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Religionen | Beitrag vom 31.01.2021

Fußball – fast schon eine ReligionGott hat seinen Fuß im Spiel

Von Thomas Wheeler

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Jubel im Maracana Stadion in Rio de Janeiro, Brasilien (imago images/Leslie Parrott)
Eine Kathedrale des Fussballs: Jubel im Maracana Stadion in Rio de Janeiro, Brasilien (imago images/Leslie Parrott)

Fußballstadien sind Kathedralen des Sports. Glaube, Hoffnung und Liebe verbinden sich mit dem Verein. Die Begeisterung mancher Fans reicht weit ins Spirituelle hinein. Philosophie, Sportsoziologie und Theologie entdecken dabei Erstaunliches.

Es war ein heißer Sommerabend im Juni 2000. Als Energie Cottbus in die Bundesliga aufstieg, lernte ich meinen ersten Fußballgott kennen. Sein Name: Detlef Irrgang. Besungen und bejubelt. Die Fans von Energie verehrten ihn zu jener Zeit. Denn der Stürmer schoss den Verein aus der Lausitz 1997 zunächst in die zweite und dann sogar in die erste Liga.

Ein Fußballgott kämpft mit den Kilos

Irrgang, der Mann für die entscheidenden Tore, war für viele Cottbus-Anhänger fortan ihr Fußballgott. Und das im atheistisch geprägten Osten. Was ihm bei seinem damaligen Trainer Eduard Geyer allerdings keine Pluspunkte brachte, sondern eher die Probleme des irdischen Daseins vor Augen führte. Irrgang erinnert sich:

"Ich habe da wahrscheinlich noch mehr Feuer gekriegt vom Trainer. Selbst wenn Gewichtskontrolle war, ich habe mehr gewogen. Obwohl ich 1,90 groß war, und mein Wettkampfgewicht war 78, 79 Kilo, was ja nicht fett ist, waren eigentlich nur Muskeln gewesen. Trotzdem weil ich da mal ein halbes Kilo mehr gewogen habe, musste ich auch Strafe zahlen. Also da gab es nichts."

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Irrgangs Glorifizierung ließ mich erstmals darüber nachdenken, warum Fans ihre Idole mitunter zu Göttern stilisieren. Sind es die sportlichen Fähigkeiten, die nur dieser Profi hat, ist es dessen besonders offene Art gegenüber den Fans, seine innige Bindung zum Klub - oder ist der Spieler womöglich selbst gläubig?

Pelé und Maradona: gefühlt mit höheren Mächten im Bunde

Für den kürzlich verstorbenen Diego Maradona, neben Pelé der bekannteste Fußballgott weltweit, hatte der christliche Glaube Zeit seines Lebens eine sehr hohe Bedeutung. Und so sagte er einmal:

"Ich bin privilegiert, aber nur, weil das Gottes Wille war. Gott hat mich gut spielen lassen. Er gab mir die Fähigkeit."

In der tiefen Überzeugung, eine ganz besondere Verbindung zum Allmächtigen zu haben, nahm sich Diego Maradona bei der WM 1986 auch die Freiheit, ein Tor mit der Hand gegen England zu erzielen. Und sagte danach: "Es war ein bisschen Maradonas Kopf, und ein bisschen die Hand Gottes."

Diego Maradona lässt sich von seinen Mitspielern auf Schultern durchs Stadion tragen und hält den UEFA-Pokal triumphierend in die Luft. (picture alliance / AP Images / Carlo Fumagalli)Diego Maradona feiert den Triumph der argentinischen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko 1986. (picture alliance / AP Images / Carlo Fumagalli)

In katholisch geprägten Ländern wie Argentinien, Italien und Spanien, in denen Kirche und Staat eine viel engere Beziehung haben als bei uns, werden vor allem Stürmer und Mittelfeldstrategen zu Fußballgöttern emporgehoben.

Hierzulande sind es dagegen oft die technisch Limitierten, also Verteidiger oder Torhüter, die zu dieser Ehre kommen. So wie beim WM-Finale Deutschland gegen Ungarn 1954 in Bern, als Toni Turek im deutschen Tor ein ums andere Mal schneller als die ungarischen Angreifer war. Der Reporter damals: "Turek, Du bist ein Teufelskerl. Turek, Du bist ein Fußballgott."

Hiesige Fans nehmen den Götterkult gerne auf die Schippe. Deutsche Fußballgötter sind keine Lichtgestalten, sondern eher Malocher, die auch mal Gras fressen.

Der Heilige Aloisius: Schutzpatron der Fußballer

Welche religiösen Anleihen sind sonst im populärsten Sport der Welt zu finden? Gibt es Heilige? Ja! Der 1884 verstorbene Priester Aloisius Scrosoppi aus Italien ist seit 2010 der Schutzpatron aller Fußballerinnen und Fußballer. 2001 wurde er von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen.

Bilder und Gemälde von Heiligen hängen üblicherweise in Kirchen und Kathedralen. Die Kathedralen des Fußballs sind für viele die Stadien. Das alte Wembley-Stadion in London war bis zu seinem Abriss im Jahr 2003 so etwas wie der Petersdom. Franz Beckenbauer bezeichnete den Ort einmal als das Mekka seines Sports. Als 20-Jähriger spielte er dort sein erstes großes Turnier.

Bei der WM 1966 verlor er mit der deutschen Nationalmannschaft auf dem sogenannten "heiligen Rasen" gegen die Gastgeber im Finale, wo in der Verlängerung das bis heute umstrittene Wembley-Tor fiel.

Theologen erkennen religiöse Momente

Das alte Wembley, die Mutter aller Kathedralen des Fußballs, lebt in der Erinnerung weiter. Weltweit gibt es aber auch andere imposante Stadien, die Pilgerstätten der Fans. Mancherorts, wie zum Beispiel auf Schalke, existiert sogar eine Kapelle, in der auch Trauungen und Taufen durchgeführt werden. Aber auch eine Andacht vor dem Derby gegen Borussia Dortmund.

Der katholische Theologe Georg Röwekamp ist Schalke-Fan: "Was ich spannend finde, ist, dass der Fußball oder die Identifikation mit einem bestimmten Verein Leuten ja etwas an Selbstwertgefühl gibt, was an anderen Stellen manchmal die Religion geleistet hat."

Irgendwann werden die Fans die Kathedralen des Fußballs hoffentlich auch wieder mit Leben erfüllen. Seitdem sie aufgrund der Pandemie gar nicht oder kaum mehr in den Stadien sind, fehlen natürlich auch die Rituale, die zu einem Fußballspiel mit Zuschauern nun einmal dazu gehören.

Liturgie im Stadion

Hymnen zum Beispiel: diese Inbrunst, wenn aus tausenden Kehlen vor dem Anpfiff die Vereinshymne ertönt. Eine tiefe Verbundenheit, ein Glaubensbekenntnis für den Klub. Leidenschaft natürlich auch während des Spiels mit Gesängen, Chören und Choreografien. Das hat immer etwas Liturgisches.

Wenn ein Tor fällt. Der Stadionsprecher nennt den Vornamen des Torschützen. Die Fans den Nachnamen. Was manche an Wechselgesänge in der Kirche erinnert. Es sind die Responsorien des Fußballs.

Eine vokale Zuspitzung ist das Weihnachtssingen beim Berliner Fußball-Bundesligisten 1. FC Union. Seit 2003 treffen sich die Anhänger am 23. Dezember im heimischen Stadion an der Alten Försterei.

Wenn mehrere Tausend auf den Rängen und dem Rasen besinnliche Töne anstimmen, könnte man auch meinen, man sei in einem Gottesdienst. Zumal auch das Weihnachtsevangelium nach Lukas vorgelesen wird.

Liebe zum Verein stiftet Sinn und Identität

Fans, die mit ihrem Klub durch dick und dünn gehen, versammeln sich gewissermaßen in einer Art Glaubensgemeinschaft. Religionen seien manngemacht. Das Wort Gottes sei immer auch ein Wort des Mannes, hat einmal der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Klaus Theweleit gesagt. Was auch für den Fußball gilt, der ursprünglich ein Männersport war.

Der klassische Dreiklang aus Glaube, Hoffnung und Liebe aus dem ersten Korintherbrief projiziert sich auf den Verein. Dabei finden sie Sinnstiftung und Identität. Der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer:

"Wenn man sich die Rituale anguckt, die in den Stadien passieren, dann haben die tatsächlich den Charakter, der von Religionssoziologen konstatiert wird als ein Brodeln, als eine Gärung, als ein Zwischenzustand. Und da kann es auch sein, dass der Fußball, der den Menschen so packt, dass das dann für die Leute einen religiösen Gehalt bekommt."

Spielraum für gesteigerte Lebendigkeit

Der Glaube an das eigene Team schafft Zusammenhalt und Verbindung. Für 90 Minuten spielen Hautfarbe, Herkunft und Religion keine Rolle. Weder auf den Tribünen noch auf dem Platz. Der evangelische Theologe Christoph Quarch:

"Der Fußball öffnet den Menschen einen Raum, einen Spielraum, indem er in einem intensiven Sinne sein eigenes Lebendigkeitspotenzial entfalten kann. Und wenn wir es genau nehmen, ist das der Sinn von Spiritualität. Spiritualität hat nichts zu tun mit Moral oder mit Ethik oder mit Dogmen. Spiritualität ist zunächst einmal nichts anderes als eine Erfahrungsform intensiver echter gesteigerter Lebendigkeit."

Fans, die nach einem Heilsversprechen oder gar Erlösung suchen, werden im Gemeinschaftserlebnis allenfalls eine Form von Erfüllung finden. Um metaphysisch nicht unsanft auf dem Boden zu landen, wenn es mal nicht so läuft, sollten der Fußball und seine Helden daher auch nicht maßlos vergöttert werden.

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