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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.11.2010

Gamma Bak: Ich wollte mich outen

Filmemacherin über ihren Film "Schnupfen im Kopf" und den Weg aus der Psychose

Gamma Bak im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Gamma Bak in ihrem Film "Schnupfen im Kopf" (Verleih GMfilms)
Gamma Bak in ihrem Film "Schnupfen im Kopf" (Verleih GMfilms)

Zehn Jahre lang begleitete sich die an Psychose erkrankte Gamma Bak mit der Kamera, befragte Freunde und Familie. Sie habe mit ihrem Dokumentarfilm ein Tabu in der Gesellschaft aufbrechen wollen, über die Geisteskrankheit zu reden.

Matthias Hanselmann: Im Alter von 30 erhielt sie nach einem Nervenzusammenbruch die erschütternde Diagnose: Psychose. Für die in Berlin lebende Filmemacherin Gamma Bak war mit einem Schlag ihr altes, abwechslungsreiches Leben vorbei. Gamma Bak ist die Tochter einer ungarisch-jüdischen Emigrantenfamilie, sie hat mit 18 ein Studium an der Filmhochschule im kanadischen Vancouver begonnen und seitdem Filme gedreht. Nach der Diagnose folgte ein Leben zwischen Klinikaufenthalten und Rekonvaleszenzphasen. Vor zehn Jahren beschloss sie schließlich, einen Film über sich selbst und ihre Erkrankung zu machen. Acht Jahre lang hat sie ihren Lebensweg mit der Kamera begleitet, hat in Interviews Freunde und Familie zu Wort kommen lassen, und herausgekommen ist dabei eine schonungslose Selbstbeobachtung, die ein Leben als ständige Gratwanderung beschreibt. Morgen kommt der Film "Schnupfen im Kopf" ins Kino, und vor unserem Gespräch mit Regisseurin Gamma Bak stellt Christian Berndt Ihnen den Film vor.
Ich habe mich vor der Sendung mit der Regisseurin und Autorin Gamma Bak über ihren Film unterhalten. Ihr Vater sagt darin, dass sie sich mit diesem Projekt in eine sehr tapfere und riskante Situation begebe, sich öffentlich für verrückt oder geisteskrank erklären würde, und ich wollte zunächst von ihr wissen: Wie riskant ist denn das Projekt aus Ihrer Sicht?

Gamma Bak: Ach, wissen Sie, ich lebe ja seit 15 Jahren mit der Erkrankung, das heißt, ich lebe auch mit der Ausgrenzung, die damit zusammenhängt, und mit den Möglichkeiten, die mir gegeben sind, damit umzugehen. Ich glaube, der Film zeigt auch, dass ein angenehmeres wie auch lebenswertes Leben doch möglich ist, trotz der Einschränkungen mit den Medikamenten, trotz der Einschränkung durch die Krisen. Und gerade in den letzten Jahren, auch in der Zeit, als ich den Film fertiggemacht habe, konnte ich sehen, dass ich mich eigentlich immer um meine Integration bemüht habe, also immer drin zu bleiben in meinem Fach, dranzubleiben an meiner Arbeit. Vielleicht hat mir das auch ein bisschen geholfen.

Hanselmann: Warum haben Sie eigentlich den Entschluss gefasst, sich zu outen? Sie hätten ja auch zurückgezogen leben können weiterhin.

Bak: Ich merkte damals, nach den ersten vier Krisen, also in '98, dass diese Sache längerfristig ist, dass ich damit leben muss, und ich wusste noch nicht genau wie. Und es folgten sehr harte Jahre, sehr schwere Jahre, Jahre, die ich auch im Film beschreibe, und ich dachte, wenn ich das öffentlich mache, wie dieser Weg ist, den ich beschritten habe, wie dieser Weg heraus aus der schlechten Zeit geht, habe ich eine Chance, durch meine Person zu zeigen, wie mit dieser Krankheit umzugehen ist. Ich fand es wichtig, diesen persönlichen Zugang zu nehmen, diesen subjektiven Zugang zu nehmen, und mich so dann eben auch zu outen. Mir ging es um die Ehrlichkeit, dieses Tabuthema der Psychosen auszusprechen und sichtbar zu machen.

Hanselmann: Es ist ein Aspekt an dem Film, der einen besonders berührt, bei der Gelegenheit, dass man sieht, man hat eine sehr humorvolle Frau auch vor sich, zumindest in den Phasen, wo die Krankheit nicht so zuschlägt, die dann umso gebeutelter ist, wenn die Krankheit wieder ausbricht. Und dann stellt man sich die Frage: Haben Sie sich die Hoffnung gemacht, dass Ihnen der Film dabei helfen kann, gesund zu werden oder mit der Krankheit besser umzugehen? Haben Sie sich eine Art therapeutische Wirkung von dem Film versprochen für sich selbst?

Bak: Die Frage, ob der Film therapeutisch ist, scheint naheliegend, aber sie ist nicht wirklich naheliegend. Filmarbeit ist eine ganz konkrete Arbeit, eine konzentrierte, konkrete Arbeit. Ich habe gesagt: Ich filme mich immer an Punkten, wo es um Entscheidungen ging, wo es mir nicht gutging, wo ich das dokumentieren wollte und festhalten wollte, um zu sehen, was ich später draus mache. Und der therapeutische Effekt ist eher in den Therapien, die ich gemacht habe, also wirklich bei den Therapeuten, sie werden ja genannt am Ende des Films, und in der medikamentösen Therapie. Das ist das Therapeutische. Was vielleicht ganz interessant ist, ist, dass ich allerdings eine Art kathartisches Erleben habe, seit der Film zu Ende ist, seit er fertig gemacht ist.

Hanselmann: Ein reinigendes Erlebnis - um das zu übersetzen.

Bak: Ja. Es ist so, als wenn ich durch etwas hindurchgegangen wäre, was ich berichten musste, denn ich möchte, dass in Deutschland darüber gesprochen wird, was mit den Menschen ist, die wir kennen, die diese Krisen haben, und in fast jeder Familie ist jemand, der entweder bipolar ist oder psychotisch ist oder schizophren ist. Alle kennen jemanden, fast alle. Und es wird so wenig darüber gesagt. Und für mich ist es dann angenehm, die Arbeit abgeschlossen zu haben, und ich habe etwas geklärt.

Hanselmann: Sie haben ein Thema angesprochen, auf das ich auf jeden Fall zu sprechen kommen wollte, nämlich die Tabuisierung der Krankheit. Haben Sie denn in den vielen Jahren, die Sie jetzt mit der Krankheit leben müssen, den Eindruck gewonnen, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung von psychischen Erkrankungen etwas verändert hat? Werden psychische Erkrankungen inzwischen weniger tabuisiert?

Bak: Ich denke, es kommt auf die Erkrankung an, was die Tabuisierung der psychischen Erkrankungen angeht. Im Moment ist es so, dass über Depressionen viel gesprochen wird, aus traurigen Anlässen natürlich. Das bedeutet, dass dieses Thema ... dass da eine Bereitschaft ist, darüber zu sprechen. Über Psychosen wird sehr wenig gesprochen, und schizophrene Erkrankungen – die meisten Darstellungen in den Medien sind, dass Psychotiker irgendwie mit einem Messer auf die Familie losgehen oder besonders aggressiv wären oder verwirrt durch die Stadt irren, barfuß, im Regenmantel, irgendwie nichts drunter. Das sind so die Vorurteile gegen Menschen, die psychotische Krisen haben. In der langen Zeit, in der ich mit der Erkrankung zu tun habe, also jetzt 15 Jahre halt, habe ich viele Psychotiker getroffen, und wir leben eigentlich eher zurückgenommen. Die Statistik der Gewalttätigkeit ist genauso wie in allen anderen Teilen der Gesellschaft auch, Menschen mit Psychosen sind nicht mehr gewalttätig. Ich weiß nicht genau, ob dieses Tabu irgendwie einen tieferen Sinn hat in der Gesellschaft, nicht über diese Geisteskrankheit zu reden. Aber ich wollte einfach probieren, das aufzubrechen.

Hanselmann: Frau Bak, wann haben Sie eigentlich das erste Mal das Gefühl gehabt, dass da etwas mit Ihnen, wie man so schön sagt, nicht stimmt, also etwas, das über ein normales Maß an Traurigkeit, Verzweiflung oder Verwirrtheit hinausgeht? War das erst, als Sie 30 waren und diesen Nervenzusammenbruch hatten, oder schon früher?

Bak: Interessanterweise ist es so, dass ich mit dem ersten Nervenzusammenbruch gespürt habe, dass etwas nicht stimmt. Es war eine klare Trennlinie. Das war jetzt nicht nur normaler Liebeskummer, wie ich ihn kannte, sondern plötzlich schlief ich nicht mehr, ich konnte nicht mehr essen, ich hatte anfängliche Halluzinationen, dass sich Farben verschoben haben und ich in so einem Wach-Traum-Zustand war. In dem Moment wusste ich genau: Das hier ist anders, das ist nicht nur ein bisschen erschöpft sein oder ein bisschen traurig sein oder eben Liebeskummer haben, und ich wusste, ich muss ins Krankenhaus. Und ich war ziemlich sicher, in diesem Wahnzustand war ich ziemlich sicher, dass ich dort bleiben müsste, und dass ich in die Psychiatrie komme. Natürlich hatte ich vorher auch große Fragen an die Welt und große Themen, die ich behandeln wollte, oder Dinge, die mich beschäftigt haben. Aber diese Sache mit dieser Trennlinie, ab wann es wirklich verrückt ist, fand ich ziemlich beeindruckend, dass es so klar war.

Hanselmann: Ihr Film heißt, und das zum Abschluss, "Schnupfen im Kopf". Da bin ich, nachdem ich den Film gesehen habe, so ein bisschen drüber gestolpert, weil man ist wirklich sehr beeindruckt, man ist sehr berührt von diesem Film, und fragt sich dann: Warum hat sie sich für den Titel "Schnupfen im Kopf" entschieden, wo doch der Schnupfen eine relativ harmlose Sache ist?

Bak: Es ist eine einfache Erklärung. Mein Freund in der Zeit, als ich den Film gemacht habe, sagte zu mir nach der zweiten Krise: "Ach Gamma, das wird schon wieder vergehen, das ist doch bloß wie ein Schnupfen im Kopf." Und jetzt ist es für mich immer das Synonym dafür, wenn es mir gerade mal nicht gut geht, sage ich zu meinen Freunden, oh, der Schnupfen ist wieder da. Es ist natürlich ein Spiel, eine sehr ernste Erkrankung mit so einer leichten Erkrankung zusammenzubringen. Es ist aber auch ein Versuch, zu sagen: Hey, Leute, das Ganze ist vielleicht gar nicht so bedrohlich und so ernst, wie ihr denkt! Wir leben, wir leben okay, mit euch in der Gesellschaft! Schaut es euch an!

Hanselmann: Frau Bak, ich wünsche Ihnen viel Erfolg für den Film und noch mehr Erfolg bei der Bewältigung dessen, womit Sie leben müssen beziehungsweise zu leben gelernt haben. Danke schön!

Bak: Herzlichen Dank!

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Schonungslose Selbstbeobachtung

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