Samstag, 28.11.2020
 

Studio 9 | Beitrag vom 21.10.2020

FußverkehrskongressWie Städte fußgängerfreundlich werden

Ragnhild Sørensen im Gespräch mit Julius Stucke

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Zwei Männer überqueren eine Straße ( Justin Beck / Unsplash)
Was tun, damit sich Fußgängerinnen und Fußgänger im Verkehr wohler fühlen? ( Justin Beck / Unsplash)

Zu Fuß geht jede und jeder mal. Doch die Städte sind in erster Linie für den Autoverkehr gebaut. Ragnhild Sørensen von der Organisation Changing Cities hat Vorschläge, wie sich das ändern ließe, glaubt aber auch: Das geht nicht ohne Konflikte.

Zur Eröffnung des Fußverkehrskongresses sprach unter anderem Winfried Hermann, grüner Verkehrsminister des Gastgeberlandes Baden-Württemberg. Der Fußverkehr sei ein wichtiger Teil der Mobilität, betonte er – und das müsse ausgebaut werden und sich vor allem stärker im Stadtbild zeigen. Noch seien viele Städte auf Autos ausgerichtet, so Hermann:

"Etwa zu schmale Fußwege oder dass Ampelphasen so gestaltet sind, dass es für den Autoverkehr gut ist, nicht für den Fußverkehr – also es muss auch komfortabler werden, das zu Fuß gehen, es muss sicherer werden."

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Für den Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), der ebenfalls zur Eröffnung des Kongresses sprach, gibt es noch ein anderes Problem für den Fußverkehr. Von Autos sprach Scheuer nur am Rande:

"Wenn ich mir das anschaue: Berliner Hauptbahnhof, wer zum Bus gehen will, muss erst mal über einen Radweg gehen. Das hat jeder schon erlebt, dass nicht nur der Autoverkehr in Konkurrenz zum Fußverkehr steht, sondern plötzlich auch ein Radfahrer angefahren kommt und natürlich auch seinen Raum auf dem Radweg beansprucht."

Autofahren ist schlecht für Klima und Lebensqualität

Zu Fuß gehen ist außerdem klimaneutral – wie wichtig das ist, zeigt eine Studie, die die Organisation Changing Cities heute in Berlin vorgestellt hat. Darin wird berechnet, was die Luftverschmutzung die Bewohnerinnen und Bewohner von über 400 europäischen Städten im Jahr kostet. Das Ergebnis: Die sozialen Kosten – also etwa ein Verlust an Lebensqualität oder tatsächliche Kosten für das Gesundheitssystem – betrugen 2018 in den untersuchten Städten über 166 Milliarden Euro.

Diese Zahlen zeigen: Autofahren ist schlecht fürs Klima. Was aber tun, damit sich etwa Fußgängerinnen und Fußgänger im Verkehr wohler fühlen?

"Wir sind alle Fußgängerinnen, auch der Autofahrer ist ab und zu Fußgänger", betont Ragnhild Sørensen von Changing Cities. "Diese Art des Fortbewegens muss weit mehr Aufmerksamkeit bekommen."

Autofreie Siedlungen planen

Beim Bau neuer Siedlungen sei eine Möglichkeit, sie von vorneherein fuß- und radfreundlich zu gestalten und die Wohnanlage autofrei zu planen. "Oder, dass man in den Innenstädten guckt: Wir kriegen den Durchgangsverkehr raus, damit man sich in den Wohnvierteln einigermaßen sicher bewegen kann, frei von Lärm und Schadstoffen in der Luft."

Der öffentliche Raum sei im Moment weit autofreundlicher als menschenfreundlich gestaltet, so Sørensen. In Berlin seien 60 Prozent des Straßenraumes dem Autoverkehr gewidmet, "wo wir als Menschen – zu Fuß oder mit dem Rad – uns nicht besonders sicher fühlen und wo man auch nicht unbedingt willkommen geheißen ist."

Menschen, die zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren, seien beim Bau der Städte als zweit- und drittrangig gesehen worden. "Wenn wir was ändern wollen, dann werden Privilegien des Autoverkehrs zurückgehen müssen."

Mit Konflikten sei dabei zu rechnen, sagt Sørensen. "Es sind auch Konflikte entstanden, als der Autoverkehr vor 70 Jahren durchgesetzt wurde. Damit müssen wir leben, dass sich die Welt ab und zu ändert."

(jfr)

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