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Frühkritik | Beitrag vom 01.10.2021

Garry Disher: "Moder"Melancholie und Verbrechen

Von Katrin Doerksen

Das Cover des Krimis von Garry Disher, "Moder", auf orange-weiße Hintergrund. (Deutschlandradio / Pulp Master)
Alles fällt am Ende an seinen Platz in Garry Dishers Roman "Moder". (Deutschlandradio / Pulp Master)

Finanzbetrug, Drohnen und Überwachungstechnik: Garry Disher erzählt in seinem neuen Wyatt-Roman "Moder" von einer Welt, in der ausgerechnet ein Dieb der einzige Mensch mit einem intakten moralischen Kompass ist. Platz eins auf der Krimibestenliste.

"Plane fürs Optimum, erwarte das Schlechteste, beachte die Fluchtwege." Garry Dishers inzwischen neun Bände starke Reihe um den Berufsverbrecher Wyatt steckt voller praktischer Ratschläge, auf alle Lebenslagen anwendbar. Aber Wyatt meint’s wörtlich. In Sydney erledigt er Einbruchsjobs, die ihm ein Kontaktmann aus dem Gefängnis heraus vermittelt. Sein neustes Ziel trägt den Namen Jack Tremayne und hat mit einem Ponzi-Schema dutzende Investoren um ihr Erspartes gebracht.

Nun hat Tremayne das Finanzamt am Hals und bevor er außer Landes flüchtet, will Wyatt seinen Notgroschen finden: Eine Million Dollar in Bargeld, Schmuck und Wertpapieren. Nur läuft er dabei Gefahr, die Aufmerksamkeit von Tremaynes übrigen Verfolgern auf sich selbst zu ziehen. Der altgediente Detective Muecke entdeckt Wyatt auf den Bildern einer Überwachungskamera und beißt sich an dem Phantom fest.

Coolness als verlässlicher Anker

Aber Wyatt ist und bleibt nun mal ein Phantom: Ein Mann ohne Vorname und genaues Alter, ohne Wurzeln, ein soziales Netz oder Eigenschaften, die allzu weit über seine kühle Professionalität hinausgehen. Dem Autor gibt das alle Freiheiten der Welt – etwa in der Wahl seiner Settings. Die Topografie, Flora und Fauna, das Wetter oder die Mieterstruktur eines Straßenzugs – alles kann bei Wyatts Einsätzen zum entscheidenden Faktor werden: Mal nutzt er die langen Schatten eines späten Nachmittags zur Tarnung, dann wieder erschwert ein Marathonlauf auf der Promenade eine Verfolgungsjagd.

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Aber sein Low-Maintenance-Protagonist gibt Disher auch die Gelegenheit seine Nebenfiguren reich auszuschmücken: In "Moder" sind das zumeist schwache Figuren, mit zuckender Halsschlagader über ihren Reichtum wachend, den sie im Gegensatz zu Wyatt nicht nur zum Überleben anhäufen. Auch er ist ein Verbrecher, aber inmitten dieser Aasgeier scheint sein moralischer Kompass eindeutig der Verlässlichste, seine weitsichtige Coolness ein verlässlicher Anker.

Ideal eines freien Lebens

Trotzdem schreitet in "Moder" vielleicht rasanter als je zuvor in den Wyatt-Romanen die Zeit voran: Selbst einfache Hausbesitzer haben ihre Überwachungstechnik aufgerüstet und irgendwann muss sich Wyatt sogar beibringen, eine Drohne zu steuern.

Garry Disher ist nicht unbedingt ein Autor, der das Gangsterleben übermäßig romantisiert, dennoch drücken seine Romane alle Knöpfe, die die Idealvorstellungen eines freien, selbstbestimmten Lebens heraufbeschwören. Um sich einen Rest davon zu bewahren, muss selbst einer wie Wyatt zunehmend heftiger strampeln, diese melancholische Grundstimmung durchdringt den Text in jedem Kapitel.

Wie eine ausgeklügelte Maschine

Umso erstaunlicher, dass sich die Disher-Lektüre auch in "Moder" wieder anfühlt wie einer ausgeklügelten Rube-Goldberg-Maschine zuzuschauen: Befriedigend, wie bei diesem geradezu überwältigenden Konvolut an Figuren, Nebenschauplätzen und Befindlichkeiten mit der Zeit alles an seinen Platz fällt.

Es ist, als liefen wir stets einen Schritt hinter Wyatt, schauten ihm über die Schulter und lächelten verstohlen, wenn es ihm doch noch einmal gelingt, den Alarmanlagen und Gesichtserkennungssoftwares ein Schnippchen zu schlagen.

Garry Disher: "Moder"
Aus dem australischen Englisch von Ango Laina und Angelika Müller
Pulp Master, Berlin 2021
302 Seiten, 14,80 Euro

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