Hörspielmagazin, vom 01.06.2021, 20:41 Uhr

GastkritikDie Hörspiel-Premieren im Juni

Dietrich Petzold stellt drei Hörspielproduktionen vor, die im Juni urgesendet werden: "Der letzte Trychler", "Hab mich wohl" und "Im weißen Rössl am Central Park".

Ein altes Transistorradio steht auf einem Stuhl in der Mitte eines Feldes (unsplash/Alex Blăjan)
Sommer, Sonne, Radio (unsplash/Alex Blăjan)

Der letzte Trychler

Nun, noch ist nicht alles realiter verfügbar, was unsere Technologiebegeisterung sich auszudenken vermag. Das Körperschallspeicherextraktionsverfahren macht im Jahre 2056 alle Klänge hörbar, die auf einen Gegenstand jemals eingewirkt haben. Im letzten Teil der "Meiringer Trilogie" von Matthias Berger, Gion Mathias Cavelty und Lukas Holliger, für den ARD Radio Tatort vom Schweizerischen Rundfunk (SRF) produziert, hat der Erfinder dieser Technologie okkulte und menschenzerstörende Lärmphänomene zu untersuchen, wobei auch die Chronologie der eigenen Biografie ins Schlingern gerät.

Ausschnitt "Der letzte Trychler":

"Jetzt bin ich aber im völlig falschen Hörspiel."

"Anliker, was ist mit Ihnen?"

"Meine eigene Stimme ist auf dieser Scheiß-Glocke drauf. Und zwar vor – warten Sie – 165 Jahren: Das hieße nicht nur, dass ich vor 165 Jahren schon einmal hier gewesen sein muss, sondern auch, dass diese Glocke damals in meiner Nähe war."

Akustisch dicht gepackt, beeindruckt das Stück mit raffinierten szenischen Klanggebilden und Tiefenstaffelungen (Tontechnik: Tom Willen). Ulrich Bassenge, sicherlich etlichen Hörern dieses Hörspielmagazins durch seine profunden Beiträge zur Geschichte der Hörspieldramaturgie wohlbekannt, zeichnet für die – mir manchmal gar zu opulenten, aber handwerklich gekonnten – Musik-Geräusch-Konstruktionen verantwortlich.

Ausschnitt "Der letzte Trychler":

"Scheiße nochmal, das sind Trychler. Dutzende! Die werden doch nicht – die Reichenbachfälle hinunterspringen!"

"Sofort landen!"

"Wir sind zu spät. Alle tot. 50 tote Trychler!"

"Diese riesigen Kuhglocken! Was sollen all die Kuhglocken?" "Trycheln!" 

Im deutschsprachigen Raum weiter nördlich angesiedelte Zuhörende werden gelegentlich ums Verstehen zu ringen haben. Wenn sich 50 Trychler einen Wasserfall hinab in den Tod stürzen, so handelt es sich nicht um den Suizid mythenumwobener skandinavischer Nagetiere, sondern um ein rätselhaftes Geschehen im Zusammenhang mit einer uralten agrikulturell-heidnisch-spirituell geprägten Tradition. Aber nur Mut: die akribisch ausgefeilte Regie Susanne Jansons sorgt zuverlässig dafür, dass sich auch alp-fernen Zuhörenden die Handlung erschließt. Und es macht durchaus Spaß, dieser aufwendigen mythisch-mystischen Produktion dabei zu folgen, wie sie alle verfügbaren Register zieht.

Sie hören "Der letzte Trychler" am 19.06.2021, 20.00 Uhr im Radio SRF 2 Kultur.

Hab mich wohl

Ein ganz anderer Umgang mit mythisch-mystischen Elementen prägt das melancholisch-tröstliche Hörspiel "Hab mich wohl" von Naema Gabriel. Wenngleich zunächst nahezu dokumentarisch daherkommend (Krankenbesuch, Nähen von Masken etc. in Corona-bedingter Quarantäne-Situation), wendet sich die Erzählung bald dem Vanitas-Topos zu und spielt mit diesem in unterschiedlichen Ausleuchtungen (Regie: Alexandra Distler). Erkennbar steht hier der alte Mythos vom Gevatter Tod Pate, obwohl auch die fiktiven, märchenhaften Figuren ganz im hier und heute (und in der Vorstellungswelt der Ich-Erzählerin) angesiedelt sind. So beim Auf- und Ausräumen der mütterlichen Wohnung nach deren Umzug ins Pflegeheim:

Ausschnitt "Hab mich wohl":

"Does it spark joy?" 

Ich dreh' mich um. Da steht eine zarte Person am offenen Fenster. Ich kenne sie aus dem Internet.

Der verzweifelt um Entscheidungen ringenden Erzählerin eilt die "Ordnungsberaterin" Marie Kondo aus dem Netz zu Hilfe. Hier ist es noch unproblematisch: das unerbittliche Voraussetzen englischer Sprachkenntnis. Freilich, ein erotisierend ephebisch-schöner Tod, stehend (noch) am Kopfende des mütterlichen Krankenbettes, muss sich natürlich der "Welt"-sprache bedienen. Schade jedoch, dass dies für einige Hörerinnen und Hörer zu verlustbehafteter Wahrnehmung führen dürfte:

Ausschnitt "Hab mich wohl":

"Im Ernst, ich mache mir Sorgen um mein Herz."

"Me too, I´m worried about your heart. Over time I got really attacked to it." "Attacked?"

"O, attached I mean. Stupid autocorrect, sorry!"

"Ach, gut; ich hatte schon Angst!"

"Dont´t be afraid. We still just getting to know each other. We´ll take our time. Relax!" 

Immerhin kann die und der "Weltsprach-Unkundige" derweil einer wirklich schön dargebotenen Solo-Trompete über ungefährlichem Elektronik-Teppich lauschen, somit ahnend, dass unsere Protagonistin noch nicht gleich ins Todes-Bett hüpfen wird. Nebenher: ist es der immer wieder vorgetragenen Forderung nach Immersion im Hörspiel geschuldet, dass selbst wirklich gutes Text- und Sprachklang-Material kaum je noch ohne flächig eingesetzte akustische Gleitmittel geduldet ist? Die in diesem Falle durchaus überzeugende musikalische Qualität (Komposition: Andreas Koslik) lindert, tilgt aber nicht vollständig das Problem der akustischen Verstopfung bzw. Überzuckerung. Manchmal aber, zugegeben, ist´s auch einfach anrührend; zumal überzeugend und differenziert gesprochen wird, vor allem von Wiebke Puls als Ich-Erzählerin Mo und Helga Fellerer als deren Mutter.

Ausschnitt "Hab mich wohl":

Meine Mutter ist die Einzige außer mir, die das unsichtbare Kind sehen kann. Sie hält mich nicht für verrückt, wenn ich mit ihm rede. Sie redet selbst mit ihm.
"Aber weißt du, was das allerbeste an meinem Lieblingsrestaurant ist?"
 "Was; erzähl mir!"
"Die haben ein Aquarium. Ich will auch mal ein Aquarium. Es gibt Fische, die halten sich so – pfffch – an der Glasscheibe fest, ohne Hände."
 "Hier gibt es auch ein Aquarium."
"Echt?"
 "Ja, ich zeig es dir. Wir sind schon auf dem Weg dorthin. Nur noch ein paar Schritte!"
Sie stehen vor mir und drücken ihre Hände an die Scheibe. Ihre Gesichter, meereslichtfarben beleuchtet, spiegeln sich nebeneinander. Alles ist friedlich und normal. Sogar ich bin normal. Das wollte ich schon immer mal sein.

Eine subtile Geschichte über das Loslassen, die, hat man sich einmal darauf eingelassen, einen so schnell nicht loslässt. Sie hören "Hab mich wohl" am 04.Juni 2021, 21:05 Uhr, BAYERN 2

Im weißen Rössl am Central Park

Für die dritte hier zu besprechende Ursendung ist deutsch-englisches Sprachgemisch konstituierender Bestandteil.

Ausschnitt "Im weißen Rössl am Central Park":

Mein Background ist steyrisch, ich war einst so bäurisch. Die Kuh auf der Weide, die war meine Freude. Ich fütterte täglich auch unsere Sau. But I´m in America now. A girl is a Mädel, a dumpling a Knödel, man isst Kalorien, gelbe und grüne, die Hendl, die fetten gibt´s net in Manhattan. Stattdessen gibt´s nur Vitamine. Das Roserl pfeift jetzt auf den Ochsenwirt und hat einen New Yorker Flirt. Jetzt steht sie da mit ihrem Boy, ganz ohne Scheune, ohne Heu. Doch geht sie nachts am Riverside, hat sie genau dieselbe Freud.

"Im weißen Rössl am Central Park" ist die Hörspieladaption eines Musiktheater-Hybriden von Johannes Müller und Philine Rinnert, der in den Berliner Sophiensälen im April 2019 aufgeführt wurde. Ausgehend von der Geschichte der 1930 in Berlin mit großem Erfolg uraufgeführten und bald von den Nazis verbotenen Heimat-Revue "Im weißen Rössl" wird ein kaleidoskopartiges Hörbild jüdisch-deutsch-österreichischer Emigrations-Kultur in der neuen Heimat New York gezeichnet.  

Ausschnitt "Im weißen Rössl am Central Park":

Eine Anzeige des Café Vienna in New York kündigt 1941 an: Das weiße Rössl am Central Park, in schlechtem Deutsch und ebensolchem Englisch. Written and directed by Jimmy Berg. … Shimon Weinberg wurde in Galizien geboren. 1931 kam er nach Berlin und verdiente dort sein Geld mit der Übersetzung amerikanischer Songs und als Komponist.

An der Berliner Produktion des "Weißen Rössl" 1930 war Shimon Weinberg nicht selbst beteiligt, er war es aber, der – nach vorübergehendem Exil in Österreich in die USA ausgewandert – eine deutsch-amerikanische Variante der Revue auf die Operetten-Bühne des Café Vienna in New York brachte. Jimmy Bergs Textfassungen von 1941 und 1947 verändern vor allem die Rolle der Rösselwirtin in durchaus emanzipatorischem Sinne in die einer selbstbewussten Geschäftsfrau. Aber auch die zahlreichen erotischen und politischen Anspielungen erfahren in beiden Varianten diverse Veränderungen.  

Ausschnitt "Im weißen Rössl am Central Park"

Im weißen Rössl am Wolfgangsee ist längst kein Nazi mehr Wirt. Er grüßt entzückt "Guten Morgen". Er möchte´ selbst Herrn Levy was borgen. In Salzburg und auch am Semmering sind Juden wieder begehrt. Doch das ist gar nichts dagegen, wie Wien die Juden verehrt.

Bei dieser Sendung handelt es sich erkennbar nicht um eine Studioproduktion; es stehen eindeutig die musikalischen Elemente im Vordergrund (Arrangements und Leitung: Misha Cvijovic). Und diese  sind nun wirklich ganz raffiniert, witzig und mit großer Spielfreude dargeboten. Aufgenommen wurde gemeinsam musizierend in einem Theatersaal, mit Corona-bedingten Abständen zwischen den einzelnen Sängern und Musikerinnen. Das führt manchmal zu Unausgewogenheiten, auch wirken die separat produzierten Sprechszenen manchmal etwas ungeschliffen, doch entsteht so auch eine feine intime Atmosphäre, man sitzt quasi mittendrin im Café Vienna.  

Ausschnitt "Im weißen Rössl am Central Park"

Es müsst´ was Wunderbares sein, ´ne Wohnung jetzt zu finden. Jedoch: die Hoffnung, die ist klein, wie Landlords gleich verkünden. So gehen sie Apartment suchen; sie wandern und sie fluchen. Sie finden nichts. Und zum Schluss sagt er: "Schatz, ich weiß einen Platz". … Ich schreibe dir vom Festland unter meinen Füßen. Ich selbst habe mich aber völlig verflüssigt. Ich bin in der neuen Stadt so sehr herumgeschubst worden, dass ich das Gefühl habe, ich kann mich jedem Behälter anpassen, in den man mich gießt. Ich bin Wasser. Oder irgendwas nicht ganz so Reines: Eigelb vielleicht.

Es ist schlicht nicht möglich, hier die zahlreichen Mitwirkenden und die noch zahlreicheren Text- und Musik-Quellen aufzuführen, ein sehr ausführlicher Abspann besorgt dieses aber am Ende der Sendung.

Ausschnitt "Im weißen Rössl am Central Park":

… dann hört es, hört es, hört es, hört es, hört es nicht mehr auf. "Wie ist denn das Wetter dieses Jahr?"

Wie es auch sei, das Wetter: Sie hören "Im weißen Rössl am Central Park" am 2. Juni 22.03 Uhr im Deutschlandfunk Kultur

Abonnieren Sie unseren Newsletter!