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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.12.2011

Gedanken eines verwundbaren Intellektuellen

August Strindberg: "Notizen eines Zweiflers", Berenberg Verlag, Berlin 2011, 319 Seiten

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Der schwedische Autor August Strindberg auf einem Bild aus dem Jahr 1875. (picture alliance / dpa / Pressens Bild)
Der schwedische Autor August Strindberg auf einem Bild aus dem Jahr 1875. (picture alliance / dpa / Pressens Bild)

Er war ein exzentrischer Rebell und ein rastlos Suchender. Der schwedische Romancier, Dramatiker, Maler und Fotograf August Strindberg (1849-1912) verstörte mit seinen gesellschaftskritischen Äußerungen wie streitsüchtigem Wesen die Zeitgenossen.

Er wurde sogar der Gotteslästerung angeklagt und hatte doch lediglich zwölf Novellen über die Institution der Ehe geschrieben. Das Buch erschien 1884 unter dem Titel "Heiraten". Nach der Lektüre schrieb Strindberg an den befreundeten Künstler Carl Larsson: "Auf mich wirkt es wie 'Samenerguss' und ist wie ein guter und ehrlicher Beischlaf, verglichen mit Ibsens hysterischen Zuckungen."

Aus Strindbergs Nachlass sind nun einige bislang unveröffentlichte Texte erschienen, die den Interessierten aufhorchen lassen. Es sind die "Blätter aus dem Grünen Sack", "Antibarbarus II. - Die Welt für Sich und die Welt für Mich" sowie die "Notizen eines Zweiflers" nebst einem Briefwechsel zwischen Strindberg und seinem Verleger Albert Bonnier.

Verstreut und chaotisch wirkt beim Durchblättern das Konvolut, dessen Teile mit Überschriften wie "Warnschuss", "Okkultationen des Mondes" oder "Spektralanalyse des Glühwürmchens" versehen sind. Doch "Gröna Säken" ist die wissenschaftliche Bezeichnung für eine Sammlung von Handschriften, die Strindberg 1884 begonnen hat und die 69 Kartons umfasst. Seit 1922 ist sie im Besitz der Königlichen Bibliothek Stockholm.

Die Sammlung wie auch die "Notizen eines Zweiflers" sind eine wahre Fundgrube. Nachweislich interessierten Strindberg lebenslang die wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Epoche. Vor allem in den 1880er- und 90er-Jahren beschäftigte er sich mit der Evolutionstheorie, der Psychiatrie und Chemie. Nach der "Inferno"-Krise um 1897 begann er selbst mit alchemistischen Versuchen und beabsichtigte sogar Gold herzustellen.

Hinter dem Fragmentarischen der Notizen verbirgt sich eine unruhige Natur, die ihrer Zeit den Spiegel vorhält. Er ent- und verwirft gleichsam in einer Notiz, glüht vor Begeisterung und ist abgrundtief enttäuscht. Wir lesen von Strindbergs Idee zu einem "Weltenplan" - genannt "Befreiung der Ideen aus der Sinnlichkeit" - und erfahren, was er als "Aufgabe unserer Zeit" sah: "Konsequente Durchführung der Demokratie in der Geisteswelt - lasst uns allesamt Genialität wagen - lasst uns allesamt das Denken wagen."

Die in Hamburg lebende Übersetzerin Renate Bleibtreu hat dieses Kleinod an wundersamen Ideen und Sprachblitzen mit sorgsamer Hand übersetzt und herausgegeben. In einer profunden Einleitung und einem Nachwort, beides unaufdringlich verfasst, wird dem Leser das Umfeld skizziert, in dem Strindbergs Äußerungen entstanden. Ein neugieriger und sehr wacher Mensch tritt uns in den ursprünglich mit nachtblauer Tinte kreuz und quer beschriebenen Blättern entgegen. Und ein verwundbarer Intellektueller, der seiner Zeit ein erhebliches Stück voraus dachte und den Franz Kafka respektvoll als "ungeheuren" Strindberg bezeichnete.

Besprochen von Carola Wiemers

August Strindberg: Notizen eines Zweiflers. Schriften aus dem Nachlass.
Hrsg. und übersetzt von Renate Bleibtreu
Berenberg Verlag, Berlin 2011
319 Seiten, 25 Euro

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