öffentlichen Seelsorge". (picture alliance/dpa/POOL AP | Michael Sohn)

Mit dieser Überzeugung und Zuversicht beendete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag seine Rede beim Gedenkakt für die 80.000 Toten der Coronapandemie und für deren Hinterbliebene. Er wandte sich auch an all jene, die seelisch an den Spätfolgen der Krankheit leiden, die in Not geraten sind und um ihre Existenz bangen.

Und er schloss die jungen Leute ein, deren Elan und Lebenshunger so sehr gehemmt werden. Es sollte ein "Tag der öffentlichen Seelsorge" werden, verbunden mit dem Wunsch, dass ein ganzes Land innehält und mitfühlt.

Die Wichtigkeit des Abschiednehmens

Die Pandemie habe deutlich gemacht, wie wichtig es sei, Abschied nehmen zu können, sagt die Philosophin Ina Schmidt. Beerdigungen fänden momentan im kleinsten Familienkreis statt, so als ob die Verstorbenen keine Freunde oder andere soziale Kontakte gehabt hätten. Dabei sei "es einfach ein schönes und anderes Gefühl, seine Liebsten im Kreise eines größeren sozialen Netzes" zu verabschieden.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm an der Gedenkfeier teil. (picture alliance/dpa/POOL AP | Michael Sohn)Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm an der Gedenkfeier teil. (picture alliance/dpa/POOL AP | Michael Sohn)

Momentan werde versucht, diesen Wunsch auf andere Weise oder zu einem späteren Zeitpunkt zu erfüllen. Die Pandemie habe die Menschen ein Stück weit gezwungen, sich mit den Kostbarkeiten des Lebens auseinanderzusetzen und einen anderen Umgang mit existenziellen Fragen von Leben und Tod zu finden.

"Ich habe durch dieses Erleben von so vielen Menschen, die sich sehr bewusst und sehr lebensbejahend in der Nähe des Todes aufhalten, ob das jetzt beruflich oder privat ist, so viel Zuversicht gewonnen, dass es einfach eine Bereicherung darstellt, sich mit dem Tod in welcher Form auch immer so zu beschäftigen, dass man auch die eigene Vergänglichkeit und Sterblichkeit zumindest als eine zu akzeptierende und im besten Sinne vielleicht sogar zu verzeihende Tatsache des eigenen Lebens besser anerkennen kann."

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Über die eigene Vergänglichkeit hat Ina Schmidt ein Buch geschrieben. Es ist Ende 2019 erschienen. Es enthält keine der neuen Möglichkeiten, die sich nun entwickeln, wie sie sagt. Diese schienen damals, als sie das Buch schrieb, noch unvorstellbar, so die Philosophin.

Wenn es ums Abschiednehmen geht, "gibt es kein Rezept, nichts, was wir von uns auf andere übertragbar machen dürfen. Und es gibt auch eine Gefahr, an der Stelle eben sehr schnell übergriffig zu werden, ver- oder beurteilen zu wollen", sagt Schmidt.

(ckr)

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