Hörspielmagazin, vom 02.06.2020, 20:15 Uhr

GastkritikDie Hörspiel-Premieren im Juni

Gastkritikerin Gaby Hartel präsentiert ihre persönliche Auswahl der Neuproduktionen im Juni: "Einsam stirbt öfter" von Gesche Piening und "Wir gehen, wir gehen - ein Leben lang! Eine Begegnung mit Hans Jürgen von der Wense" von Ruth Johanna Benrath.

Hans Jürgen von der Wense (Heinrich Hauser / blauwerke)
Der Schriftsteller, Komponist, Übersetzer und leidenschaftliche Wanderer Hans Jürgen von der Wense (Heinrich Hauser / blauwerke)

Ausschnitt Hörspiel 

Glocke

Vor fünf Monaten stand ich an einem offenen Grab. Der Friedhof lag eingebettet in die wellige Landschaft des Moseltals und war umstanden von winterlichen Apfelbäumen. In dieser schönen Gegend hatte der Verstorbene seine siebenundneunzig Lebensjahre zugebracht und nun waren hier mehr als hundert Leute versammelt, um sich von ihm zu verabschieden. Und als die Freunde und Verwandten jeden Alters sich später bei Kaffee und Kuchen lustige und wehmütige Geschichten erzählten, wurde die Trauerfeier zu einem Fest des Lebens.

Dass ein letzter Weg oft ganz anders aussieht, wusste ich. "Einsam stirbt öfter" von Gesche Piening verwandelte dieses theoretische Wissen in Erfahrung.

 Ausschnitt Hörspiel

"Ein Einsamer ist nun gestorben. Was bleibt zu sagen und für wen. Die Welt von dann bis dann betrachtet. Zum Abschied keiner da. Was bleibt zu sagen und für wen?"

Schon die ersten Sekunden dieses Hörspiel setzen einen klaren Fokus, der das gesamte Stück bestimmt. Ein thematischer Sog entsteht, der unmittelbar und doch sehr leise die zutiefst menschliche Geste unterlegt, mit der die Autorin  die einsam Verstorbenen postum ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rückt. Kein lauter Ton, keine künstlerisch schrille Pose kommt vor in diesem "Requiem", wie das Hörspiel im Untertitel verdientermaßen heißt.

Basierend auf den Recherchen für ein Feature, das sie im vergangenen November für den Bayerischen Rundfunk schrieb, stellt die Autorin nun eindringliche Fragen. Wie konnte es zu einem solchen Ende kommen? Gab es keine Familie? Keine Bekannten? Das Hörspiel bettet diese Fragen in einen Erzählraum, der respektvoll Distanz zu den Figuren hält. Trotzdem stellt mich der "Chor der zukünftig Gestorbenen" direkt zur Rede, der im Wechselgespräch mit Einzelstimmen das fünfundfünfzigminütige Szenenpanorama eröffnet.

Ausschnitt Hörspiel

"Ein Einsamer ist nun gestorben. Was bleibt zu sagen? Und für wen? Nicht alle Toten geben Auskunft. Was bleibt, das bleibt. Ein Einsamer ist nun gestorben. Das bleibt. Nur das? Ein Einsamer ist nun gestorben. Das bleibt."

Stilistisch arbeitet Piening, die auch Regie führte, mit einem reichen Formenrepertoire bestehend aus fiktionalen, dokumentarischen, lyrischen und musikalischen Mitteln. Jede Szene ist in eine ikonische Ausdrucksform gefasst und lebt in einem eigenen akustischen Raum.  So schraubt sich das Hörspiel mit jeder Minute tiefer in mein Bewusstsein.

Ausschnitt Hörspiel

"Eine Leiche im Keller. Beim Umzug des Nachbarn gefunden. Der räumt seinen Keller auf. Stapelt und schichtet, entsorgt und sortiert. Ganz langsam lichtet sich das Chaos. Gibt den Nebenraums frei. Ein ebensolcher Keller. Begrenzt von einem Lattengitter. Der Nachbar sieht dort jemanden sitzen. Ganz ruhig auf einem Klappstuhl. Der Anblick irritiert. Der Nachbar schaut genauer hin. Schaut lange durch die Streben. Und wirklich sitzt da wer. Wahrscheinlich ist’s ein Mann. Sitzt dort `ne halbe Ewigkeit. Im Keller auf dem Klappstuhl. Und ist dabei gestorben. Und keiner hat’s  gemerkt."

Piening nutzt scharfe Perspektivwechsel: Vom  zum knappen Spotlight zum ausführlichen Bericht. Vom Chor zur Selbstauskunft eines Toten. Fehlgeschlagene Kontaktversuche eines Nachbarn führen in Dialogszenen exemplarisch vor, wie einer immer tiefer in die Einsamkeit gleitet. Dann wieder berichten "Experten für Einsame Tode" von ihrer Arbeit.  Piening hat erkannt – und ich mit ihr – dass dieses erschütternde Thema durch emotionales Überdrehen nur verloren hätte. Durch die strenge, rhythmische Komposition aller Erzählfragmente erreicht sie, dass anonyme Einzelschicksale, wie wir sie als Meldung auf "Vermischtes-Seiten" lesen können, schrittweise menschlichen Gestalt erlangen. 

 "Einsam stirbt öfter. Ein Requiem"  ist ein beeindruckendes Plädoyer gegen die Ächtung der Einsamkeit, einem Zustand, unter dem Millionen leiden – sofern er nicht selbstgewählt und zeitlich begrenzt ist.

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Ausschnitt aus dem Feature "Ich ist ein (W)anderer"

 "Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbstständigste in dem Manne und bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge."

Von einem ganz anderen psychischen Zustand - aber ebenfalls als poetisches Soundkunstwerk gestaltet-,  erzählt Ruth Johanna Benraths Hörspiel "Wir gehen, wir gehen - ein Leben lang! Eine Begegnung mit Hans Jürgen von der Wense".

Bereits im Untertitel verweist es auf eine Form, in der die Autorin seit einiger Zeit zuhause ist: im Dialog mit einem verstorbenen Vorläufer. Nach dem viel beachteten Stück "GEH DICHT DICHTIG! Hörspieldialog mit Elfriede Gerstl", schreibt Benrath nun eine Annäherung an den manischen, beseelten Wanderer und Weltensammler, auf dessen wunderbares Werk gar nicht oft genug hingewiesen werden kann.

Die Leidenschaft für das Gehen, die Freude, ja fast schon Sucht nach dem Zusammenspiel von Muskeln, Sinnen und Bewusstsein, von Assoziations-kraft, Konzentration, Inspiration und Erinnerung, ist bei vielen Autoren festzustellen. Eine Art Urtext ist der Spaziergang nach Syrakus des eben zitierten Johann Gottfried Seume, der vor gut zweihundert Jahren seine Leser faszinierte.  Bei Wense klingt es gut ein Jahrhundert später so:

Ausschnitt Hörspiel

1. STIMME: "Stadt, besehen. Wildnis – Angst beim Wandern. Oder die Angst vor der Wildnis. Urälteste. Eine uralte Furcht u. Bangigkeit die wieder in uns aufwacht, aufbricht. Wir gehen schnell, wankend, stieren und reden irre.

Sonntag waren wir auf dem Meißner: gegen den Sturm an, über die wildesten Felsen. Und das ist unser wahrer Zustand: diese starke, freudegroße Bewegung, im Wind, mit Sonne."

2. STIMME: "Festhalten der Sonne / an der kurzen Leine / sie hier aufs Papier bannen / Antwort auf alle Fragen / und husch / weg ist sie, / eigenwilliges Tier"

1. STIMME: "Schnell über Höhn. Immer gehend, fortgehend, in einen Nebel der sich hebt, ganz hungrig nach Weite. Ich könnt denken, wir gehen einmal so stark, dass wir unsichtbar werden. Wir gehen, wir gehen – ein Leben lang!"

Der motorische Akt des Gehens fällt auch bei von der Wense zusammen mit dem Rhythmus des Schreibens  - eines Schreibens draußen, in der Natur. Hier lebt er Unangepasstheit, Freiheitsliebe und eine grenzenlose Neugier auf die Welt und macht sie in einem alchimistischen Vorgang zu Sprachkunstwerken.

Ruth Johanna Benrath folgt ihm, wie wir eben hörten, kontrapunktisch von ihrem Berliner Schreibtisch aus. Sie prüft gewissermaßen den Wind seiner Texte und spannt ihr Stück netzartig zwischen drei Stimmen auf: Die erste gehört von Wenses Wandertexten. Die zweite, die ihm hinterherdenkende Stimme der Autorin und eine dritte zeigt mit größerer Nüchternheit Wenses Position zur Natur mithilfe seiner unzähligen Fotos. "reine landschaft im äther" nannte er diese Fotorbeiten. Ein schöner Begriff, der gut auf dieses Hörspiel passt, in dem Christine Nagel gewohnt sensibel für den Stoff Regie führt.

Ausschnitt Hörspiel

1. Stimme: "Wer wandert, wird selbst zur Landschaft, er wird Wolke oder Fluss. Er ist Sphäro-mant. Der gleichmäßige Regen, wenn ich neben ihm wandere, wird er mein Freund. Ich bin ein Pulsschlag der Elemente, des Wassers, der Luft…"

1. Stimme: "Freue dich, / heute hast du Zeit / einen Qualitätsbleistift mit Bissspuren / überflüssige Buchstaben / freu dich doch / Dass du nicht schon längst umgekippt bist vor lauter Zweifeln und nichtbeantworteten Fragen."

Wie von Wense selbst, gliedert Benrath das mäandernde, mitreißend ausufernde, magische Werk alphabethisch in Schlagworte und bändigt damit - wie er - die großartigen Höhenflüge eines freien Geistes, ohne sie zu beschneiden: "I: Das Irrationale", "Ich". "U" für "Unordnung", "Urnebel". Die Mischung der Sprachflächen mit Field Recordings und Kompositionen von Mario Bertoncini machen dieses Hörspiel zu einer beglückenden Begegnung mit einem großartigen Bewusstsein.

Benraths dialogischer Ansatz gehört formal in den Bereich der "künstlerischen Forschung". Da kommen sich Fragende und Befragter sehr nahe. So erfahre ich während ihrer Entdeckungsreise 88 faszinierende Minuten lang auch viel über Benraths Sprach- und Naturve

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