Seit 14:05 Uhr Religionen
Sonntag, 20.06.2021
 
Seit 14:05 Uhr Religionen

Lesart | Beitrag vom 22.03.2021

Gabriele von Arnim: "Das Leben ist ein vorübergehender Zustand"Liebe und Pflege als Balanceakt

Gabriele von Arnim im Gespräch mit Frank Meyer

Literaturkritikerin Gabriele von Arnim auf einem Porträtfoto. Sie hat weiße Haare und blickt in die Kamera. (Rowohlt / Ralf Hiemisch)
Die Kraft aus sich selbst holen: Gabriele von Arnim. (Rowohlt / Ralf Hiemisch)

Gabriele von Arnim hat zehn Jahre lang ihren schwerkranken Mann gepflegt. Trost und Kraft schöpfte die Literaturkritikerin aus ihrer Arbeit und aus sich selbst. Nach seinem Tod fand sie mit Hilfe von Rilke ins Leben zurück.

Gabriele von Arnim hat zehn Jahre an der Seite ihres schwer kranken Mannes gelebt und darüber nun ein sehr bewegendes Buch geschrieben. In "Das Leben ist ein vorübergehender Zustand" erzählt die Literaturkritikerin, wie ihr Mann binnen weniger Tage zwei Schlaganfälle erlitt.

Danach war alles anders: Er konnte nicht mehr lesen, nicht schreiben, nicht gehen, und vor allem konnte er sich nicht mehr so artikulieren, dass andere ihn verstanden hätten, berichtet von Arnim. Gleichzeitig sei er hellwach im Kopf gewesen.

Ein Kreis von fast zwanzig Vorlesern

Von Arnim schildert in ihrem Buch, wie sie das neue Leben bewältigt hat. Unter anderem organisierte sie einen Kreis von Menschen, fast zwanzig, die ihrem Mann vorlasen und ihn so mit der Welt verbanden.

Zugleich warf ihn das Vorlesen immer wieder auf seine Beschränkungen zurück. "Er wollte reden, wollte diskutieren. Er wollte über die Bücher reden, die sie ihm vorgelesen haben oder über die Zeitung. Aber dann lagen seine Worte da herum wie geplatzte Knallerbsen und keiner konnte sie richtig aufsammeln."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter

Von Arnim betont, dass das auch für die Vorleser eine Herausforderung war: "Das haben die ausgehalten: Da zu sitzen, ohne ihn zu verstehen. Trotzdem haben sie sich immer wieder hingesetzt und immer wieder gelesen, haben ihm immer wieder eine unglaubliche Freude gemacht."

Für sie sei es schwierig gewesen, nicht übergriffig gegenüber dem Kranken zu sein, gesteht die Kritikerin - ihn seine eigenen Entscheidungen treffen zu lassen, auch wenn es aus ihrer Sicht nicht immer "das Beste" für ihn gewesen sei. Ein "Nein" zu akzeptieren, sei "unglaublich schwierig, wenn man gerade so tolle Ideen hat, was man alles Neues machen könnte", sagt von Arnim. Doch: "Man muss dem Kranken seinen eigenen Weg lassen."

Leben an der Seite eines Schwerkranken 

Während der Krankheit ihres Mannes fühlt sich von Arnim ans Haus gefesselt. "Es war immer die Suche nach Kraftquellen und die Suche nach Trost. Die spielt eine große Rolle in diesem Buch." Von Arnim fand beides in ihrer Arbeit. Sie habe zwischendurch arbeiten können, weil eine Pflegerin da gewesen sei, berichtet sie.

Man müsse aufpassen, andere nicht zu überfordern, sagt die Autorin. Zudem müsse man die Kraft aus sich selbst holen: "Ich sage immer: aus geklauter Zeit. Irgendwo mal sitzen, nur für sich, und ganz bewusst nicht an den Kranken denken, ihn wirklich wegschieben für eine Weile." Ein schöner Blick, ein Glas Wein oder Kaffee, zählt von Arnim auf. "Das klingt ja zu blöd, bei sich selbst zu sein. Aber das ist wirklich ganz entscheidend in solchen Momenten."

Von Arnim berichtet auch davon, wie sie nach dem Tod ihres Mannes wieder ins Leben zurückfand: "Es gibt einen Satz von Rilke: 'Die Toten sterben in uns hinein.' Und irgendwann bin ich nicht mehr bei ihm in der Vergangenheit gewesen, sondern ich habe ihn mit in mein Leben genommen."

(mfu)

Gabriele von Arnim: "Das Leben ist ein vorübergehender Zustand"
Rowohlt, Hamburg 2021
240 Seiten, 22 Euro

Mehr zum Thema

Mein Partner, ein Pflegefall - Wie Krankheit die Liebe verändert
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 16.12.2019)

Chemie der Liebe - Das Geheimnis eines großen Gefühls
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 06.08.2020)

"Die vier Jahreszeiten des Sommers" - Bestseller über die Liebe bis ins hohe Alter
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 04.08.2016)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Lesart

Politische LiteraturDer Druck hat zugenommen
Eine zur Faust geballte Hand wird nach oben gestreckt — in der Faust steckt ein Bleistift (Illustration) (imago / Malte Müller )

Max Czolleks und Terézia Mora sagen, das politische Zeitgeschehen beeinflusse ihre Themen und ihre Sprache. Die Sprache müsse inklusiver als die der Nazis sein, sagt Mora, und Czolleks Devise lautet: Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur