Seit 15:30 Uhr Tonart

Donnerstag, 17.01.2019
 
Seit 15:30 Uhr Tonart

Fazit | Beitrag vom 09.01.2019

Gedenken an den Kolonialismus"Das Humboldtforum soll kein Mahnmal sein"

Von Christiane Habermalz

Beitrag hören Podcast abonnieren
Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. (picture alliance/dpa/AP)
Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. (picture alliance/dpa/AP)

Das Humboldforum will einen Gedenkort für das Thema Kolonialismus schaffen. Das stößt auf Kritik, wenn nicht gar auf Spott: Ein solcher Ort der Stille sei bedeutungslos wie eine Flughafenkapelle. Das ärgert Wissenschaftler, die sich dafür engagieren.

Hermann Parzinger überraschte um die Jahreswende mit einem Vorschlag. Er will im Humboldtforum einen Gedenkort für die Opfer des deutschen Kolonialismus schaffen - einen "Raum der Stille", in dem die Besucher sich Gedanken darüber machen können, was im deutschen Namen in Afrika und Übersee angerichtet wurde. 

"Nun, das war so eine Idee, ich meine jetzt bei der Debatte um das koloniale Erbe, um die koloniale Vergangenheit Deutschlands, koloniale Schuld stellt sich natürlich schon auch die Frage, ob man nicht einen Gedenkort zu diesem Thema auch schafft, der nicht laut ist im übertragenen Sinne, auch keine neue Ausstellung zu irgendetwas, sondern ein Ort der einfach noch mal als Erinnerungsort dienen kann."

Will das Humboldtforum um das eigentliche Thema herum?

Doch kaum gesagt, hagelte es auch schon Kritik. Ob Parzinger seiner eigenen Einrichtung nicht traue, fragte die "taz" scheinheilig, und eine Art Panikraum schaffen wolle, in den man sich vor all den Zumutungen von Raub und Völkermord rundherum in Sicherheit bringen könne. "Bizarr wie eine Autobahnkirche" nannte der Publizist Marcus Woeller Parzingers Vorschlag. Kolonialismus-Kritiker sehen in der Initiative nur einen weiteren Versuch der Museen, sich um die eigentliche Thematik wie die Rückgabe von geraubten Objekten zu drücken. Afrika-Historiker Jürgen Zimmerer erklärte, Parzingers Raum der Stille erinnere ihn an eine Flughafenkapelle, die auch niemand bemerke. 

Dabei zeigt die Debatte vor allem, dass es das Humboldtforum derzeit schwer hat, überhaupt etwas richtig zu machen. Denn die Anregung zum Raum der Stille stammt gar nicht von Parzinger selbst. Die Idee entstand im Herbst vergangenen Jahres während einer Podiumsdiskussion zum Umgang mit kolonialem Kulturgut in deutschen Museen. Der Afrikanist und Namibia-Kenner Henning Melber, seit Jahren um einen kritischen Umgang mit der deutschen kolonialen Vergangenheit bemüht, hatte Parzinger den Vorschlag für einen Gedenkort im Humboldtforum unterbreitet – getragen von einer Initiativgruppe aus Wissenschaftlern, die sich auf dem Gebiet  des Postkolonialismus engagieren. Die Pauschalkritik ärgert Melber.

"Das kommt mir in etwa so vor als wie wenn Vegetarier kritisieren würden, dass Menschen sich dazu entschieden haben, nur noch einmal in der Woche Fleischspeisen anzubieten. Und dies ablehnen, weil sie der Meinung sind, es sollte überhaupt keine Fleischgerichte mehr geben."

Die Besucher sollen zum Nachdenken angeregt werden

Die Initiative will jetzt aktiv um Unterstützung für das Projekt werben. Es gehe ja nicht darum, die Forderung nach einem zentralen Gedenkort für die Opfer des Kolonialismus in Berlin zu ersetzen. Sondern einfach darum, die Besucher des Humboldtforums, die sich für die außereuropäischen Objekte interessieren, zur Nachdenklichkeit über Unrecht und Folgen der deutschen Kolonialgeschichte anzuregen, die bis heute andauerten.

"Ich denke, ein Humboldtforum mit einem solchen Gedenkort ist besser als ein Humboldtforum ohne einen solchen Gedenkort, und es verstellt überhaupt nicht die weitergehenden Forderungen, sich in anderer Weise mit dem kolonialem Erbe und der Erblast auseinanderzusetzen."

Kein Museum des Kolonialismus

Das soll im Humboldtforum auch an vielen Stellen in der Dauerausstellung geschehen, betont Parzinger immer wieder. Ob das ausreicht, um die Widersprüche des Hauses aufzulösen, wird sich ebenso zeigen müssen, wie die grundsätzliche Frage, ob ein Gedenkraum im Museum funktionieren kann.

"Ob das Humboldtforum der richtige Ort ist, darüber muss man sprechen. Natürlich, das Humboldtforum soll kein Mahnmal sein, ich habe auch immer gesagt, das Humboldtforum soll kein Museum des Kolonialismus sein. Aber es ist ein Thema, unsere Vergangenheit, die damit verbunden ist, die können wir an diesem Ort nicht aussparen."

Die Anwohner wollen den Nachtigal-Platz behalten

Neben einem möglichen Raum der Stille wird es noch ein anderes Denkmal im Humboldtforum geben: Die "halbe Fahne". Das Projekt des Ai-Weiwei-Schülers Sunkoo Kang hat einen von vier Kunst-am-Bau-Wettbewerben gewonnen. Sein Entwurf sieht eine riesige bronzene schwarze Fahne auf Halbmast vor, deren unterer Teil im zentralen Treppenhaus des Humboldtforums stehen soll, der obere Teil auf dem Nachtigal-Platz im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding.

Bis dahin soll der Platz, der jetzt noch den deutschen Kolonialisten und Afrika-Forscher Gustav Nachtigal ehrt, in Manga-Bell-Platz umbenannt worden sein – nach einem afrikanischen Widerstandskämpfer gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Dagegen wehrt sich allerdings gerade mit allen Mitteln eine Anwohnerinitiative. Ob die Fahne dort auch dann aus dem Boden kommen wird, wenn der Widerstand der Anwohner erfolgreich ist und der Platz weiterhin Nachtigal-Platz heißt? Wohl kaum.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsSex als sprachliche Herausforderung
Eine Frau liegt mit offenen Augen im Bett. Ihr Mann daneben schläft tief. (imago/Ikon Images, Colin Elgie )

"Sex haben" - seit wann nutzen wir eigentlich diese Formulierung? Dieser Frage geht die "Süddeutsche Zeitung" nach. Die "Zeit" wiederum beklagt die "altherrengeile Reduktion der Frau auf ihre drei Öffnungen" in Michel Houellebecqs Roman "Serotonin". Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 10Wachgerüttelt, durchgeschüttelt
Eine Frau hat sich einen #MeToo-Schriftzug auf den Unterarm geschrieben. (imago stock&people)

Was bleibt im Rückblick auf die Debatten dieses Theaterjahres? #MeToo, ganz klar. Über Gleichstellung sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit France-Elena Damian vom Verein Pro Quote Bühne und diskutieren darüber, ob Theatermacher mit rechten Ideologen reden sollten.Mehr

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur