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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.04.2012

Fuld: DDR-Literatur war nur "Lebenshilfe"

Literaturkritiker provoziert mit abwertenden Äußerungen zu den Werken von Christa Wolf und Heiner Müller

Werner Fuld im Gespräch mit Frank Meyer

Christa Wolf im Januar 1978: Ihre Bücher würden "in Kürze vergessen" sein, prophezeit Werner Fuld (dpa / picture alliance / Schilling)
Christa Wolf im Januar 1978: Ihre Bücher würden "in Kürze vergessen" sein, prophezeit Werner Fuld (dpa / picture alliance / Schilling)

Die Zensur in der DDR habe die Veröffentlichung ästhetisch wertvoller Literatur verhindert, behauptet Werner Fuld, der Autor von "Das Buch der verbotenen Bücher". Was dort erscheinen durfte, sei "vollkommen konform" mit den Vorstellungen der herrschenden Klasse gewesen.

Frank Meyer: Eines der bekanntesten verbotenen Bücher unserer Zeit ist "Mein Kampf" von Adolf Hitler. Der Autor und Kritiker Werner Fuld hat in diesem Frühjahr eine Universalgeschichte der verbotenen Bücher herausgebracht. Bei einer Veranstaltung im Berliner Brecht-Haus hat Werner Fuld vor Kurzem mit seiner Auffassung provoziert, was in der DDR mit offizieller Genehmigung veröffentlicht werden durfte, das verdiene nicht die Bezeichnung Literatur. Die eigentliche Literatur der DDR wäre das gewesen, was nicht erscheinen durfte in diesem Land. Werner Fuld ist jetzt in Hamburg für uns im Studio, seien Sie herzlich willkommen!

Werner Fuld: Ich danke Ihnen!

Meyer: Herr Fuld, also: Die Stücke von Heiner Müller, die Romane von Christa Wolf, die Bücher von Franz Fühmann, die Gedichtbände von Sarah Kirsch, die in der DDR erschienen sind, das ist für Sie alles keine Literatur?

Werner Fuld (dpa / picture alliance / Klaus Franke)Werner Fuld (dpa / picture alliance / Klaus Franke)Fuld: Die Zensur, durch die diese Texte gegangen sind, bringt eine ganz bestimmte Art von Literatur hervor, und die ist nicht vergleichbar mit der Literatur, die zur gleichen Zeit in anderen westeuropäischen Ländern erschienen ist. Sie ist eindimensional und sie kann natürlich ganz bestimmte Probleme nicht behandeln, und sie kann ganz bestimmte Formen nicht annehmen. Deswegen verdient sie nicht den Namen Literatur in dem Sinne, wie wir die westeuropäische Literatur …

Meyer: … wie der westeuropäische Standard ist – ich verstehe. Lassen Sie uns ein Beispiel anschauen: Franz Fühmanns Essay "Vor Feuerschlünden oder Sturz des Engels", er hatte zwei Titel. In diesem Buch hat er sich abgearbeitet wie kaum jemand anders in seinen historischen Irrtümern im Nationalsozialismus, in der DDR. Es ist eine radikale Selbstbefragung, ein wirklich antitotalitäres Buch. Diese Offenheit hätte man anderen, zum Beispiel einem Günter Grass im Umgang mit seiner Waffen-SS-Geschichte, nur gewünscht. Das Buch hat viele in der DDR angeregt, auf Abstand zu diesem System zu gehen. Und da sagen Sie, das ist keine Literatur?

Fuld: Na ja, es ist keine Belletristik. Das ist ja nun was ganz anderes.

Meyer: Es ist ein Essay.

Fuld: Ja, das ist ein Essay, ein bewundernswerter Essay übrigens, und man bekommt ja immer zu hören, ja die DDR-Literatur – also Christa Wolf zum Beispiel –, das hat mir sehr viel gegeben, das hat mir geholfen, mein eigenes Leben zu bewältigen. Nur Lebenshilfe ist keine ästhetische Kategorie, und in diesem Sinn meine ich eben, dass es sich um eine ganz andere Art von Literatur handelt.

Meyer: Gut, wenn Sie über diese Kategorie reden wollen, dann sind die Bücher von Heinrich Böll auch keine Literatur, weil das sind auch keine ästhetisch avancierten Werke.

Fuld: Ich würde mal sagen, es ist schlechte Literatur.

Meyer: Was machen Sie zum Beispiel wie mit einem Fall des berühmten Dissidentenbuches "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" von Alexander Solschenizyn, das ist 1962 und 1963 in der Sowjetunion erschienen, weil es da gerade in die vorsichtige Distanzierung vom Stalinismus passte. Später wurde das Buch dann wieder verboten, Solschenizyn wurde rausgeschmissen aus der Sowjetunion, aber das Buch durfte eben einmal erscheinen.

Fuld: Ja, ich behandle den Fall ja ganz ausführlich in meinem Buch. Das ist nun ein Glücksfall: Es passte in die Tauwetterperiode, Solschenizyn wurde kurzfristig ein Bestsellerautor – das ist ein ganz großartiges Buch –, nur in dem Moment, wo sich die politischen Verhältnisse ändern und wieder die Eiszeit einsetzt, wird er verboten.

Meyer: Ja, und das Buch ist ein schlechtes Buch, weil es einmal erscheinen durfte?

Fuld: Nein. Keineswegs, das Buch ist ein wirklich – ich wiederhole – ein ganz großartiges Buch. Es ist unter Bedingungen entstanden, in denen Solschenizyn schreiben konnte, was er wollte, er wurde nicht zensiert.

Meyer: Ihr Literaturbegriff hat ja jetzt die ironische Volte, dass Sie sich im Prinzip die Maßstäbe der DDR-Zensur zu eigen machen, nur eben andersherum: Die haben damals gesagt, wir definieren, was Literatur ist. Sie sagen jetzt, die haben genau definiert, was nicht Literatur ist. Ist Ihnen das nicht unangenehm, dass Sie dann mit den gleichen Maßstäben messen wie die DDR-Zensur?

Fuld: Nein, überhaupt nicht. Ich finde das wirklich sehr ironisch. Im Übrigen ist ein Großteil der DDR-Literatur ja inzwischen verschwunden. Man redet überhaupt nicht mehr davon, und das ist ja auch ein Zeichen, dass es …

Meyer: Das tun Sie vielleicht nicht, Herr Fuld. Ich kenne viele andere Leser, die das genau tun.

Fuld: Ich kenne überhaupt keinen, der heute noch Christa Wolf oder was ähnliches liest.

Meyer: Nach dem Tod von Christa Wolf hatten wir hier im Radio, im Deutschlandradio Kultur, sehr viele Zuschriften, Wortmeldungen von Hörern, die uns gesagt haben, dass sie die Bücher von Christa Wolf sehr hoch einschätzen. Also es waren eben nicht nur die Nachrufe, bei denen man gnädig umgeht mit einem Verstorbenen, sondern auch viele Reaktionen von Lesern.

Fuld: Und es waren mit Sicherheit auch viele Leser aus der Bundesrepublik dabei, denn in der Bundesrepublik ist Christa Wolf in der Frauenbewegung auch sehr geschätzt gewesen.

Meyer: Und trotzdem keine wertvolle Literatur für Sie?

Fuld: Sie wird in Kürze vergessen sein.

Meyer: Lassen Sie uns noch auf ein Phänomen der Nachkriegszeit schauen: Damals waren ja viele exilierte Autoren in der Bundesrepublik überhaupt nicht willkommen, auch ihre Bücher nicht. Alfred Döblin zum Beispiel – sein Roman "Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende", der konnte anfangs nur in der DDR erscheinen. Ist es jetzt, weil es in der DDR gedruckt wurde, ein schlechtes Buch?

Fuld: Überhaupt nicht. Ich erinnere an Lion Feuchtwanger, der in der Bundesrepublik auch nicht gedruckt wurde und der nur in der DDR gedruckt wurde, und erst zu seinem 100. Geburtstag in der Bundesrepublik wieder neu entdeckt worden ist. Es ist ein ganz großer Verdienst der DDR, diese Autoren wachgehalten zu haben im Bewusstsein der Leser, und die Bundesrepublik war wirklich so verstockt und so blöde, sich dieser Autoren zu verweigern, nur weil sie in der DDR gedruckt wurden. Deswegen hat der …

Meyer: Aber das ist doch genau Ihr Argument, Herr Fuld: Alles, was in der DDR gedruckt wurde, weil es dort erscheinen durfte, ist keine Literatur, die irgendeinen Wert hat. Jetzt wiedersprechen Sie sich doch gerade.

Fuld: Nein, überhaupt nicht. Ich rede von der DDR-Literatur, das heißt, die Literatur, die in der DDR entstanden ist. Lion Feuchtwangers Romane oder Döblins Romane sind ja im Exil entstanden und sind in der DDR dann wieder neu aufgelegt worden. Übrigens hat Lion Feuchtwanger auch Konzessionen gemacht: In dem Roman "Erfolg" fehlt eine, na, sagen wir mal, eine halbe Seite mit Aufzählungen der Geschehnisse in der Sowjetunion, die konnte in der DDR nicht erscheinen, weil er sich da kritisch mit einigen Prozessen auseinandersetzte. Das hat er geduldet, damit der Roman überhaupt erscheinen konnte. Aber sonstige Veränderungen gab es nicht. Und ich weiß, dass Arnold Zweig, das schreibt er auch an Lion Feuchtwanger, dass er jetzt in seinem Romanen, die jetzt wieder neu aufgelegt werden in der DDR, ein paar "ideologische Irrtümer" bereinigen muss. Also die waren sich der Situation schon bewusst, dass sie innerhalb einer anderen Gesellschaftsordnung veröffentlichten. Nur sie waren so prominent, dass sie sich sicher sein konnten, dass ihre Bücher nicht entstellt werden.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sprechen mit Werner Fuld über die Maßstäbe seines Buches "Das Buch der verbotenen Bücher – Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute". Gilt denn dieser Maßstab, den Sie anlegen, auch über die DDR hinaus? Die guten Bücher sind immer die, die verboten werden, wo man versucht, die Bücher zu unterdrücken?

Fuld: Selbstverständlich, das gilt in allen Ländern.

Meyer: Dann schauen wir doch mal durch die Literaturgeschichte, zum Beispiel "Moby Dick", Herman Melville, zuerst verboten?

Fuld: Wo war der verboten?

Meyer: Ja, ich frage Sie, weil Sie sagen, die guten Bücher sind zuerst verboten?

Fuld: Nein, Sie können ja nicht den Umkehrschluss ziehen, dass die Bücher, die erscheinen konnten, generell schlecht sind.

Meyer: Ja, Sie scheinen diesen Schluss zu ziehen.

Fuld: Nein, überhaupt nicht. Das ist ein ganz großes Missverständnis von Ihnen, das wäre ja viel zu vereinfacht.

Meyer: Ja, im Bezug auf die sozialistischen Länder schließen Sie ja genau diesen vereinfachten Schluss, dass alles, was verboten wurde, die bessere Literatur ist, und alles, was erscheinen durfte, literarisch nichts wert ist.

Fuld: Das ist doch aber vollkommen klar, dass die Literatur, die nicht erscheinen durfte, ganz bestimmte Fragen gestellt hat, ganz bestimmte Formprobleme aufgeworfen hat, und dass sie ihrer Zeit weiter voraus war als die Bücher, die erscheinen durften. Allein deshalb ist sie einfach die bessere Literatur. Und ein Buch, das erscheinen durfte, nur weil es vollkommen konform mit den gesellschaftspolitischen und ästhetischen Vorstellungen der herrschenden Klasse ist, das kann keine besonders gute Literatur sein.

Meyer: Ich habe leider den Eindruck, dass Sie keine Kenntnis haben von den Literaturverhältnissen in der DDR. Es gab eine Unmenge von Büchern, die DDR-Leser ermutigt haben, sich gegen dieses System zu stellen. Ich weiß, weil ich selber dabei war, dass bei den Demonstranten im Oktober 1989 sehr viele von den Büchern von Christa Wolf, von Heiner Müller, ermutigt waren, sich gegen dieses System zu stellen. Und da sagen Sie, dass diese Bücher überhaupt nichts in diese Richtung hätten beitragen können. Das finde ich ziemlich absurd, Herr Fuld.

Fuld: Ich sage noch mal: Das, was Sie beschreiben, ist Lebenshilfe. Lebenshilfe ist keine ästhetische Kategorie.

Meyer: Vermittelt über Literatur, darum geht es doch, dass Bücher einem diese Erfahrungen möglich machen, durch die ästhetische Form, durch die Art der Gestaltung. Wir reden nicht über Pamphlete, wir reden über Romane, Erzählungen, Theaterstücke, die Menschen diese Erfahrung zugänglich gemacht haben, von Subjektivität, von Widerständigkeit. Das wäre doch nicht in diese Leser eingedrungen, wenn das Zeitungsartikel gewesen wären.

Fuld: Zeitungsartikel hätten in dieser Form ja gar nicht erscheinen können.

Meyer: Ja, natürlich nicht.

Fuld: Ja, aber deswegen ist es doch noch keine gute Literatur. Es ist wirkungsvoll gewesen, ja, selbstverständlich. Aber es ist doch noch keine ästhetisch anspruchsvolle Literatur.

Cover Werner Fuld: "Das Buch der verbotenen Bücher" (Galiani Verlag)Cover Werner Fuld: "Das Buch der verbotenen Bücher" (Galiani Verlag)Meyer: Werner Fuld hat ein "Buch der verbotenen Bücher" herausgebracht, eine Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute, erschienen im Galiani Verlag mit 352 Seiten. Für 23 Euro können Sie dieses Buch kaufen. Herr Fuld, vielen Dank für das Gespräch.

Fuld: Gerne, danke.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema auf dradio.de:
Von Scheiterhaufen bis FSK - Werner Fuld: "Das Buch der verbotenen Bücher", Galiani Verlag, Berlin 2012, 352 Seiten (Kritik, DKultur)

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