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Konzert / Archiv | Beitrag vom 30.07.2017

Gaechinger Cantorey bei der Bachwoche AnsbachPolitisch unkorrekt?

Live aus der Kirche Sankt Gumbertus

Die Gaechinger Cantorey (Holger Schneider/Bachwoche Ansbach)
Die Gaechinger Cantorey (Holger Schneider/Bachwoche Ansbach)

Johann Sebastian Bach war mit Kopf und Herz Lutheraner - Hans-Christoph Rademann und die Gaechinger Cantorey demonstrieren das bei der Bachwoche Ansbach mit zwei Kantaten und einer Messe des Thomaskantors.

Es sind nicht unbedingt die elegantesten Texte - und politisch korrekt war Luther in seinen Liedern ohnehin nicht. Johann Sebastian Bach hat die Worte des Gründers dieser Kirche, der er zeit seines Lebens ohne innere Kämpfe angehörte, unverändert übernommen. Das drastischste Beispiel dafür dürfte das Lied "Erhalt uns, Herr, bei Deinem Wort und steur' des Papstes und der Türken Mord..." sein, von christlicher Feindesliebe scheint hierin nichts mehr zu spüren zu sein. Die originalen Sätze singt heut keiner mehr im Gottesdienst. Doch die gleichnamige Kantate Bachs mit der Werkverzeichnisnummer 126 wird wohl keiner zensieren. (siehe die Hörerzuschrift unten)

Mit seiner Kantate "Gott, der Herr, ist Sonn und Schild" BWV 79 feierte der Thomaskantor dann selbst die Reformation, ohne in diese Fall direkt auf Texte Luthers zurückzugreifen. Aber Standhaftigkeit im rechten Glauben (gegen die Anfeindungen durch den Teufel und andere Menschen) war auch in diesem Werk und an diesem Festtag das Thema, dem die Musik in all ihren Aspekten Nachdruck verleihen sollte. 

In Bachs Bibliothek fanden sich einige theologische Werke aus Luthers Feder. Und in seinen Werken schätzte der Komponist immer den lutherischen O-Ton höher als alle neuzeitlichen Dichtungen. Mit dieser Praxis erweckte Bach schon zu Lebzeiten den Anschein, altmodisch zu sein. Er konnte nicht anders. Und dazu gehörte auch, dass er Teile seiner Kantaten auch in anderen geistlichen Werken wieder verwendete. So flossen zwei Abschnitte der Reformationskantate WV 79 in die letzte der sechs lutherischen Messen ein, die Kyrie-Gloria-Messe BWV 236. Dass all diese Messen in Lateinischer Sprache verfasst sind, mag uns heute als un-lutherisch erscheinen, doch Latein wurde durchaus in Leipziger Gottesdiensten gesungen. Der ex-Mönch aus Eisleben wollte ja ursprünglich nicht das katholische Kind mit dem reformatorischen Bade ausschütten, genauso wenig war es ihm daran gelegen, den Papst oder die Türken/Osmanen umzubringen.

Für das Ziel, den lutherischen Gehalt der Musik Bachs in all seinen Facetten auszudrücken, kann man sich keine besseren Interpreten vorstellen als die "reformierte" Gaechinger Cantorey unter Leitung Hans-Christoph Rademanns. Ein neu gegründetes Barockorchester und ein neu zusammen gestellter Chor der Stuttgarter Bachakademie musizieren und singen unter diesem Namen. 1954 hatte Helmuth Rilling die Gächinger Kantorei als Chor gegründet. Inzwischen haben Vokal- und Instrumentalinterpretation in der Schwäbischen Metropole unter Rademanns Leitung ein neues Stadium erreicht, das aktuell und zugleich zutiefst historisch verbürgt ist.

Von unserem Hörer Günter Wagner aus Esslingen erreichten uns folgende kritische Anmerkungen:

Der einleitende Text zur Übertragung der Gächinger Cantorey von der Ansbacher Bachwoche trägt die Überschrift "Politisch unkorrekt". Ich mache dahinter ein dickes Fragezeichen.
Denn mir ist nicht klar, was an dem ursprünglichen Text der 1. Strophe von "Erhalt uns Herr bei Deinem Wort" politisch unkorrekt sein soll.
Das Lied ist entstanden, als die Evangelischen Menschen Not und Tod durch die Türken fürchteten (1541/1542). Dass die römische Kirche Ketzer grausam verfolgte, weiß man bis heute. Das hat natürlich auch Anhänger Luthers betroffen. Als ersten Leonhard Kaiser 1527.
In dieser Situation bittet Luther in dem Lied darum, dass Menschen beim Wort Gottes bleiben dürfen und dass Gott dem Morden derer steuern möge, also seine Kinder vor dem Mord derer schützen möge, die ihnen um des Glaubens willen das Leben nehmen könnten. Deswegen dichtet er:

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort,
Und steur' des Papsts und Türken Mord,
Die Jesum Christum, deinen Sohn,
Stürzen wollen von seinem Thron.

Das ist gut evangelisch: Christen bitten Gott, sie vor einem schlimmen Schicksal um ihres Glaubens willen zu bewahren. Und sie bitten ihn, dass sie am Glauben an ihren Herrn Jesus Christus festhalten können. Ja es ist ein Zeichen von "Feindesliebe", die Sache Gott zu überlassen (Und nicht nach Rache zu schreien oder um des Glaubens willen in den Krieg zu ziehen). Luther selbst war ja seit dem Reichstag von Worms in höchster Lebensgefahr, sobald er das Gebiet des Kurfürstentums Sachsen verlassen hätte.

Für J. S. Bach war Bedrohung um des Glaubens willen etwas, was er bei den Salzburger Exulanten (1731/32) und den Hugenotten (seit ca 1700 in deutschen Gebieten angesiedelt)  erlebte. Und auch die Zeit der Türkenkriege war keineswegs vorbei. Insofern komponiert er einen Text, der für einen Lutheraner in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer noch aktuell war.
Das Urteil "politisch unkorrekt" über das alte Lutherlied und Bachs Kantate klingt zwar modisch, trifft aber Inhalt und Zeit des Textes nicht. Das Adjektiv "modisch" soll aber nicht ausdrücken, dass ich den Maßstab der political correctness grundsätzlich für unangebracht halte. Bei Luther finden sich natürlich Gedanken und Äußerungen, die er besser nicht gesagt oder geschrieben hätte und die heute zu Recht zu kritisieren sind.

Aber das gilt nicht für das Lied "Erhalt uns, Herr, bei Deinem Wort… Ich halte Ihre Deutung des "steure" als eine Bitte darum, dass die Ermordung der Genannten gewünscht wird, nicht für zutreffend. Ich glaube, Sie erkennen den Dativ nicht. "Steur des Papsts und Türken Mord" heißt "steure dem Mord des Papstes und der Türken". Luther gebraucht das Wort "steuern" fast immer mit dem Dativ im Sinn von "wehren". Im seinem Lied "Vater unser im Himmelreich" schließt die 4. Strophe "wehr und steu’r allem Fleisch und Blut, das wider deinen Willen tut." In seiner Bibelübersetzung finde ich folgende Stellen: "Der den Kriegen steuert in aller Welt" (Psalm 46,9); "Großer Grimm muß Schaden leiden; denn willst du ihm steuern, so wird er noch schlimmer. (Sprüche 19,19). Diese Bedeutung findet sich auch in weiteren Kirchenliedern. Aus meiner Jugend kenne ich eine Strophe, die beginnt "Steure den gottlosen Leuten, die im Finstern Böses tun."
Ausführliches zu diesem Gebrauch von "steuern" bietet das Grimm'sche Wörterbuch, Taschenbuchausgabe Bd.18, Sp. 2653 - 2657.
Dass diese "passive" Deutung von "steuern" schon bald nicht mehr verstanden wurde und deswegen die Strophe verändert wurde, scheint mir unwahrscheinlich. Sondern die Gefahr von Türken und Papst (in dem von Ihnen gesendeten Pausengespräch mit dem Bachforscher Uwe Wolf wurde dieser Punkt ja dadurch erläutert, dass man annahm, der Papst habe sich 1541/42 mit den Türken verbündet) war nicht mehr gegeben. Die bis jetzt gesungene Abänderung "und steure deiner Feinde Mord" setzt weiter die Kenntnis von steuern mit Dativ voraus.

Bachwoche Ansbach
Live aus der Kirche St. Gumbertus
(zeitversetzt von 19.30 Uhr)

Johann Sebastian Bach
Sinfonia zur Kantate "Ich geh und suche mit Verlangen" BWV 49
"Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort", Kantate BWV 126
"Gott, der Herr, ist Sonn und Schild", Kantate BWV 79

ca. 20.50 Uhr Konzertpause, darin: "Bach und Luther, Dreamteam oder altmodisches Zweckbündnis?" - Volker Michael im Gespräch mit dem Bach-Spezialisten und Programmchef des Carus-Verlages Uwe Wolf

Johann Sebastian Bach
Messe für Soli, Chor und Orchester G-Dur BWV 236

Dorothee Mields, Sopran
Benno Schachtner, Altus
Benedikt Kristjánsson, Tenor
Tobias Berndt, Bass
Gaechinger Cantorey
Leitung: Hans-Christoph Rademann

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