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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 10.06.2015

Fusion-Festival in LärzGürteltier im Festumzug

Von Gerhard Richter

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Bühne beim Fusion-Festival in Lärz 2011 (dpa / picture alliance / Alexander Müller)
Bühne beim Fusion-Festival in Lärz 2011 (dpa / picture alliance / Alexander Müller)

Lärz ist ein kleines Dorf am Südende der Müritz mit viel Ruhe und unberührter Natur. Ein Geheimtipp. Lärz ist aber auch für sein lautstarkes Fusion-Festival mit bis zu 70.000 feierwütigen Gästen bekannt. Am 25. Juni trifft Dorf wieder auf Techno - passt das zusammen?

Bis vor ein paar Jahren war Lärz nur bei ein paar Luftfahrthistorikern bekannt, weil hier 1944, kurz vor Kriegsende, das erste Strahltriebwerk der Welt erprobt wurde. Das Strahltriebwerk könnte auch auf dem Orts-Wappen von Lärz sein, aber Lärz hat gar kein Wappen. Es gibt auch nur fünf Straßen, die längste ist die Lindenstraße. Die führt durchs ganze Dorf, und an ihr reihen sich in großzügigem Abstand mecklenburgische Backsteinhäuser mit Garten davor und Scheune dahinter. Dazwischen warten ein paar Pensionen auf Gäste. Viel passiert nicht in Lärz, sagt Hartmut Lehmann:

"Die Kultur ist eine ganz normale Dorfkultur, mit den unterschiedlichen Vereinen. Faschingsgruppen Sportverein, ja vielmehr ist da gar nicht. Der Chor ist da wieder seit einigen Jahren. Die Feiern jetzt ihren '15 Jahre Chor' dieses Jahr. Und dann fanden hier Dorffeste statt und Tanzveranstaltungen und sowas."

Hartmut Lehmann ist ehrenamtlicher Bürgermeister. Im Hauptberuf ist er Busfahrer. Täglich fährt er seine Route zwischen Mirow und Waren, den beiden größeren Orten der Umgebung, durchquert andere kleine Dörfer und streift viele kleine und große Seen am Südende der Müritz. Die Gegend entwickelt sich, der Tourismus ist mittlerweile Haupteinnahmequelle.

In Lärz geht es aufwärts: Mit einem Hafen und einem Airpark

Auch in Lärz geht es aufwärts, es gibt einen Hafen für Sportboote und einen Airpark, in dem man zusammen mit seinem Flugzeug wohnen kann.  Wenn die Lärzer jetzt anfangen, Werbung für sich zu machen, dann müssen sie fast hundert Jahre aufholen. Solange sollte niemand von dem Ort im Südwesten Mecklenburgs wissen, weil dort 1917 ein Flugplatz gebaut wurde, der möglichst geheim bleiben sollte.

Lehmann: "Lärz war so, dass es ein Ort war, der nicht auf der Landkarte erschien. Wegen der militärischen Nutzung durch den Flugplatz. Also wenn Sie jetzt auf der Bundesstraße gefahren sind, haben sie dort auch kein Hinweisschild auf Lärz gefunden. Erst wenn sie Richtung Schwarz abgebogen sind über die Brücke rüber, und dann stand ein Schild nach Lärz, und Tourismus war aus diesem Grunde in Lärz auch gar nicht beheimatet. Das war entweder Landwirtschaft hauptsächlich oder die Leute haben eben auf der Werft gearbeitet, da waren auch sehr viele. Ansonsten war die militärische Nutzung im Vordergrund."

Dann kam die Wende, alle warteten auf den Aufschwung Ost. Die Lärzer Werft, in der über 1.000 Mecklenburger hauptsächlich Rettungsboote bauten, musste mehr als die Hälfte der Mitarbeiter entlassen. Alle hofften auf Hilfe aus dem Westen, dass finanzkräftige Investoren oder wohlhabende Touristen den abgelegenen Ort entdecken. Aber dann kam es ganz anders.

Lehmann: "Ich kann mich entsinnen, das war mal so ein Bild für mich: Muss man sich vorstellen, so eine kleine schmächtige Frau mit einem Kind am Arm, Koffer in der Hand, wie so ein Flüchtling 45. Aber die war bestimmt noch nicht so alt. Und die dann da zu Fuß mit diesem Kleinkind, zum Festival lief die. Um Gottes willen, was soll aus dem denn mal werden?"

Am Anfang kamen nur rund 800 Gäste zum Festival

Solche Eindrücke hatten die Lärzer von den Gästen, die zu den ersten Partys auf dem ehemaligen Flugplatz kamen. 1996 ging das los,  da hieß die Veranstaltung noch U-Site, und zog etwa 800 Leute an. In den darauffolgenden Jahren wurde es dann immer voller. Mittlerweile kommen jedes Jahr 60.000 bis 70.000 Besucher zur Fusion: Angelockt von einer speziellen Mischung aus elektronischer Musik, Off-Theater, Experimental-Film und sonstiger Subkultur. Martin Eulenhaupt ist Mitbegründer der Fusion und erklärt das Konzept so:

"Eine wirklich große Vielfalt, und im Prinzip den Leuten die Möglichkeit zu geben Neues und Unbekanntes zu erleben, zu entdecken. Vielleicht auch mal sich mit etwas zu befassen, was einen sonst nicht interessiert hat. Ja, und letztlich die Veranstaltung damit auch von so Monokulturen, die man ansonsten oft findet, wegzuholen und sagen, es kann schon viel miteinander und nebeneinander laufen, das kann sich auch gegenseitig befruchten."

Martin Eulenhaupt ist der Vorsitzende des Kulturkosmos e.V. Der Verein besteht im Kern aus Hamburger und Berliner Künstlern, und hat nicht mehr als 30 Mitglieder. Diese Gruppe organisiert  jedes Jahr im Juni die Fusion und alle zwei Jahre im September das Theaterfestival Attention. Diese Kulturarbeit beschränkt sich ausschließlich auf das eigene Gelände. Die Dorfkultur in Lärz werde dadurch nicht befruchtet, sagt Martin Eulenhaupt:

"Also die Realität ziemlich einfach so aus, dass wir das Festival, dass das so intensiv ist, dass wir mit allen Kräften irgendwie gefangen sind in der Vorbereitung und Nachbereitung. Und wenn das eine vorbei ist, geht das nächste eigentlich schon wieder los. Und wenn zwei Festivals sind wie dieses Jahr, dann bleibt da auch gar kein Raum, um sich außerhalb von diesem Kulturkosmos irgendwie kulturell zu engagieren. Dieser Output außerhalb des Festivals ist gering."

Rastazöpfe, Kapuzenpulli, Madonna mit Sturmgewehr

Martin Eulenhaupt ist ein bulliger Typ mit einem schelmischen Dauergrinsen. Ein paar Strähnen seiner schulterlangen blonden Haare haben sich zu  Rastazöpfchen verfilzt. Er trägt einen grauen Kapuzenpulli und ein graues T-Shirt. Darauf eine Madonna mit Sturmgewehr.

Schon im Frühjahr arbeitet Martin Eulenhaupt im seinem Büro in der ehemaligen Kommandantur. Der halbrunde Schreibtisch erinnert an das Cockpit eines Raumschiffs und ist bedeckt von Briefen und Entwürfen. Über der Lehne des Bürostuhls hängt eine neongrüne Warnweste.

Martin Eulenhaupt nimmt einen dicken Schlüsselbund und geht nach draußen. Zwölf grasüberwachsene Hangars lugen aus den Wiesen rundherum, die Eingänge sind mit fantasievollen Schriften verziert. Darin: Bars, Bühnen und Dancefloors.

Befreundete Künstler haben aus Holz, Schrott und Wohlstandsmüll Skulpturen und Installationen gebaut. Martin Eulenhaupt geht zu einem kleinen Container neben einem Hangar, darin werkelt Frank an einer Heizung.

Eulenhaupt: "Hallihallo!"
Frank: "Hallo!"
Eulenhaupt: "Hast du die Samstagsschicht gekriegt und musst dich um die Heizung kümmern?"
Frank: "Das Problem ist die Pumpe hier drin."
Eulenhaupt: "Sitzt sie wieder fest?"
Frank: "Ich hab sie gestern schon mal angemacht, aber die lief so eiernd an."

Frank kommt aus dem 20 Kilometer entfernten Wesenberg. Der gelernte Elektriker hat beim Kulturkosmos einen festen Job, kümmert sich um die Technik und springt ein, wo er gebraucht wird. Auf dem Gelände sind je nach Jahreszeit bis zu zwei Dutzend Leute beschäftigt.

Frank: "Ist ein recht interessanter Arbeitsplatz auf jeden Fall. Macht auch Spaß."

Draußen neben dem Container liegen alte Reflektoren aus Blech, Überbleibsel einer Neonlichtinstallation. Martin Eulenhaupt wundert sich, dass der Haufen noch da liegt.

Frank: "Das war mal die Beleuchtung außen."
Eulenhaupt: "Ja, aber das müsste mindestens seit dem Sommer weg sein. Seit wann liegt es denn hier so blöd?"
Frank: "Seit dem Herbst." 

Techno-Festival auf dem Dorf: Martin Eulenhaupt organisiert die Fusion in Lärz (Gerhard Richter)Techno-Festival auf dem Dorf: Martin Eulenhaupt organisiert die Fusion in Lärz (Gerhard Richter)
Das Gelände ist in einem stetigen Wandel. Jedes Jahr kommen andere Künstler hierher und dekorieren um. Wer hier mitgestaltet, ist von der Idee begeistert und nicht von der Gage. Es gehe darum, sagt Martin Eulenhaupt, eine Utopie temporär erlebbar zu machen.

"Es gibt so Visionen, für Veränderungen in der Gesellschaft, die man auf so einem Festival erleben kann. Die aber nicht so weit weg sind, dass man sagt, das sind Utopien, die man nie erreichen kann. Sondern man kann sie im Einzelnen und im Kleineren auch mal erleben. Und man kann auch darüber nachdenken, wie kann man sie unserem Alltag umsetzen."

Die Fusion will so wenig kommerziell wie möglich sein

Die Hauptutopie der Fusion ist es, möglichst unkommerziell zu sein. Ein Gegenmodell zu den üblichen Festivals, bei denen Werbung omnipräsent ist. Kooperation ist wichtiger als Kommerz, sagt Eulenhaupt. Mit den 70 Euro Eintritt, die jeder Festivalbesucher zahlt, kann der Kulturkosmos gerade  die Unkosten abdecken. Es gibt aber auch Gerüchte, die Einnahmen des Festivals hätten den Mitbegründer so reich gemacht, dass er gar nicht mehr arbeiten brauche. Aber da widerspricht der.

Eulenhaupt: "Ich lebe hier auf diesem Gelände. Ich lebe auf einer ganz minimalen ökonomischen Basis. Ich bin als Künstler unterwegs. Und verdiene mein Geld als DJ. Aber lebe seit fast 30 Jahren in einem Lkw, in demselben LKW und  mit diesem Projekt habe ich natürlich eine gestalterische Möglichkeit in so viele verschiedene Richtungen, und das ist einfach ein Job, der mir super Spaß macht. Obwohl es jetzt kein Job ist, sondern das ist eine Lebensaufgabe oder so ..."

Schon lange vor Lärz haben Martin Eulenhaupt und seine Gefährten Partys an ausgefallenen Orten im Osten Deutschlands veranstaltet. Allein durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder durch eine kurzfristig geschaltete Hotline ist es ihnen immer wieder geglückt, hunderte Freunde und Bekannte zu nächtlichen Tanzpartys an obskure Orten zu locken: Leere Fabrikgebäude, Waldlichtungen oder an den Strand des Ostseebades Prora. Auf der Suche nach ungenutzten Orten kam die Gruppe in der Nachwendezeit auch durch die Lindenstraße in Lärz und kurz danach zu dem verlassenen Flugplatz.

Johanna Ickert: "Das war eine kleine Gruppe, die das Gelände mehr oder weniger bei einer Fahrradtour entdeckt hat. Und es war so, dass sie, glaube ich, erstmal das relativ unbemerkt vonstatten ging. Sie haben sich zwar eine Genehmigung geholt für diese Feier, aber es gab da noch wenig Berührungspunkte mit den Bewohnern. Das ist erst entstanden, als klar war, der Ort hat halt diverse Potenziale und sie würden das gerne nochmal wiederholen."

Anfangs waren die Einheimischen mehr als skeptisch

Johanna Ickert studierte damals europäische Ethnologie an der Berliner Humboldt Universität. Sie hat ihre Masterarbeit über die Entwicklung des Fusion-Festivals und die Verzahnung mit den Einwohnern ringsum geschrieben. Von dem verlassenen Flugplatz bei Lärz waren die Künstler und Musiker sofort begeistert. Die Einheimischen hingegen waren von der Invasion dieser seltsamen Partyhopper alles andere als erfreut.

Lehmann: "Die großen Bedenken waren, das war die politische Ausrichtung, das war das erste, was da auffällig gewesen ist. Und das ging ja dann bis zu der linksextremen Szene. Es gab natürlich Diskussionen sowohl so auch so. Und die Lärmbelästigung war ja enorm."

Einer der schärfsten Gegner der Fusion und deren Organisatoren war Olaf Bauer, damals Bürgermeiser im Nachbarort Rechlin. Als die Künstler den Verein Kulturkosmos gegründet hatten und das Gelände kaufen wollten, war es sein erklärtes Ziel, dieses Vorhaben zu verhindern.

Bauer: "Ja, ich gebe zu ich hatte Bedenken. Und befürchtete, dass diese Ansammlungen von vielen vielen Menschen, dass das Auswirkungen haben könnte auf die Bevölkerung, vor allem auf die jungen Menschen hier. Und habe deshalb am Anfang mich sehr kritisch zu diesem Vorhaben geäußert. Weil man ja auch nicht wissen konnte, wie sich das entwickelt, was daraus wird."

Lärm, Drogen, der schädliche Einfluss auf die Jugend und den aufkeimenden Tourismus waren die Hauptargumente gegen den Geländekauf. Es gab auch heftige Diskussionen um den Kulturbegriff. Es brauchte zwei Jahre harter Auseinandersetzung, bis der Kulturkosmos letztlich das Gelände bekam.

Die "Chaoten", wie man die Gruppe um Martin Eulenhaupt öfter mal nannte, hatten bewiesen, dass sie gut organisiert waren und am Ende die besseren Argumente hatten.

"Der Kulturkosmos war für viele anfangs vielleicht so ein Schreckgespenst. Aber letztendlich konnte man das oder hat man das einfach überwunden, in dem man offen mit den Leuten geredet hat. Indem man sich auch angehört hat, was sie befürchten. Da haben wir in den Anfangsjahren Symposien zum Thema Drogenpolitik, Drogenprävention. Dadurch wurden auch Ängste abgebaut."

Sagt Martin Eulenhaupt vom Kulturkosmos, und Johanna Ickert, die Kulturanthropologin, vermerkt in ihrer Arbeit:

"Aus den Konfliktbeziehungen, sind dann irgendwann Geschäftsbeziehungen geworden und sind dann irgendwann Freundschaften geworden."

Dorf und Festival sind inzwischen miteinander verzahnt

Mittlerweile gibt es enge Kooperationen zwischen dem Kulturkosmos und den Leuten vom Dorf. Martin Eulenhaupt ist Mitglied im Lärzer Ortsbeirat und saß für die SPD eine Wahlperiode im Jugendhilfeausschuss des Müritz-Kreises. Drei Jahre lang hat der Kulturkosmos eine Sozialarbeiterin im Jugendclub Lärz bezahlt, als der Finanzprobleme hatte. Man kennt sich, man duzt sich, man hilft sich.

Martin Eulenhaupt heißt für viele im Dorf jetzt einfach "Eule", und Bürgermeister Hartmut Lehmann, der übrigens für den Verkauf des Geländes an den Kulturkosmos war, erzählt gern die Geschichte vom Förderverein Dorfkirche Lärz und der Fusion.

Lehmann: "Die erste Veranstaltung, wo man dann angefragt hat, man hat eigentlich nur nach Geld gefragt. Und da hat er gesagt: Nö, Geld kriegt ihr von mir nicht. Aber ihr dürft Kuchen verkaufen. Und bildet euch mal nicht ein, dass ihr hier mit zwei, drei Blechen ankommt. Da wird schon ein bisschen mehr benötigt. Und dann haben die sich dann da schon für den ersten Tag 50 Bleche Kuchen bestellt beim Bäcker, und für die nächsten Tage auch.

Und Eule hat sich dann verpflichtet, wenn sie das nicht loswerden, kauft er das auf. Weil er ja der Meinung war, das werden sie alles los. Und genau das passierte aber nicht. An Stelle der 50 Bleche, hatten sie 20 verkauft und 30 hat er dann aufgekauft. Und das war am zweiten Tag dann genauso und unsere Feuerwehr ist ja da auch immer präsent, aus Schutzgründen. Und die sagten: Wir mussten da so viel Kuchen essen, wir konnten schon gar keinen Kuchen mehr sehen."

Die freiwillige Feuerwehr aus Lärz und den Ortsteilen hilft auf jeder Fusion. Vor allem für die jüngeren Spritzenmänner eine gute Gelegenheit, dieses Festival der Vielfalt als Akteur zu erleben. Für ihren Einsatz  bekommen sie nicht nur Kuchen und das Festivalbändchen umsonst, sondern zu ihren Feiern auch mal ein Fass Bier oder ein Spanferkel spendiert. Dafür haben sie "Eule" zum Ehrenmitglied ernannt. Die Fusion ist auch ihr Festival.

Philip Webersinke zum Beispiel ist Mitglied der Jugendfeuerwehr.  Wenn sonst nix los ist, hängt der 16-Jährige mit seinen Kumpels im Jugendclub "Blue Angel" in Rechlin ab.  Ein Künstler hat dort eine Wand mit Graffiti verziert, vermittelt vom Kulturkosmos. Philip ist wie die meisten Jugendlichen hier ganz heiß auf das Festival. Wenn er schon als Feuerwehrmann darauf darf, guckt er sich auch die Kultur dort an.

Webersinke: "Meine Lieblingsecke ist der Trance-Floor. Weil da auch schön viele Leute sind, und man sich da unterhalten kann mit fremden Leuten und so. Die Live Hangar Bühne, da bin ich noch sehr gerne, weil letztes Jahr sind auch sehr berühmte Bands aufgetreten wieder. Das waren so meine Lieblingsecken."

Die Dorfjugendlichen wollen gern bei der Fusion arbeiten

Viele Jugendliche aus der Gegend versuchen, einen Job auf der Fuison zu bekommen. Philip hat an einem Essenstand mitgearbeitet, dem Pilztopf. Und Pfandflaschen gesammelt. 100 bis 200 Euro kann man da verdienen, sagt er.

Wenn die Massen weg sind, geht er aber auch gerne aufs Gelände. Mit einem Freund bastelt er dann an alten Autos rum, oder chillt am Baggersee, den der Kulturkosmos angelegt hat. Mittlerweile ein beliebter Treff für die Jugend der Region.

Webersinke "Das ist auch man den Lieblingsecke, so in Lärz, dass ich mich da entspannen kann."

Das Festivalbändchen wird dann demonstrativ das ganze Jahr über am Handgelenk getragen -  als Erinnerung und als Bekenntnis. Auch am Handgelenk von Michael Preuß baumelt das rote Stoffbändchen. Wann genau er zum ersten Mal auf der Fusion war, weiß der 23-Jährige gar nicht mehr.

Preuß: "Ich glaub mit 15,16, wo ich halt in die Lehre gegangen bin, in Waren."

Der gelernte Beikoch trägt einen blauen Kapuzenpulli mit einem bunten psychedelischen Aufdruck. Typisch für Techno-Fans und sehr deutlich beeinflusst vom Kulturkosmos.

Preuss: "Eine Zeit lang bin ich wie ein Punker rumgerannt. Bunte Haare, zerrissene Klamotten, karierte Jeans und sonst was gechlorte Sachen zum Beispiel. Trag ich auch ganz gerne heute noch."

Michael Preuss gehört zu der kleinen links-alternativen Szene, die sich im Raum Lärz - Rechlin in den letzten Jahren gebildet hat. Angeregt auch durch die vom Kulturkosmos unterstützten Alternativen Jugendcamps, die seit Jahren, meist im August, auf dem Fusion-Gelände stattfinden. Dreimal hat Michael Preuss daran teilgenommen, hat sich mit Punks und Nazis und deren Ideologien beschäftigt.

Preuss: "Also über Tag erklären sie, was Faschismus ist. Das ist sehr informativ. Das ist jeden Sommer das gleiche. Es ist für die Jugend. Was Faschismus ist, was rechtsradikal ist und so weiter. Und was die Abstufung ist von Skins, Punks. Das alles erklären die so."

Das Alternative Jugendcamp wird von Clubs und Initiativen aus dem linken Spektrum organisiert, dabei sind aber auch Veganer und Pfadfinder. Michael Preuss hat jedenfalls seine politische Haltung gefunden.

"Ich ordne mich nirgendwo ein. Ich bin ich. Ich habe meinen eigenen Style. Also ich bin natürlich antifaschistisch auf jeden Fall gegen Rechtsradikale. Aber ich bin nie auf Demos oder so, ich muss auch nichts so zeigen."

Er trägt seine Punkerklamotten auch seltener. Erstens ist er ein bisschen raus gewachsen, zweitens hat er keine Lust auf die Konflikte, wenn er sich durch seine Kleidung deutlich links positioniert.

Preuss: "Ich weiß, wenn ich auffalle so, dann kann ich auch aufs Maul kriegen. Hier natürlich in Rechlin nicht, aber in Waren, Neustrelitz oder sonst wo. Also ich will nicht auffallen. Lauf ich halt dezent herum."

Michael Preuss ist einer der Jugendlichen, die von den Aktivitäten des Kulturkosmos stark beeinflusst wurden. Insofern haben sich die Bedenken der Einwohner bestätigt, die den politischen Einfluss fürchteten. Die Kulturanthropologin Johanna Ickert kann das bestätigen. Die Jugendlichen sind autonomer, kritischer und politischer.

"Ich glaube, der Kulturkosmos verfolgt so ein Konzept der politischen Bildung nicht im Sinne von: Wir unterrichten irgendwas oder wir versuchen allen unserer Meinung auf zu drücken, sondern eher glaube ich durch die Erfahrungen, die junge Leute auf dem Gelände machen, machen können. Weil es ein politisierendes Umfeld ist. Aber eher so durch ein gelebtes Konzept."

Das Leben auf dem Festivalgelände hat die Jugendlichen geprägt

Auch Martin Eulenhaupt glaubt, dass der Kulturkosmos für viele Jugendliche ein entscheidendes Element der Sozialisation ist. Es sind ohnehin nur rund zwei Jahre von dem Zeitpunkt, an dem die Jugendlichen anfangen, Veranstaltungen zu besuchen, bis sie dann aus der Gegend weggehen. Und da bekämen viele Jugendliche vom Kulturkosmos einen Input, der den Horizont erweitern könne.

Eulenhaupt: "Und die Eltern haben gemerkt dass die hinterher, im Laufe ihres Lebens, wenn sie dann eine Ausbildung angefangen haben, in Wuppertal oder in Hamburg oder sonst wo, die sind ihren Weg gegangen. Und die sind eben dadurch, dass sie vielleicht über den Kulturkosmos auch geprägt wurden, eher stärker von hier rausgegangen, als wenn sie der Kulturkosmos nicht beeinflusst hätte. Und wenn sie irgendwo hingegangen sind, dann sind sie oft auch fast schon dafür bewundert worden, dass sie aus Lärz kommen, wo dieses Festival ist."

Michael Preuss hat seine Lehre in der Kreisstadt gemacht und ist hier geblieben. Die üblichen Diskos locken ihn nicht an, die elektronische Musik, die er mag, findet er nur einmal im Monat auf dem Gelände des Kulturkosmos. Bei den sogenannten Bunkerpartys.

Preuss: "Das ist das Beste hier, und einmal im Monat kann man sich das sehr gönnen. Sonst haben wir in der Gegend gar nichts mehr für Leute, die ein bisschen anders sind."

Organisiert werden diese Partys von der Gruppe 3000 Grad aus dem etwa 40 Kilometer von Lärz entfernten Neustrelitz. Björn Hopp, der an diesem Samstagnachmittag auch auf dem Gelände des Kulturkosmos unterwegs ist, ist einer von ihnen. Letzte Vorbereitungen für die Bunkerparty: Aus einem Metallkoffer holt er ein paar Kabel für die Lautsprecheranlage. Der große Dancefloor ist drüben im sogenannten Datscha-Hangar, ein Teil der Party soll aber auch in einem der kleineren Räume stattfinden, in der Räuberhöhle. Ein Schuppen, stilvoll gestaltet mit roten und goldenen Tapeten, Holz-Tresen und ausgefallenen Kunstwerken an der Wand. Ideale Deko für ihre Tanz-Musik.

Hopp: "Wir machen elektronische Musik von Deephouse über Techhouse, auch weltorientierte Musik. Zum Beispiel heute hier drinne ist ein bisschen Weltmusik. Kann auch Balkan sein, kann ein bisschen Dub sein. Verschiedene Stile so."

Björn Hopp und seine DJ-Freunde legen auch in Hamburg, auf, in Berlin oder Leipzig. Aber hierher auf den alten Flugplatz nach Lärz kommen sie auch immer wieder gern. Erstens, um für die Leute der Region eine Party nach deren Geschmack zu veranstalten, und zweitens, um bei den Gleichgesinnten vom Kulturkosmos neue Motivation zu tanken.

Hopp: "Also er gibt uns Schwung auf jeden Fall, der Kulturkosmos. Das hat er früher schon gemacht, wir haben uns früher schon gut mit denen verstanden. Und die haben halt immer noch den unkommerziellen Schwung, der von unten kommt und der uns hinaus schließen lässt."

Die Technoszene hat im Kulturkosmos eine Heimat gefunden. Der Kulturkosmos hat in Lärz seine Heimat gefunden. Mittlerweile unterstützt auch der Tourismusverband die Fusion und umgekehrt. Sogar Olaf Bauer, der schärfste Kritiker der "Chaoten" hat seine Meinung geändert.

Bauer: "Wenn man überlegt, dass bei diesen Veranstaltungen, die jetzt schon über 15 Jahre stattfinden, dass da jedes Mal 60.000 bis 70.000 Menschen kommen, und das muss auch alles organisiert werden. Und es ist ja so, wie ich höre, die Karten sehr schnell ausverkauft sind. Also da muss ich sagen, mein Respekt vor dem, was hier entstanden ist."

Symbol für das Zusammenwachsen: das Gürteltier

Als Symbol für das Zusammenwachsen zweier Kulturen und Kulturbegriffe steht vielleicht das Gürteltier. Ein Auto, über dessen Karosserie eine zweite gebaut ist, in der Form eines Gürteltiers. Ein fantasievolles Relikt einer früheren Fusion. Dieses kuriose Fahrzeug war der Beitrag des Kulturkosmos beim Festumzug zur 775-Jahr Feier von Lärz. Die schrägen Utopisten um Martin Eulenhaupt und die Lärzer Bürger mit ihrem busfahrenden Bürgermeister Hartmut Lehmann feiern vereint.

Lehmann: "Da hatte ich ganz schöne Bauchschmerzen, weil wie er mit dem Gürteltier, das war sein fahrendes Gürteltier, das ist ein Fahrzeug, das in keinster Weise der Straßenverkehrsordnung entspricht, und es ist schon mal in Ludorf ein ganzer Ernteumzug gestoppt. Und die durften nicht weiter, weil da Fahrzeuge dabei waren, die nicht der Norm entsprachen. Und das waren Polizisten, die haben gesagt: Nein, gibt's nicht und fertig."

Eulenhaupt: "Und die ganze Belegschaft, die ganze Belegschaft, alle unsere Angestellten sind mitgekommen. Und wir waren alle da auch kostümiert. Die Einwohner, die da an der Straße gestanden haben, haben sich außerordentlich gefreut, dass der Kulturkosmos sich da so aktiv und auch so in so einer typisch Kulturkosmos-Variante beteiligt hat."

Lehmann: "So, und ich hatte da zwei so junge Polizisten. Oh Gott, dachte ich.  Da weißt du nicht, woran du bist. Aber die haben das ganz relaxt gesehen, und er ist mit seinem Gürteltier da mit gefahren."

Eulenhaupt: "Und auch dass wir ein fettes Sound-System und Techno mit am Start hatten, hat alle am Wegesrand sehr erfreut."

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