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Studio 9 | Beitrag vom 30.01.2018

Gandhis Enkel Arun erinnert sichVariationen des gewaltfreien Widerstands

Von Axel Schröder

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Arun Gandhi, indischer Friedensaktivist, Enkel von Mahatma Gandhi (Deutschlandradio / Axel Schröder)
Arun Gandhi, indischer Friedensaktivist, Enkel von Mahatma Gandhi (Deutschlandradio / Axel Schröder)

Am 30. Januar 2018 jährt sich Mahatma Gandhis Tod zum 70. Mal. Arun Gandhi ist sein Enkel und er mahnt: "Wir alle brauchen – heute mehr denn je – Mahatma Gandhis Lektionen." Den Weg zum Frieden zu finden und diesen zu bewahren - dies habe ihn Mahatma Gandhi gelehrt.

Mehr Friede in der Welt? Das wäre möglich, sagt Arun Gandhi, Mahatma Gandhis Enkel und blickt aus den Panoramascheiben seines Hotel in Hamburg-St. Pauli. Aus dem 19. Stock fällt der Blick auf den Hamburger Hafen, die glitzernde Elbe, die Häuser der einst so umkämpften Hamburger Hafenstraße. Aber auf welche Probleme von heute würde sein Großvater heute seinen Blick richten?

"Für ihn waren die ökonomischen Konflikte am wichtigsten. Die Unterschiede zwischen den Reichen und Armen. Je mehr Armut es gibt, umso mehr Konflikte gibt es. Er hat sich eine egalitäre Gesellschaft gewünscht, in der alle ein anständiges Leben führen können und die gleichen Möglichkeiten haben!"

Heute seien nicht nur viele Menschen von Gier getrieben, sondern ganze Staaten. Es geht nur noch um das eigene Wohl, nicht mehr um Ausgleich und globale Gerechtigkeit. Aber sind die Konflikte, die Kriege und Probleme von heute denn tatsächlich mit gewaltfreien Mitteln lösbar? Wie könnte zum Beispiel der Nahost-Konflikt gelöst werden, getrieben von Hass auf beiden Seiten?

Arun Gandhi lächelt. Kurz vor dessen Tod habe er Yassir Arafat getroffen und der habe ihm genau diese Frage auch gestellt. Seine Antwort: Fordere die geflüchteten Palästinenser in den jordanischen Flüchtlingslagern - eine halbe Million Menschen - auf, zurückzukehren in ihre Heimat.

"Und wenn sie keine Waffen haben, keine Soldaten, keinen Schutz - friedliche Männer, Frauen und Kinder, die still marschierend in ihre Heimat zurückkehren. Dann würdet ihr die Aufmerksamkeit der Medien in der ganzen Welt bekommen. Sie würden kommen und über diesen Marsch berichten. Tag für Tag. 'Ihr würdet Sympathie auf der ganzen Welt haben. Wenn ihr das machen würdet', habe ich ihm gesagt, 'dann wüssten die Israelis nicht, was sie dagegen tun können.'"

Es geht darum, einen gewaltfreien Weg zu gehen

Problematisch seien die Maxime des gewaltfreien Widerstands aber sicher bei den Kämpfern des so genannten Islamischen Staats: "Der Islamische Staat ist ja nicht über Nacht entstanden. Sie sind nicht eines Tages aufgewacht und haben gesagt: 'Jetzt werden wir Terroristen!' Diese ganze Sache ist über eine lange Zeit hochgekocht, und wir haben es ignoriert, und irgendwann ist es übergekocht, und die Leute waren zu Terroristen geworden, und sie bekämpfen uns, weil sie in uns Feinde sehen."

Beerdigung von Mahatma Gandhi  (imago -  WHA )Beerdigung von Mahatma Gandhi (imago - WHA )

Wenn sich Konflikte einmal zu einer Krise entwickelt hätten, seien gewaltfreie Lösungen nur noch schwer zu erreichen. Auch der Arabische Frühling sei deshalb gescheitert, weil die Menschen, die in vielen Ländern gegen die Gewaltherrschaft aufgestanden sind, die Mächtigen als ihre Feinde gesehen haben, erklärt Arun Gandhi. Und genau das widerspreche dem Kern der Lehre Mahatma Gandhis.

Es gehe darum, sie als Freunde zu sehen, zumindest als Mitmenschen, und darum, tatsächlich einen gewaltfreien Weg zu gehen. In Indien selbst hätte sich die Staatsführung schon kurz nach der Unabhängigkeit des Landes von diesen Idealen entfernt:

"Ab diesem Zeitpunkt haben alle indischen Regierungen nur noch Lippenbekenntnisse geliefert. An den Todestagen sagen sie Gutes über ihn, den Rest des Jahres vergessen sie all das."

Frieden gleicht einem Weizenkorn

Dabei wären die Lehren seines Großvaters im heutigen Indien - auch angesichts der Gewalt gegen Frauen und der Diskriminierung der unteren Kasten - so hilfreich, sagt Arun Gandhi. Dass er mit über Achtzig noch ein Buch über die positiven Seiten von Zorn und Wut geschrieben hat, über die Kräfte, die Menschen erst zum Handeln, hoffentlich zum gewaltfreien Handeln bringen, dass er dieses Buch verfasst hat, liege an einer Geschichte, einem Gleichnis, dass ihm sein Großvater schon als Kind erzählt hatte.

Frieden, so Mahatma Gandhi, gleiche einem Weizenkorn. Bewahre man diese Saat nur auf, verderbe sie irgendwann. Nur wer sie zum Wachsen bringt, kann am Ende damit rechnen, dass sich der Weizen ausbreite:

"Das ist die Bedeutung des Friedens. Wenn jemand Frieden gefunden hat und er verschließt ihn nur zum eigenen Wohl in seinem Herzen, wird er mit ihm verschwinden. Aber wenn wir ihn mit den Elementen zusammenbringen, wird er sprießen und wachsen und ganz bald werden wir eine Welt voller Friedenaktivisten haben."

Das vollständige Interview mit Arun Gandhi zum Nachhören (in Englisch):

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