Seit 14:05 Uhr Kompressor

Dienstag, 20.11.2018
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Interview | Beitrag vom 09.11.2018

Galeristin über Frauen auf dem KunstmarktEine Quote würde Künstlerinnen nicht helfen

Daniela Steinfeld im Gespräch mit Ute Welty

Beitrag hören Podcast abonnieren
Besucher betrachten das Werk "Vandals Whithout Sandals" von Charline von Heyl in der Galerie Petzel im Südwesten Manhattans.  (picture alliance/Christina Horsten/dpa)
Das Werk "Vandals Whithout Sandals" der deutschen Künstlerin Charline von Heyl in der Galerie Petzel im Südwesten Manhattans. (picture alliance/Christina Horsten/dpa)

Noch immer sind Künstlerinnen in der öffentlichen Wahrnehmung unterrepräsentiert. Was tun? Weder #MeToo noch eine Quotenregelung könnten daran etwas ändern – nur Qualität, sagt die Galeristin Daniela Steinfeld.

"Ich wünsche mir einfach, dass die Qualität, die unglaubliche Stärke, die Power der Kunst von Frauen wahrgenommen wird. Ich weigere mich, daran zu glauben, dass es männliche oder weibliche Kunst gibt." Das sagte die Galeristin Daniela Steinfeld im Deutschlandfunk Kultur.

Dass Kunst von Frauen über die Jahrhunderte nicht deutlicher präsent sei, liege nicht an der Kunst von Frauen, sondern an der patriarchalen Gesellschaft

Was hat #MeToo mit der Förderung von Künstlerinnen zu tun?

Die Zeitschrift "Art Review" hat gerade die Liste "Power 100" mit den aus ihrer Sicht 100 einflussreichsten Persönlichkeiten in der Kunstwelt veröffentlicht. Auf Platz 3: die #MeToo-Bewegung.

Was aber hat #MeToo mit der Förderung von Künstlerinnen zu tun? Die Bewegung habe natürlich auch in der Kunst ihren Platz gefunden, sagt Steinfeld. Etwa wenn es um sexuelle Belästigung von Künstlerinnen durch übergriffige Professoren oder Künstlerkollegen gehe. Darüber hinaus denkt sie: "Ich glaube nicht, dass eine Künstlerin, um mehr Erfolg zu haben, auf dem Markt oder in Institutionen, das mit dem Hashtag #MeToo erreichen kann, sondern das kann sie einfach darüber, dass sie eine super Künstlerin ist."

Steinfelds Antwort auf die Debatte

Die gemeinsam mit dem Sammler Florian Peters-Messer konzipierte Ausstellung "Fuck your Fear", die Steinfeld ab Januar in ihrer Düsseldorfer Galerie van Horn zeigt, will sie als ihre Antwort auf die #MeToo-Debatte verstanden wissen, die für ihren Geschmack zu viel Schwarz-Weiß malt: eine Schau mit explizit sexualisierten Darstellungen - von Männern und Frauen - sowohl als Motiv als auch als Künstler.

Das Werk "Willing To Be Vulnerable" der südkoreanischen Künstlerin Lee Bul ist im Martin-Gropius-Bau zu sehen.  (picture alliance / Jörg Carstensen / dpa)Der Martin-Gropius-Bau widmet der koreanischen Künstlerin Lee Bul eine große Ausstellung. (picture alliance / Jörg Carstensen / dpa)

Steinfeld sagte außerdem: Immer noch seien Künstlerinnen deutlich weniger in Ausstellungen vertreten als ihre männlichen Kollegen. Eine Quotenregelung für die Kunst hält die Galeristin dennoch für absurd.

"Generell, rein politisch gesehen, bin ich schon für eine Quote. In der Kunst ist das aber so eine Art komische Fördermentalität, wo man auch gleichzeitig sagt, du bist so schwach, du bist so klein, du brauchst unsere Hilfe. Das ist ja nicht so, sondern man muss einfach die Strukturen an sich schaffen, generell in der Gesellschaft, dass Frauen besser dastehen."

"Und dass natürlich die Kunst von Frauen in den letzten Jahrhunderten nicht so wahrgenommen wurde, das lag nicht an der Kunst von Frauen, sondern eben an der patriarchalen Gesellschaft. Ich meine schon, zu sehen, zumindest im Westen, sagen wir mal, dass sich da immer mehr was ausweitet. Aber wir sind sicherlich noch nicht am Ende der Fahnenstange. Da gibt es noch viel zu tun."

(mkn)


Das Interview im Wortlaut: 

Ute Welty: Heute Nacht ist sie veröffentlicht worden, die Liste "Power 100". Die Zeitschrift "Art Review" nennt diese Liste mit 100 Persönlichkeiten, die ihrer Meinung nach den größten Einfluss in der Kunstwelt haben. Und auf Platz drei steht weder Frau noch Mann, sondern die MeToo-Bewegung. Daniela Steinfeld ist Gründerin der Galerie van Horn in Düsseldorf und bereitet gerade die Ausstellung vor "Fuck your fear", die im Januar eröffnet, quasi als eine Antwort auf die MeToo-Bewegung, denn diese Ausstellung thematisiert ausdrücklich explizit sexualisierte Darstellungen. Guten Morgen, Frau Steinfeld!

Daniela Steinfeld: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Nach wie vor erzielen Werke von Künstlern in der Regel deutlich höhere Preise als die von Künstlerinnen. Woran liegt das?

Steinfeld: Das liegt natürlich an jahrhundertelang gewachsenen Traditionen in der Gesellschaft, wo natürlich auch in anderen Berufsbereichen Männern mehr gezahlt wird. Ich denke, dass sich das im Laufe der nächsten ich muss leider sagen Jahrzehnte wahrscheinlich schon ändern wird. Das wird sich angleichen.

Welty: Hilft es, wenn in Listen wie der von Power 100 Frauen als Künstlerinnen besonders hervorgehoben werden?

Steinfeld: Das ist schwierig zu beantworten. Ich finde, ich muss wirklich sagen, ich finde, man darf MeToo und die Kunst an sich nicht in einen Topf werfen.

Welty: Wird aber da gerade getan.

Steinfeld: Na ja, also, die MeToo-Bewegung hat in der Kunst insofern natürlich einen Platz gefunden. Aber das ist eher eine strukturelle Sache, dass zum Beispiel sagen wir mal so Künstler, Professoren Künstlerinnen angraben oder übergriffig werden, so was. Ich glaube nicht, dass eine Künstlerin, um mehr Erfolg zu haben, auf dem Markt oder in Institutionen, das mit dem Hashtag #MeToo erreichen kann, sondern das kann sie einfach darüber, dass sie eine super Künstlerin ist. Und das passiert eben mehr. Es ist ja nicht so, dass jetzt auf einmal die ganzen Künstlerinnen auftauchen. Die gab es die ganze Zeit schon.

Aber jetzt auf einmal gibt es einen Aufmerksamkeit dafür, zu sehen, wow, es gibt eine ganze Menge Frauen, die eine Wahnsinnsarbeit machen. Und idealerweise ist es ja dann irgendwann so – das ist natürlich noch nicht so, aber irgendwann so –, dass wirklich das Kunstwerk im Vordergrund steht und es dann wirklich fifty-fifty, so wie es innerhalb der Künstlerschaft und innerhalb der Menschheit eben auch existiert, Frauen und Männer genau gleich abgebildet werden.

Wie wäre eine Quotenregelung in der Kunst anzuwenden?

Welty: Brauchen Frauen in der Kunstwelt mehr Unterstützung, sei es durch Stipendien, sei es beispielsweise auch durch eine Quotenregelung?

Steinfeld: Ich wüsste nicht, wie eine Quotenregelung auf Künstler anzuwenden wäre. In Institutionen ist es was anderes, Museumsdirektorinnen und so. Aber das passiert alles schon, die gibt es also schon. Generell, rein politisch gesehen, bin ich schon für eine Quote. In der Kunst ist das so eine Art komische Fördermentalität, wo man auch gleichzeitig sagt, du bist so schwach, du bist so klein, du brauchst unsere Hilfe. Das ist ja nicht so, sondern man muss einfach die Strukturen an sich schaffen, generell in der Gesellschaft, dass Frauen besser dastehen. Und das fängt bei der Erziehung an. Mädchen eben zu sagen, du machst es, du kannst es, du bist nicht das Opfer, du bist nicht klein, sondern du bist stark.

Welty: Und am Ende stoßen Frauen dann doch an diese berühmte gläserne Decke.

Steinfeld: Ja. Deswegen ist es ein gesellschaftliches, strukturelles Problem, was sich durchaus in der Kunst auch abbilden kann. Aber da ist die Kunst ja keine Ausnahme.

Welty: "Art Review" setzt jetzt MeToo auf Platz drei der wichtigsten einhundert Persönlichkeiten. Wie groß ist denn der Einfluss der MeToo-Debatte auf die Kunstszene insgesamt?

Es gibt schon Widerspruch

Steinfeld: Ich glaube, dass der schon relativ ist insofern, als natürlich, wenn jemand eine große Gruppenausstellung macht, und da kommt genau eine Frau drin vor, dass derjenige mittlerweile dadurch wirklich öffentlichen Widerspruch erntet, was sicher vor zehn Jahren noch nicht so gewesen wäre.

Welty: Und was bedeutet das alles für Ihre Ausstellung im nächsten Jahr?

Steinfeld: Meine Ausstellung möchte eben zeigen – das Problem ist, dass unter dem Hashtag #MeToo ganz viel in einen Topf geworfen wird, eben über die berechtigten Sachen wie wirklich Missbrauch von macht, sexualisierter Missbrauch, Vergewaltigung und so weiter, bis aber zu, jemand schreibt ein Gedicht über Blumen, und Leute fühlen sich davon dermaßen verletzt, dass sie es kaum noch ertragen können. Das sind ja Welten. Das Problem ist, es gibt ja nur noch weiß und schwarz. Diese ganzen feinen Unterschiede gemacht, und diese Ausstellung stellt eben – erstens soll sie zeigen, dass die Kunst machen kann, was sie will.

Das heißt, sie kann auch durchaus explizite Darstellungen zeigen, ohne dass verlangt werden darf, dass die abgehängt werden. Das ist ja Zensur. Das ist ganz einfach Zensur. Die Kunst ist frei. Darüber kann man diskutieren, ob ein Kunstwerk geschmacklos ist oder nicht. Aber man kann keine Zensur ausüben. Ich bin eine private Galerie, ich kann also zeigen, was ich will. Ich zeige da durchaus Kunst, die um Gewalt und um Sex geht. Aber das machen auch Frauen. Und das zeige ich eben auch. Nein, die Frauen machen keine Blümchenkunst, die machen auch knallharte Kunst.

"YouToo, MeToo, WeToo..."

Welty: Und ich nehme an, dass der Besuch mit Kindern nicht unbedingt empfohlen ist?

Steinfeld: Das kommt darauf an, wie aufgeklärt diese Kinder sind. Da ist jetzt nichts wahnsinnig Schockierendes drin. Da gibt es keine abgeschnittenen Köpfe zu sehen. Die finde ich nämlich deutlich schockierender als Geschlechtsteile. Wir kommen ja nackt auf die Welt. Alles, was danach passiert, was tabuisiert wird, ist ja auch irgendwie – auch übrigens die komplette Sexualisierung des Körpers, speziell des weiblichen ist ja Schwachsinn. Der ist ja erst mal neutral. Wir kommen einfach nackt auf die Welt, und wir gehen dann auch wieder so.

Welty: Was wünschen Sie sich für die Debatte über Weiblichkeit, über den weiblichen Kunstmarkt, über YouToo…nein, natürlich MeToo?

Steinfeld: Ja, YouToo, MeToo, WeToo … Ich wünsche mir einfach, dass die Qualität, die unglaubliche Stärke, die Power der Kunst von Frauen wahrgenommen wird. Ich weigere mich, daran zu glauben, dass es männliche oder weibliche Kunst gibt. Und dass natürlich die Kunst von Frauen in den letzten Jahrhunderten nicht so wahrgenommen wurde, das lag nicht an der Kunst von Frauen, sondern eben an der patriarchalen Gesellschaft. Ich meine schon, zu sehen, zumindest im Westen, sagen wir mal, dass da immer mehr sich auch was ausweitet. Aber wir sind sicherlich noch nicht am Ende der Fahnenstange. Da gibt es noch viel zu tun.

"Ich glaube nicht an solche Listen"

Welty: Und wen wünschen Sie sich auf einer solchen Liste, wie sie "Art Review" jetzt veröffentlicht hat?

Steinfeld: Ich glaube nicht an solche Listen.

Welty: Gar nicht?

Steinfeld: Nein.

Welty: Gut, dass Sie mir das erst jetzt sagen.

Steinfeld: Ja, es ist einfach so. Es gibt so viele mögliche Listen. … Ich hab da auch interne Listen von den besten Künstlerinnen, den besten Künstlern. Das ist immer auch eine Vereinfachung. Was ich mir wirklich wünschen würde generell im Diskurs, wäre eben nicht eine Vereinfachung, sondern eine Wahrnehmung der komplexen Inhalte, sowohl von Kunst als auch von gesellschaftlichen Problemen. Dass nicht immer alles auf so ganz kleine, einfache Stückchen runtergebrochen wird.

Welty: Daniela Steinfeld ist Gründerin der Galerie van Horn in Düsseldorf, und mit ihr habe ich gesprochen über Frauen in der Kunstwelt. Ich sage herzlichen Dank!

Steinfeld: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Faktor X - Gibt es eine Erfolgsformel für die Kunst?
(Deutschlandfunk Kultur, Die Reportage, 11.03.2018)

Späte Würdigung in der Hamburger Kunsthalle - Die fantastische Seite der Anita Rée
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 06.10.2017)

Maria Lassnig im Museum Folkwang - Witziges und Wütendes über das Leben als Frau
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 09.03.2017)

Interview

Mensch-Tier-BestattungenWenn Bello mit ins Grab soll
Ein Grabstein auf einem Tierfriedhof in Rostock. (imago / Bildwerk)

Für viele Menschen sind Hund oder Katze die liebsten Wegbegleiter der letzten Lebensjahre. Der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg will deshalb Mensch-Tier-Bestattungen ermöglich. Für den Historiker Norbert Fischer spiegelt das den gesellschaftlichen Wandel wider.Mehr

MalariaEin Impfstoff könnte Millionen Menschen retten
Die dreijährige Siama Marjan spielt in Nairobi (Kenia) hinter einem Moskitonetz, das sie vor dem Stich von Malaria-Mücken schützen soll (Archivfoto). (picture alliance /dpa /Stephen Morrison)

Durch den Stich einer Malariamücke erkranken jährlich immer noch über 200 Millionen Menschen. Ein Impfstoff könnte die Krankheit nahezu ausrotten, sagt der Tropenmediziner Jürgen May – doch dafür bräuchte man deutlich mehr Geld.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur