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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.12.2007

Fundgrube für Johnson-Fans

Uwe Neumann (Hrsg.): Johnson-Jahre. Zeugnisse aus sechs Jahrzehnten. Suhrkamp Verlag/ Frankfurt am Main 2007. 1270 Seiten

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Die Schriftsteller Max Frisch, links, und Uwe Johnson, rechts (AP Archiv)
Die Schriftsteller Max Frisch, links, und Uwe Johnson, rechts (AP Archiv)

Wer Uwe Johnsons Literatur liebt und schätzt, erhält jetzt mit Uwe Neumanns Anthologie "Johnson-Jahre" ein umfassendes Kompendium zu Leben und Werk des Autors an die Hand. Johnson wird im Urteil seiner Zeitgenossen und seine Wirkung auf seine Leser und Kollegen in Briefen und Rezensionen dargestellt.

Natürlich handelt es sich bei dem Titel von Uwe Neumanns Anthologie Johnson-Jahre um eine Anspielung auf Uwe Johnsons Klassiker Jahrestage. An seinem 1700 Seiten umfassenden Meisterwerk, das in vier Bänden erschien, arbeitete Johnson dreizehn Jahre. Der erste Band erschien 1970, der letzte 1983. Im Februar 1984 starb Johnson im Alter von neunundvierzig Jahren in Sherness on sea.

Während Uwe Johnson in den Jahrestagen aus dem Leben von Marie und Gesine Cresspahl in der Zeit zwischen dem 20. August 1967 und dem 20. August 1968 erzählt, umfassen Neumanns Johnson-Jahre den Zeitraum zwischen 1956 und 2002. Die zeitlichen Zäsuren werden durch den Beginn der Arbeit am Roman Ingrid Babendererde und den Tod seines Verlegers Siegfried Unseld markiert.

Uwe Neumann hat chronologisch und für jedes Jahr des Zeitraumes Äußerungen von Kollegen, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Kritikern zu Uwe Johnson und seinen Texten gesammelt. Durch diese umfangreiche und sehr verdienstvolle Dokumentation ist es möglich, das Werk aus dem jeweiligen zeithistorischen Kontext zu erschließen.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen, hat die literarische Öffentlichkeit sofort nach dem Erscheinen der Mutmaßungen über Jakob (1959) bemerkt, welches außergewöhnliche Talent mit Uwe Johnson den literarischen Markt betritt. Hans Magnus Enzensberger kommentierte Johnsons Debüt so:

"Es ist hier das Erscheinen des ersten deutschen Romans nach dem Krieg anzuzeigen, das heißt des ersten Romans, der weder der west- noch der ostdeutschen, sondern einer Literatur angehört, für die unsere Verwaltungssprache die groteske Bezeichnung 'gesamtdeutsch‘ bereithält."

Neben den Einlassungen auf seine Texte enthält Neumanns Anthologie aber auch Aussagen über die Persönlichkeit des Autors. Hans Erich Nossack schreibt 1959 über den 1934 in Cammin geborenen Autor:

"Sehr sympathisch. Eckiger mecklenburgischer Bauernjunge. Noch ganz naiv, was die Mache innerhalb des Literaturbetriebes angeht."

Dass der sympathische junge Mann durchaus auch ein schwieriger Zeitgenosse sein konnte, weiß man aus den Erinnerungen von Freunden und Bekannten. Durch Neumanns Anthologie wird das Bild von Uwe Johnson noch differenzierter. Aus dem umfangreichen Material, aus der Vielzahl der Stimmen, die sich zu Uwe Johnson geäußert haben, bekommt das Bild des Autors sehr genaue, sehr deutliche Konturen.

Diese Anthologie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Fundgrube. Uwe Neumann bereichert durch diese Fleißarbeit nicht nur die Johnson-Forschung, sondern er gibt den vielen Johnson-Lesern zugleich eine spannende Lektüre in die Hand. Immer wieder macht man überraschende Entdeckungen. Dazu dürfte auch die Antwort Martin Heideggers auf Hannah Arendts Empfehlung gehören, Uwe Johnson zu lesen. Im Februar 1972 antwortet er ihr:

"Uwe Johnson kenne ich nur dem Namen, den Buchtiteln und dem Bild nach. Dicke Bücher lesen wir beide nicht mehr, danken Dir aber, dass Du an uns gedacht hast."

Heidegger steht mit seiner distanzierten Haltung Johnson gegenüber nicht allein, wie den Antworten von verschiedenen Gegenwartsautoren zu entnehmen ist, die unter dem Kapitel "Uwe Johnson heute" versammelt sind. Darin äußert Thomas Lehr:

"Leider muss ich gestehen, im Falle Johnson so ignorant zu sein, dass ich noch nicht einmal weiß, ob es mir leid tun sollte, so ignorant zu sein."

Doch es überwiegen die Stimmen, die Johnson immer wieder lesen. Zu ihnen zählen u.a. Michael Lentz, Ulrich Peltzer, Christoph Peters und Silke Scheuermann oder Ingo Schulze. Michael Kumpfmüller drückt seine Zuneigung zu Johnson so aus:

"Ach so, ach ja: Der Herr Johnson. Scheint neuerdings nicht viel zu Hause zu sein, der Herr Johnson. Wahrscheinlich sitzt er wieder mal in seinen geliebten Steinbrüchen, den deutschen, schlimmen, den unerschöpflichen, und hämmert und meißelt: Sätze, die bleiben. Ein Protestant im Geiste, allerdings. Humor: Na ja. Aber er lebt. Er wird nicht alt. Gelesen soll er sein und wird es, wollen wir hoffen; wir haben ihn nötig."

Dass uns Uwe Neumann diesen Autor, den wir "nötig" haben, durch seine Anthologie näher bringt, ist eine Leistung, die uneingeschränktes Lob verdient.

Rezensiert von Michael Opitz

Uwe Neumann (Hrsg.): Johnson-Jahre. Zeugnisse aus sechs Jahrzehnten.
Suhrkamp Verlag/ Frankfurt am Main 2007
1270 Seiten. 48,00 EUR.

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