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Frühkritik | Beitrag vom 13.12.2019

Fuminori Nakamura: "Der Revolver"Macht eine Waffe zum Mörder?

Von Sonja Hartel

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Das Buchcover zeigt einen Revolver. (Cover: Diogenes / Collage: Deutschlandradio)
"Der Revolver" war der Debütroman von Fuminori Nakamura, jetzt ist er als drittes Buch auf Deutsch erschienen. (Cover: Diogenes / Collage: Deutschlandradio)

In Japan feiert Fuminori Nakamura große Erfolge, jetzt ist sein dritter Krimi ins Deutsche übersetzt worden: "Der Revolver" ist das Porträt eines Mörders als junger Mann. Eine Waffe wird zum Ausgangspunkt für eine psychologische Studie.

Ein Student stößt an einem regenassen Tag in Tokio unter einer Brücke auf einer Leiche. Daneben liegt ein Revolver. Der junge Mann steckt ihn ein. Für ihn verändert sich dadurch alles, plötzlich ist er gut gelaunt, voller Energie und genießt das Wissen um die Waffe und ihre Möglichkeiten: "Eines Tages würde ich den Revolver benutzen. Daran zweifelte ich keine Sekunde mehr."

Aus dieser denkbar einfachen Ausgangssituation entwickelt der japanische Schriftsteller Fuminori Nakamura in "Der Revolver" die faszinierende Geschichte des Studenten Nishikawa, der sich der Faszination für den Lawman MK III 357 Magnum CTG nicht entziehen kann. Er reinigt die Waffe, versteckt sie in seiner Wohnung, freut sich, zu ihr zurückzukehren und sie zu betrachten. Immer wieder poliert er sie, kauft Seidentücher, um ihre Schönheit herauszustellen, und fragt sich sogar, ob er nun Sex mit einem Mädchen haben – oder lieber zu seinem Revolver heimkehren sollte.

Ein Yakuza-Mord wird vermutet

Der Obsession des Ich-Erzählers Nishikawa fügt Nakamura innere und äußere Bedrohungen hinzu: Durch den Revolver ist ein Mensch gestorben, die Polizei vermutet in offiziellen Stellungnahmen einen Yakuza-Mord. Doch da keine Waffe am Fundort der Leiche entdeckt wurde, fehlt indes ein entscheidender Beweis – und schließlich gerät auch Nishikawa in das Visier eines Ermittlers. Der Besitz eines Revolvers bedeutet außerdem, "dass jeder Tag von der Möglichkeit seines Gebrauchs aufgeladen war, bis irgendwann der richtige Zeitpunkt gekommen sein würde, um abzudrücken." Früh fantasiert Nishikawa, wie er die Waffe einsetzt – erst in alltäglichen Situationen, dann malt er sich aus, wie er eine Frau erschießt: "Ein Mann ginge auch, doch mir fiel zuerst eine wildfremde Frau ein, schlank und mit langem Haar."

Nishikawa geht es um die Macht, die der Revolver ausstrahlt, und je mehr er von sich erzählt, desto deutlicher wird seine Rastlosigkeit, Getriebenheit, werden die Widersprüche in seinem Verhalten. Dadurch entsteht das Bild eines Studenten, der allenfalls begrenzt empathisch ist und aus dem Kontakt mit anderen Menschen nur wenig Bedürfnisbefriedigung bezieht.

Nakamuras Debüt als Krimiautor

"Der Revolver" ist das Debüt von Fuminori Nakamura, der hierzulande mit "Der Dieb" und "Die Maske" bereits einigen Erfolg hatte. In dieser spannenden, schlanken Geschichte ist bereits angelegt, was seine späteren Romane auszeichnet: eine faszinierende Figurenzeichnung, vielseitige literarische Anspielungen und Deutungsmöglichkeiten, gekonntes Austarieren der Spannungskurve sowie ein Hauch Noir, der mit surrealen Momenten verbunden ist. Zugleich wirft er eine gesellschaftspolitisch und psychologisch interessante Frage auf: Verführt allein der Besitz einer Waffe zur Tat?

Fuminori Nakamura: "Der Revolver"
Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg 
Diogenes 2019
192 Seiten,  18,99 Euro

Fuminori Nakamuras "Der Revolver" stieg im Dezember in die Krimibestenliste auf und landete dort auf Platz 6.

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