Seit 10:05 Uhr Lesart

Dienstag, 24.09.2019
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.06.2015

"Gala" im HAUTanz als Philosophie des Scheiterns

Von Elisabeth Nehring

Podcast abonnieren
Theater Hebbel am Ufer (HAU) Berlin (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
Theater Hebbel am Ufer in Berlin: "Gala" von Jérôme Bel ist ein beschwingter Tanzabend, an dem junge und alte Menschen mitwirken. (dpa/picture alliance/Paul Zinken)

Der französische Choreograf Jérôme Bel bringt auch in seiner neuesten Tanzproduktion "Gala" wieder Laien und Profis gemeinsam auf die Bühne. In dieser Woche feierte das Stück im Berliner HAU Deutschlandpremiere.

In seiner jüngsten, in Brüssel im Mai uraufgeführten Tanzproduktion "Gala" bringt der französische Choreograph Jérôme Bel Profitänzer und Laien, ältere Menschen und Kinder, Menschen mit und ohne Behinderung zusammen auf die Bühne. In Gala folgen sie der festgelegten Struktur einer Nummernrevue, versuchen sich beim Stichwort Ballett an Pirouetten oder an Michael Jacksons Moonwalk. Später wird die Gruppe als Kompanie das Solo eines Einzelnen nachtanzen.

Ein ungeheuer beschwingter Abend ist das, in dem die Kunst des Choreographen Jerome Bel darin besteht, eine Gruppenzusammensetzung, eine äußere Struktur, einen Rahmen und ein Timing zu schaffen, in dem der Dilettantismus der Laientänzer niemals peinlich wirkt, sondern – im Zusammenhang mit der ganzen Gruppe – immer als Vielfalt persönlicher Ausdrucksmöglichkeiten erscheint.

Sich mit allen Begrenzungen und Unperfektheiten ausstellen

Zwar stellen sich – außer den ein oder zwei geschmeidigen Vollprofis – die Darsteller mit all ihren Begrenzungen und in ihrer ganzen Unperfektheit aus, zugleich aber agieren sie auf der Bühne höchst professionell: ganz konzentriert, ernsthaft, sich selbst bewusst (und darin auch mitunter mit leichter Selbstironie). Sie wissen genau, was und warum sie tun, was sie tun – und erfüllen damit durchaus professionelle Bühnenkriterien.

Genau in diesem Spannungsfeld eines stringent gesetzten Rahmens sowie der professionellen Haltung aller Darsteller einerseits und der laienhaften, nicht-virtuosen, aber eben auch ganz unterschiedlichen Ausführung andererseits entfaltet der Abend seine große Stärke. Und die Entdeckung, dass der eigene Blick darüber hinaus keineswegs nur den Profis gilt, sondern sich gerade an der Individualität, der Verschiedenheit und Vielfalt erfreut, macht Gala so unheimlich charmant.

Mehr zum Thema:

Biennale di Danza - Bewegungsexperimente in der Lagune
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 24.06.2014)

Die Liebe der Zuschauer zum Theater
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 18.07.2013)

"Diese Menschen sind Schauspieler" 
(Deutschlandradio Kultur, Radiofeuilleton,19.05.2013)
 

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDer Struwwelpeter in New York
Eine Besucherin des neuen Struwwelpeter-Museums in Frankfurt blättert in einem Struwwelpeter-Buch. (dpa / Salome Kegler)

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ist ganz begeistert vom neuen Struwwelpeter-Museum. Der Kinderschreck aus der Mottenkiste könne am Monitor zu einem anderen werden, ob Banker oder Harfenspieler. So kommt der Struwwelpeter auch mal nach New York.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur