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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.12.2010

Futuristisch aufgedonnerter Gruselroman

Félix J. Palma: "Die Landkarte der Zeit", Kindler-Verlag, Reinbek 2010, 716 Seiten

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Lesen Sie besser ein anderes Buch, rät unsere Rezensentin. (AP)
Lesen Sie besser ein anderes Buch, rät unsere Rezensentin. (AP)

Eine Reise durch Jahrhunderte. Eine Liebe ohne Grenzen. Eine Geschichte voller Fantasie. So wird das Buch beworben. Doch es ist so ermüdend langatmig und spannungslos geschrieben, dass man es alsbald in die Ecke werfen mag.

Was soll noch mal wahre Literatur? "Wahre Literatur", schreibt Félix J. Palma gegen Ende seines Romans, soll "den Leser rühren, schmerzen, seine Wahrnehmung der Dinge verändern, ihn mit hartem Wurf in den Abgrund der Hellsichtigkeit stürzen".

Nun liegt er da im Abgrund der Hellsichtigkeit, nach über 700 Seiten, der Leser, und erkennt, was für ein Mummenschanz dieses Buch doch ist. Ein illusionistisches Kabinettstück möchte "Die Landkarte der Zeit" gern sein. Allein, es ist nichts weiter als eine missratene Mischung aus Science Fiction und historischem Roman.

Ort der Handlung ist London, 1896. Das Telefon wie das Grammophon sind noch junge Erfindungen, Fotoapparate gelten als "neumodisch" und ab und zu trinkt man "eine befremdlich aussehende schwärzliche Flüssigkeit", ein "belebendes Tonikum", das später Coca Cola heißen wird.

Vor wenigen Jahren hat der "erbarmungslose Messermörder" Jack the Ripper die britische Hauptstadt unsicher gemacht und vor kurzem erst hat H. G. Wells reüssiert mit seinem Zukunftsroman "Die Zeitmaschine", von dem bekanntlich nicht allein Arthur Conan Doyle schwer beeindruckt war.

Inspiriert von diesem frühen Bestseller der fantastischen Literatur ist ein windiger Unternehmer namens Gilliam F. Murray auf die Idee gekommen, "Zeitreisen" ins Jahr 2000 anzubieten. Das Geschäft des schurkischen Scharlatans - nichts weiter als fauler Budenzauber natürlich – floriert. Die Menschen glauben seinen Reden von "magischen Zeitlöchern", durch die man angeblich in ferne Epochen schlüpfen kann. Bei "Murrays Zeitreisen" setzt man sich einfach in eine futuristisch aufgedonnerte "Dampfstraßenbahn" und wird in die Zukunft befördert, in welcher der Krieg der Roboter gegen die Menschen tobt.

Nur Herbert George Wells weiß, dass sich hinter dem finsteren Murray ein gescheiterter Romanautor verbirgt, dem Wells einst die Leviten las und der daraufhin auf Rache sann. "Die Landkarte der Zeit" ist eine unverhohlene Hommage an Wells, allerdings ist dieses Buch ebenso "großsprecherisch" wie Murrays darin behandelter fiktiver Romanversuch, den Wells mit den Worten abkanzelt, es handle sich dabei um "eitles Geschreibe" im "aufgeblasenen Ton voll blumiger Wendungen".

Altväterlich-behäbig rühmt sich Palmas Erzähler seiner "übernatürlichen Allgegenwart" und wendet sich mit einem "Sie, geliebter Leser" ans Publikum. Unbeholfen träumt hier jemand davon, in eine "bekannte Vergangenheit zu den schon einmal benutzten Momenten seines Lebens zu reisen" (das mag auf das Konto des Übersetzers Willi Zurbrüggen gehen).

Ganz schlimm aber wird es, wenn eine "Flut eisigen Feuers die Lust anfacht" und "vom Erwachen des Fleisches kündet": Da wird dann schwülstig-verschmockt "jener unziemliche Teil seiner Anatomie", "seine aufgebäumte Männlichkeit an der seidigen Innenseite ihrer Schenkel" "zum Ankergrund ihres Schoßes", ja: zur "Nachtwolle ihres Schamhügels" geführt.

Schaurig schief und klosterschülerinnenhaft ist die Wort- und Metaphernwahl dieses ermüdend langatmigen, vollkommen spannungslosen Buches, das so vieles zugleich sein möchte: Grusel- und Abenteuer-Roman in einem, und dabei von einer Welt von gestern erzählen, die bereits "unterwegs in die Welt von morgen" ist, um einen anderen Titel von H. G. Wells zu zitieren, der hier übrigens mitunter zärtlich "Bertie" gerufen wird.

Die üblichen Paradoxien einer Zeitreise (was passiert, wenn ich mir selbst begegne bei einer Reise in die Vergangenheit, was geschieht, wenn ich die Vergangenheit manipuliere?) behandelt Palma, als würden sie zum ersten Mal formuliert. Bei so geringer Fantasie kann wirklich keine "Hellsicht aufblühen". Nein, im hier beschworenen "Sanktuarium des universellen Wissens", in einer "Bibliothek der Wahrheit" mag dieses Buch einen Platz haben, bei uns zu Hause leider nicht.

Besprochen von Sigried Wesener

Félix J. Palma: Die Landkarte der Zeit
Aus dem Spanischen von Wlli Zurbrüggen
Kindler-Verlag, Reinbek 2010
716 Seiten, 24,95 Euro

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