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Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.05.2010

Fundamente des Vertrauens erschüttert

Podien zum "Sexuellen Missbrauch" beim Kirchentag

Bettina von Clausewitz

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Die Bekanntmachung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg brachte die Debatte ins Rollen.  (AP)
Die Bekanntmachung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg brachte die Debatte ins Rollen. (AP)

Mit Spannung wurden zwei nachträglich ins Programm des Ökumenischen Kirchentags in München aufgenommene Podien zum Thema "Sexueller Missbrauch" erwartet: in der ersten Runde mit dem Blick auf die Gesellschaft allgemein, in der zweiten mit klarem Fokus auf die katholische Kirche. Hier wurde auch deutlich, wie stark die Emotionen in dieser Debatte sind.

Tumult vor der Bühne gleich zu Beginn des hochkarätig besetzten Podiums über "Sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche": Ein Mann stürmt nach vorn, kritisiert die Veranstaltung als Lügentheater und fordert die Opfer zu hören, die tatsächlich nicht auf dem Podium vertreten sind. Er selbst ist Sprecher einer solchen Initiative. Journalisten, Ordner – schnell ist der Protestant von einer Menschentraube umringt. Er solle die Diskussion ermöglichen, fordert die Moderatorin mehrfach. Und mehrfach erhält sie dafür Applaus von den rund 6000 Zuhörern im voll besetzten Messesaal – das Kirchentagspublikum will hier die Verantwortlichen hören. Den Rektor des Berliner Canisius-Kollegs Klaus Mertes etwa, der die Debatte ins Rollen gebracht hatte. Sein Statement zielt auch auf den Kritiker vor der Bühne:

"Viele von den Opfern wollen mit den Tätern eigentlich gar nichts mehr zu tun haben, sie wollen ihr Verhältnis zur Institution klären. Und deswegen muss die Institution sprechen und deswegen stehe ich auch hier. Denn in dieser Situation muss die angesprochene Institution eine Grundentscheidung treffen – und zwar darüber, wie sie den Opfern gegenübertreten will, statt abzutreten. Ich solidarisiere mich nicht mit den Opfern gegen die Institution, sondern ich spreche als Vertreter der Institution zu den Opfern, damit sie hören können: Ja, ihr seid, wenn ihr mit mir sprecht, an der richtigen Adresse!"

Einer der wichtigster Ansprechpartner der Institution ist derzeit der Beauftragte der katholischen Kirche für Missbrauchsfälle, der Trierer Bischof Stefan Ackermann, der auch die Leitlinien der Kirche von 2002 bis zum Sommer neu bearbeiten soll. Das Vertrauen vieler Menschen sei "grauenvoll missbraucht worden" und ihr Gottesbild zutiefst erschüttert, räumt Ackermann ein, der von einer Aufarbeitung "der jüngsten schmerzlichen Kirchengeschichte" spricht. Unerwartet zeigt er Verständnis für den hartnäckigen Zwischenrufer vor der Bühne:

"Ich bin ziemlich erschrocken über Verlauf der Veranstaltung bisher, nicht so sehr wegen dem kleinen Zwischenfall hier vorne, sondern weil ich den Eindruck habe, dass der Mann, der eben gerufen hat, doch recht hat! Wir sprechen jetzt plötzlich über Institution vor allen Dingen, über Kirche, über Veränderungen in der Kirche, über Machtmissbrauch, über Sexualmoral, aber ich hab doch den Eindruck, dass jetzt plötzlich die Opfer aus dem Blick geraten. Plötzlich geht's um Kirche und Kirchenpolitik, aber die Opfer, die kommen jetzt hier in dem Sinne nicht zum Tragen." (Pfiffe und Buhrufe)

Pfiffe und Buhrufe für den Bischof gleichermaßen, der Versäumnisse einräumt und von Prävention spricht. Andere Redner wie Klaus Mertes und der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller nutzen die große Öffentlichkeit, um den Finger auf viele andere Wunden zu legen, die den Missbrauch begünstigt haben: eine Kirche, die von Männern dominiert wird, fehlende innerkirchliche Transparenz und Angst vor Repressalien sowie die Tabuisierung von Sexualität. Durch das Bekanntwerden all der Missbrauchsfälle sei endlich "ein Ruck durch die Kirche gegangen", sagt Wunibald Müller:

"Was wir im Moment augenblicklich in der katholischen Kirche erleben, ist so ungeheuerlich, erschüttert die Kirche so sehr in ihren Festen, dass eine angemessene Reaktion darauf nicht in irgendeiner Kosmetik bestehen kann, sondern fundamentaler Art sein muss. Es gibt individuelle Sünden und es gibt strukturelle Sünden – und beide Formen von Sünden müssen wir im Blick behalten. Und die fühlbare Anwesenheit Gottes in so vielen Opfern sexuellen Missbrauchs sind Provokation und Einladung zugleich für die katholische Kirche, sich einem Läuterungsprozess zu unterziehen, an dessen Ende sie selbst freiwillig in die Knie geht, nachdem sie zunächst durch den öffentliche Aufschrei in die Knie gehen gezwungen worden ist."

Aber die Missbrauchsthematik ist nicht nur ein katholisches Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Deshalb hatte der Kirchentag ein zweites Podium mit dem Fokus Gesellschaft organisiert, das ebenfalls engagiert, aber wesentlich ruhiger ablief. Viel Zustimmung bekam dort die Leiterin des Beratungszentrums Zartbitter in Köln, Ursula Enders:

"Ich bin einfach empört, dass die Oberen von Staat und Kirche nicht mit Betroffenen reden. Welcher Bischof hat in den letzten Monaten wirklich Gespräche mit Betroffenen gehört? Sie delegieren es nach unten, sie delegieren es an uns Beratungsstellen. Aber wer setzt sich mit dem Leid auseinander? Genauso wenig wie unsere Familienministerin, die noch nicht mal bereit ist, mit Müttern und Vätern betroffener Kinder zu sprechen. Sie hat mir darauf nicht geantwortet, als ich sie dazu eingeladen habe."

Enders und die anderen Experten aus Justiz, Beratung und Therapiearbeit kritisierten: Es gebe zu wenig Unterstützungs- und Therapieangebote für die betroffen Kinder und ihre Familien. "Das ist als wenn ein Kind auf der Autobahn angefahren wird und keiner kümmert sich", beschrieb Ursula Enders die Unterversorgung. Eine automatische Anzeige aller Fälle dagegen wurde in der Expertenrunde eher mit Zurückhaltung gesehen. Die Opfer müssten selbst entscheiden und dürften durch die Öffentlichkeit nicht erneut verletzt werden. Mehr Aufklärung, mehr Beratungsstellen und bessere Prävention, das ist auch das Anliegen der im April eingesetzten Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Christine Bergmann. Sie will den neuen runden Tisch aktiv nutzen:

"Natürlich muss dann ein entsprechendes Hilfesystem da sein. Es kann doch nicht sein, dass wir so eine Aufgabe sozusagen auf ehrenamtlicher Basis machen. Das sind doch Leistungen, die eine Gesellschaft erbringen muss. Es hat doch keinen Sinn, dass wir uns drüber unterhalten zu sagen, wie schrecklich das alles ist, gerade am runden Tisch, und dann gehen wir alle nach Hause und sagen: Tut uns leid, aber Geld ist nicht da!"

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