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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 20.11.2009

Gedenkbuch für die stillen Helfer

Petra Bonavita porträtiert "Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit"

Von Ulrike Holler

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In ihrem Buch "Mit falschem Pass und Zyankali" porträtiert Petra Bonavita die stillen Helfer aus Frankfurt. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
In ihrem Buch "Mit falschem Pass und Zyankali" porträtiert Petra Bonavita die stillen Helfer aus Frankfurt. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Die Autorin Petra Bonavita schildert in ihrem Buch "Mit falschem Pass und Zyankali", wie engagierte Frankfurter Bürger während der NS-Zeit Juden das Leben retteten. Ihre Geschichten waren bislang wenig bekannt, weil die stillen Retter auch nach dem Krieg schwiegen.

Die Retter, die "stillen Helden, waren in der NS-Zeit eine Minderheit, sie mussten ihre Hilfe für Juden geheim halten und auch nach dem Krieg gingen sie nur sehr selten an die Öffentlichkeit. Petra Bonavita:

"Für sie ist eine Selbstverständlichkeit, was sie getan haben- und darüber noch zu sprechen erübrigt sich dann, aber: es wollte natürlich auch niemand wissen. Jetzt ist allerdings eine Zeit, wo dieses letzte Kapitel des Holocaust offensichtlich doch mit den letzten Zeitzeugen aufgearbeitet werden kann."

Sie fand über sehr verschlungene Wege Zeitzeugen in den USA, Irland, Holland und vor allem in der Schweiz, denn die war der am meisten benutzte Fluchtort der Frankfurter Helfer. Viele von ihnen gehörten der "bekennenden Kirche"an, es waren Ärzte, einfache Bürger, Menschen, die aus politischen Gründen Widerstand leisteten. Ausführlich geht Petra Bonavita auf das Bockenheimer Netzwerk ein, das vor allem aus dem Arzt Dr. Fritz Karl und dem Pfarrer Heinz Welke bestand.

"Die beiden haben sich im Grunde gesucht und gefunden. Sie hatten den gleichen Hass auf die Nazis, die beiden haben das organisiert. Und ihnen zur Seite standen ein Kriminalbeamter, ein Schlosser, eine Krankenhausfürsorgerin und andere Leute, die mit Lebensmittelkarten usw. geholfen haben, denn eine Rettung ist niemals mit einer Person, einem Helfer zu bewerkstelligen, wir kennen mittlerweile Rettungen, wo 20, 40 Übernachtungen, verschiedene Stellen involviert sind."

Bei einem jungen Paar, das lange in Frankfurt versteckt wurde, veränderte der Arzt Karl das Gesicht des Mannes durch Operationen und empfahl der Frau, sichtbar schwanger zu werden.

"Denn schwangere Frauen wurden nicht zurück geschickt. Die Schweizer Politik hatte damals die Maßgabe, dass das Boot voll ist in der Schweiz. Sie schickten die Grenzgänger zurück, was natürlich den Tod bedeutete."

Um die Dokumente für dies Paar zu besorgen, wagte die Gruppe einen Einbruch, man fälschte die Pässe und die Frau des Arztes begleitete die beiden unauffällig im Zug, um notfalls Alarm zu schlagen.

Das Risiko der Entdeckung war allen bewusst, deswegen steckte sich eine Jüdin Zyankali in ihren Dutt, ein flüchtender Mann bekam von den Helfern eine Pistole, denn niemand sollte oder wollte unter Folter das Netzwerk offenbaren.

Dieter Welke, der Sohn des Pfarrers, hat nur in Bruchstücken erfahren, welche Risiken der Vater damals auf sich nahm.

"Weil er im Grunde genommen dieses Gesetz des Schweigens nie aufgegeben hat, auch später nicht. Dann kam noch dazu, dass in der Adenauer-Zeit, als die Nazis sich auch wieder zeigten, da war man als Widerständler nicht besonders gut angesehen. Das hat meinen Vater sehr geschmerzt."

Er war nur offen zu Gollwitzer, Karl Barth, Niemöller oder Freudenberger, den Freunden aus der "bekennenden Kirche" nicht einmal zu seiner Frau.

"Er hat ihr nur einmal eine Andeutung gemacht über den Holocaust, was da im Osten passiert – und auch versucht hat er, über die Schweiz es den Alliierten zu vermitteln, das hat er mir mehrmals erzählt."

Pfarrer Welke, obwohl von der Gestapo mehrmals verhaftet und Zeit seines Lebens deswegen traumatisiert, hatte nie Zweifel an seinem Handeln:

"Es war eigentlich selbstverständlich, es war Menschenpflicht, hat er immer gesagt, das hat mich natürlich nachhaltig geprägt, dass man handeln muss. Es gibt eine Sache, wo eine Frau im Kohlentender über die Grenze gebracht worden ist, dieses Netzwerk, die hatten da Beziehung zur Reichsbahn und haben es fertig gekriegt, die im Kohlentender über die andere Seite zu bringen."

Es gab auch Retter und Gerettete, die denunziert im KZ- Dachau landeten und getötet wurden. Das Buch von Petra Bonavita kann nur deswegen an sie erinnern, weil sich Zeitzeugen meldeten.

"Ich hoffe natürlich auch, dass ich über dies Buch doch noch mehr Angehörige melden oder auch Zeitzeugen, denn nur durch das Gespräch ist es erst möglich, genau diese Fragen zu beantworten, wie kommt ein Retter zu seinem Geretteten – und so hoffe ich, dass dieses Buch viele Leser findet und auch viele Leute doch noch motiviert, sich zu melden."

Petra Bonavita: Mit falschem Pass und Zyankali - Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit
Verlag: Schmetterling, 18 Euro

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