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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.06.2013

Funkelndes Grau und tröstender Humor

Samuel Becketts "Der Verwaiser" beschließt die Ruhrfestspiele

Von Stefan Keim

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Im Zentrum von Peter Brooks Inszenierung steht das Küssen - und die seltsamen Geräusche, die es macht.  (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)
Im Zentrum von Peter Brooks Inszenierung steht das Küssen - und die seltsamen Geräusche, die es macht. (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)

Er wird immer karger und purer, je älter er wird: Peter Brooks Inszenierung des "Verwaisers" ist eine knappe Stunde des Innehaltens, eine Gratwanderung zwischen Langeweile und Weisheit. Die ihm aber ausnehmend gut gelingt.

Weniger geht kaum. Die Aufführung dauert nur 50 Minuten, die einzige Schauspielerin liest den Text, das Bühnenbild besteht aus drei Leitern. Regisseur Peter Brook hat mit "Der leere Raum" nicht nur eins der wichtigsten Theaterbücher des 20. Jahrhunderts geschrieben, er bleibt seinen Ideen auch im Alter von 88 Jahren treu. Er wird eher noch stiller, karger, purer.

Die Deutschlandpremiere von Samuel Becketts "Der Verwaiser" ist die letzte Premiere der diesjährigen Ruhrfestspiele.

Peter Brook, der kleine Mann mit den klaren blauen Augen und den gestochen scharf formulierten Gedanken, reiste kurzfristig doch nicht nach Recklinghausen. Schuld war der Streik bei Air France. Doch die Schauspielerin Miriam Goldschmidt, die seit 42 Jahren mit Brook im Centre International de Recherche Théatrale am Pariser Theater Bouffes du Nord arbeitet, hat seine Philosophie aufgesogen und sich zu eigen gemacht. Sie nähert sich Becketts rätselhaftem, lyrisch dichtem Text voller Respekt, lesend, wie es der Autor für Aufführungen wünschte, stockend, fragend, in kurzen Momenten spielerisch.

Es geht um Menschen, die in einem Zylinder eingesperrt sind, in schummrigem Licht, bei heftig schwankenden Temperaturen. Sie hören nicht auf, sich zu küssen, was seltsame Geräusche verursacht. Manche klettern auf Leitern in etwas höher angebrachte Nischen. Dort können sie dem Gedränge für kurze Zeit entfliehen. Wenn die Menschen zusammen arbeiten würden, könnten sie über die Leitern den Zylinder verlassen. Doch dazu sind sie nicht in der Lage.

Miriam Goldschmidt interpretiert diesen Text nicht, ebenso wenig wie Peter Brooks Inszenierung. Sie stellt ihn einfach zur Diskussion, in seiner Sprödigkeit, seinem funkelnden Grau mit Augenblicken düsteren, vielleicht sogar tröstenden Humors. Ein Musiker begleitet sie mit atmosphärischen Klängen auf verschiedenen Glockenspielen.

"Der Verwaiser" ist eine knappe Stunde des Innehaltens, ein Abend, der viele Anforderungen ans Theater verweigert und mit einfachen Mitteln eine eigene Welt erschafft. Der Grat zwischen Langeweile und Weisheit ist zwar ziemlich schmal, doch es beeindruckt, wie konsequent Peter Brook seinen Weg verfolgt und das Theater immer wieder auf seine Ursprünge zurück führt.

Becketts Text ist eine Absage an jede Utopie. Ihn an den Schluss eines Festivals zu setzen, dessen Thema "Aufbruch und Utopie" war, ist dramaturgisch klug gedacht. Sonst boten die Ruhrfestspiele wieder die gewohnte Wundertüte mit vielen Klassikern von der missglückten "Hedda Gabler" mit Nina Hoss zu Beginn über Wedekind, Hauptmann zu Karl Schönherrs "Weibsteufel" mit der großartigen Birgit Minichmayr.

Der Verkauf lief bombig, diese Ruhrfestspiele gehören zu den bestbesuchten in der Geschichte des Festivals. Ein Profil ist zwar wieder nicht zu erkennen, manchmal kamen gleich mehrere neue Stücke an einem Tag heraus. Die Ruhrfestspiele sind ein riesiger Durchlauferhitzer vom Metropolentheater zu Off-Bühnen, von literarischen Matineen über ein Projekt mit psychisch Kranken bis zu Late-Night-Kabarett.

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