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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.12.2017

Gebärdendolmetscherin für Musik "Ich gebe weiter, was die Musik mit mir macht"

Laura Schwengber im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Die Gebärdensprachdolmetscherin Laura Schwengber übersetzt im März 2014 in Potsdam beim Auftritt die Texte der Gruppe Keimzeit für Gehörlose. (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
Laura Schwengber tritt bei Live-Konzerten auf, aber auch in Musikvideos. (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Wenn Laura Schwengber auf der Bühne steht, bekommt sie oft mehr Aufmerksamkeit als die Musiker. Kein Wunder: Sie übersetzt Töne in Gesten. Nur wie? Es geht um Emotion und Energie, sagt sie. Und da kann schon eine Wellenbewegung viel auslösen.

Eigentlich wollte Laura Schwengber Sängerin werden. Doch ihre Lehrerin riet ihr ab: Das würde schwierig werden. Sie landete bei der Gebärdensprache - und verknüpfte sie mit ihrem alten Traum vom Musikerberuf. Der Beginn: Musikvideos in Gebärdensprache für den NDR.

Anfangs übte Schwengber vor dem Spiegel und war nicht zufrieden, dann holte sie sich Rückmeldungen tauber Menschen ein. Mittlerweile liest sie zunächst nur den Text und übersetzt ihn:

"Dann habe ich Material in meinen Händen, nämlich eine konrete Übersetzung, die ich dann an Musik, Rhythmus und Melodie anpassen kann. Ich kann eine Gebärde, die so was wie eine Welle darstellt zum Beispiel schneller oder langsamer bewegen, höher oder tiefer und kann so einen Teil der Musik darstellen."

Schwengber arbeitet mit Bildern

Wichtig sei ihr, nicht darauf zu achten, jedes einzelne Wort verständlich zu machen, sondern zu schauen, dass die Emotion und die Energie auf einem Livekonzert "rüberkommen".

Doch wie geht das bei Musik ohne Text? In dem Fall arbeitet Schwengber mit Bildern - etwa bei Smetanas Sinfonie "Die Moldau". Bei modernen Stücken lässt sie sich erklären, in welcher Situation die Komponisten ihr Werk geschaffen haben und was sie erzählen wollten. Wenn das alles nicht helfe, habe sie noch zwei Optionen: Sie denkt sich etwas aus - "oder es ist dann doch die Ballerina besser dran".

Am Anfang hätten sie die Menschen so wahrgenommen: "Da ist das Konzert und da links in der Ecke - das ist für die Behinderten. Das ist nicht mein Ansinnen. Das, finde ich, passt auch nicht zur Inklusion, sondern eigentlich sollte es darum gehen, dass alle damit irgendwie Spaß haben." Mittlerweile würden auch hörende Menschen oftmals lieber sie als die Sänger anschauen. (bth)


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Gebärdendolmetscher in Nachrichtensendungen oder bei Parteitagen oder Politikerauftritten, die sind fast schon normal, aber eine Gebärdendolmetscherin für Musik, wie, bitte schön, macht man das, wie übersetzt man Töne in Gesten? Das wollen wir von einer wissen, die inzwischen live und im Netz ein Star ist auf ihrem Gebiet: Laura Schwengber, staatlich geprüfte Gebärdendolmetscherin und Musikliebhaberin, und heute "übersetzt" sie – in Anführungsstrichen – im Potsdamer Nikolaisaal Bachs Weihnachtsoratorium für Kinder in Gebärdensprache, aber jetzt ist sie bei uns am Telefon. Schönen guten Morgen!

Laura Schwengber: Guten Morgen!

Billerbeck: Wie sind Sie denn, bitte schön, dazu gekommen, Musikvideos und Musikkonzerte in Gebärdensprache zu übersetzen?

Schwengber: Ja, eigentlich war das ein riesengroßer Zufall. Ich bin immer ein bisschen hin- und hergerissen zwischen 'habe ich den Bereich gefunden oder hat der Bereich eigentlich mich gefunden?'. Ich wollte immer Musikerin werden und hatte dann aber eine furchtbar nette Gesangslehrerin, die mich irgendwann zur Seite nahm und freundlich mit dem Kopf schüttelte und sagte, mh mh …

Billerbeck: Das wird nichts.

Es war ein Riesenexperiment

Schwengber: Lass das mal lieber, das wird schwierig, und so bin ich in der Gebärdensprache gelandet irgendwann, und dann hat mich die Musik wieder eingeholt durch ein Projekt des Norddeutschen Rundfunks, die Musikvideos in Gebärdensprache haben wollten und dafür auf mich zugekommen sind, auch über fünf Ecken, und ich habe, bis wir im Studio standen und die ersten Leute gesagt haben, ja, doch, das ist cool, habe ich eigentlich selber nicht dran gedacht, dass das überhaupt funktionieren könnte. Es war ein Riesenexperiment, und heute bin ich total froh, dass wir das damals gemacht haben.

Billerbeck: Trotzdem die Frage: Wie müssen wir uns das vorstellen? Da können Sie zwar Worte übersetzen, aber nun soll es ja Musik sein. Haben Sie da zu Hause vor dem Spiegel geübt und haben sich ganz unterschiedliche Musik angehört oder haben Sie einfach sich auf Ihre Intuition verlassen?

Schwengber: Beides. Am Anfang habe ich vor dem Spiegel angefangen und dachte immer, das kann nicht deren Ernst sein, das kann doch keiner ernsthaft gerne angucken, das sieht doch komisch aus, und irgendwie hat das so gar keine Energie, und das hat doch nichts mit dem Musikerleben zu tun, das ich so kannte und habe dann den Spiegel weggelassen und einfach mir taube Leute vor die Nase gesetzt und habe gesagt, verstehst du das und macht das Spaß und habe dann mit den konkreten Rückmeldungen der Leute gearbeitet und bin mittlerweile da angekommen, dass ich anfange, den Text erst mal einfach nur zu lesen, noch ohne die Musik, und dann einfach nur den Text übersetze und dann Material habe quasi in meinen Händen, nämlich eine konkrete Übersetzung, die ich dann an Musik, Rhythmus und Melodie anpassen kann.

Also kann ich dann eine Gebärde, die eben sowas wie eine Welle darstellt zum Beispiel, kann ich dann schneller oder langsamer bewegen, höher oder tiefer, und kann so einen Teil der Musik darstellen, und besonders wichtig finde ich es dann aber, nicht so sehr da drauf zu achten, ist wirklich jedes einzelne Wort eines Textes verständlich, weil das machen Sängerinnen ja auch nicht – das hören wir ja alle ständig, dass wir den Text noch mal nachlesen müssen, weil wir es auch nicht verstanden haben –, sondern dann zu gucken, dass es besonders die Emotion ist, die rüberkommt und die Energie, die auf so einem Livekonzert herrscht, auch rüberkommt.

Billerbeck: Wie machen Sie es aber, wenn die Musik gar keinen Text hat?

Schwengber: Dann gibt es im besten Fall sowas wie … "Die Moldau" zum Beispiel ist überliefert, dass ich weiß, es geht um einen großen Fluss, der sich reißend seine Wege bahnt. Dann kann ich damit arbeiten mit diesem Bild oder ich kann eventuell anders rausfinden, was der Künstler damit ursprünglich meinte. Manche Sachen bauen ja auch … sowas wie "Peter und der Wolf", das baut ja darauf auf, dass es mal eine Geschichte dazu gab. Bei modernen Stücken, die keinen Text haben, lasse ich mir gerne von den Autorinnen erzählen, in welcher Situation sie das geschrieben haben, wie es denen da ging, was sie damit erzählen wollen, und wenn das alles nicht möglich ist, habe ich eigentlich nur noch zwei Optionen: Ich biete irgendwas an, ich denke mir was aus, quasi das, was die Musik mit mir macht, gebe ich weiter, kommuniziere das eben vorher ganz klar, oder es ist dann doch die Ballerina besser dran.

Billerbeck: Ich habe Sie mir natürlich angesehen vor dem Interview, das wir jetzt führen, und war sehr beeindruckt.

Schwengber: Vielen Dank!

Bei Kinderkonzerten muss der Gebärdenraum größer sein

Billerbeck: Es war also wirklich ein unglaublich unterhaltender Akt, wie Sie da Musik rüberbringen. Ich hätte Sie mir auch alleine ohne die Musik angucken können. Das wäre auch toll gewesen. Nun performen Sie ja heute Bachs Weihnachtsoratorium für Kinder. Machen Sie es für Kinder anders als für Erwachsene?

Schwengber: Ein bisschen. Also die Kinderkonzerte sind ja sonst auch so im ganzen Rahmen auf Kinder abgestimmt, das heißt, sie sind nur ein Stündchen lang, sodass es auch für die Kleinen nicht zu lang wird, die Geschichte ist so erzählt, dass Kinder das auch verstehen, und das muss ich quasi auch transportieren in die Gebärdensprache. Also dass es nicht zu lang wird, ist relativ einfach, dadurch, dass es ja simultan gedolmetscht ist, bin ich fertig, wenn das Konzert auch fertig ist, aber das Dolmetschen für Kinder braucht zum Beispiel auf der Bühne einfach ein bisschen, wir nennen das: Gebärdenraum, der muss größer sein.

Also ich muss meine Hände mehr bewegen, damit die ganzen Gebärden, die vielleicht auch Kinder zum ersten Mal sehen, vorher noch nicht kannten oder noch nicht so sehr benutzen selber, einfach die Chance haben, die richtig gut zu verstehen. Je nachdem wie alt die Kinder sind, muss ich zum Beispiel für Namen das Fingeralphabet weglassen, weil Kinder im Zweifel vielleicht noch nicht flüssig buchstabieren können, gibt es dann eben in Absprache entweder mit den Eltern oder mit den Erziehern, je nachdem, wer so da ist, sind dann so die Vorgespräche im Foyer, kann man dann schon mal gucken, Mensch, was benutzt du denn in der Schule für den und den, für die und die historische Figur, und dann kann man diese gleiche Gebärde übernehmen zum Beispiel.

Billerbeck: Wie sehen Sie denn eigentlich Ihre Rolle in den Konzerten? Was tun Sie da, wer sind Sie?

Schwengber: Das variiert stark, je nachdem so ein bisschen auch, was die Band oder die Musiker für eine Rolle mir zugestehen. Im besten Fall bin ich sowas wie der Gastgitarrist, also einfach ein Teil der Show, ein Teil der Band, der auch, was weiß ich … Positionswechsel sind immer so ein schönes Beispiel dafür, also wenn der Sänger irgendwie plötzlich zum Schlagzeuger rennt und die zwei Gitarristen sich auch gegenüberstehen, kann ich sowas mitmachen. Dann ist das total großartig, weil dann wird es echt zu einer Show. Es gibt aber auch genauso gut die Möglichkeit zu sagen, Bühne ist extrem klein, wir schaffen eine Extrabühne, und dann ist das wirklich so ein Add-on.

Ansonsten versuche ich weniger so … Wir hatten das am Anfang oft das Problem, dass die Leute sagten, okay, da ist das Konzert, und da links in der Ecke ist das für die Behinderten. Das ist nicht mein Ansinnen. Das, finde ich, passt auch nicht zur Inklusion, sondern eigentlich sollte es darum gehen, dass alle damit irgendwie Spaß haben, und mittlerweile, glaube ich, sind wir da angekommen, dass auch hörende Menschen dastehen und sagen, Mensch, ja, lieber Sänger, es tut mir leid, aber so oft habe ich dich jetzt eigentlich heute Abend gar nicht angeguckt.

Billerbeck: Ich habe lieber Laura Schwengber angeguckt, das hat mehr Spaß gemacht.

Ein Wunsch: ein Konzert mit Max Herre

Schwengber: Genau!

Billerbeck: Gibt es denn irgendein Orchester oder eine Band, mit der Sie gerne mal zusammen auf der Bühne stehen würden? Also ich sage jetzt mal die Stones oder die Royal Philharmonic Orchestra oder sowas?

Schwengber: Auch gute Ideen. Im Moment bin ich bei Max Herre und dem Kahedi Radio Orchestra. Das wäre so … Das ist eins meiner persönlich eindrucksvollsten Konzerte gewesen, und dieses Gefühl, da im Publikum zu stehen und dieses Konzert zu erleben, das würde ich unheimlich gerne tauben Menschen auch zugänglich machen, weil es mich persönlich damals so bewegt hat. Das wäre auf jeden Fall noch mal so ein Riesenwunsch, das Konzert noch mal zu machen. Lieber Max, wenn du das hörst, ruf mich an!

Billerbeck: Das war jetzt die Bewerbung! Musik in Gebärdensprache, gedolmetscht, gespielt, möchte man fast sagen, von Laura Schwengber. Heute um 17 Uhr tut sie es wieder, im Potsdamer Nikolaisaal übersetzt sie für Kinder Bachs Weihnachtsoratorium. Frau Schwengber, ich danke Ihnen sehr!

Schwengber: Ich danke ebenso! Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen!

Billerbeck: Den wünsche ich Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Am heutigen Freitag, 22. 12., übersetzt Laura Schwengber Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium" für Kinder in Gebärdensprache: im Nikolaisaal Potsdam, Beginn: 17 Uhr.

  

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