Fürs Leben lernen

Von Silvia Plahl · 25.06.2007
Chemie, Physik, Mathematik - was man in der Schule lernt und davon im späteren Leben braucht, kann mehr sein, als mancher Schüler glaubt. Auf die Vermittlung kommt es an. Und wenn die nicht nur aus den Lehrbüchern kommt, sondern einen lebensnahen Bezug hat, bleibt der Stoff länger hängen.
"... So ein bisschen vorsichtig hier mit den Kabeln …"

Es ist kurz nach neun. Die ersten Schüler schlendern in den Klassenraum.

"Ja, so richtig … Wenn die kein Interesse an Mathematik haben, schaff ich das heute auch nicht ... Also insofern vertrau‘ ich Herrn Doktor Möller, dass hier die Interessierten schon mal sind. Aber natürlich muss ich auf die eingehen und die für dieses Thema dann natürlich auch begeistern heute."

"So, einen schönen guten Morgen – heute eine neue Runde: Miet den Prof. – wir begrüßen Herrn Professor Ortmann, von der Technischen Fachhochschule ...."

Mathematik-Lehrer Dr. Manfred Möller hat Mathematik-Professor Dr. Michael Ortmann in die Schule eingeladen. Die Schüler wählten das Thema: Spieltheorie.

"Ja, ich freu mich auch, dass ich hier sein kann. Vielen Dank für die Einladung Herr Doktor Möller ..."

"Frauen und Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs" nennt der Professor seinen Vortrag. Ein plakativer Titel. Für eine mathematische Theorie.

"Jeder von Ihnen hat wahrscheinlich schon mal von der Spieltheorie im Allgemeinen gehört, sei es im Rahmen von Gesellschaftsspielen wie Schach, Mensch ärgere dich nicht oder Glücksspielen wie Roulette. Ganz allgemein ist die Spieltheorie die Analyse rationalen Verhaltens."

Professor Ortmann ist ein lockerer Typ. 39 Jahre jung. Blond. In Jeans und Jackett.

"Dann möchte ich Ihnen die mathematischen Modelle in der Spieltheorie näherbringen. Wie man also rangeht, Verhalten mathematisch abzubilden, in die Sprache der Mathematik zu übersetzen. Ja und letztendlich wollte ich Ihnen dann spieltheoretische Lösungskonzepte vorstellen, was man also mit solchen Modellen machen kann und wie man diese analysiert."

Finanz-, Versicherungs- und Wirtschaftsmathematik sind Ortmanns Spezialgebiete. In der Spieltheorie hat er promoviert. Ein Teilbereich der Wirtschaftsmathematik.

"Immer dann, wenn mehrere Spieler, mehrere Unternehmen oder mehrere Gruppen aufeinander treffen mit verschiedenen Zielen. Dann kommt die mathematische Spieltheorie zu Hilfe, um das rational zu analysieren."

Laptop und Beamer sind an ...

"... und das ist das Spiel des Geschlechterkampfes."

Endlich eröffnet der Professor das Szenario: Das Paar Betti und Axel ist im Entscheidungskonflikt – sie möchte ins Ballet gehen, er lieber zum Boxkampf. Mehrere Varianten sind nun möglich … Sie setzt sich durch, er bleibt stur, sie gibt nach … Dargestellt in Smileys und Kussmund, die Michael Ortmann an die Wand beamt.

"Für mich ist spannend einerseits die Thematik als solche, zum anderen die Reaktion der Schüler da drauf: Wie nehmen die Schüler das wahr? Lassen sie es nur über sich ergehen oder sind sie daran interessiert?"

Schüler ab der 11. Klasse sitzen hier zusammen. Sie besuchen das Oberstufenzentrum Kommunikations-, Informations- und Medientechnik in Berlin. Eine beruflich orientierte Oberschule mit Gymnasium. Lehrer Dr. Möller hatte schon einige Professoren hier zu Gast.

"Man lernt auch mal Leute kennen, die auf ner anderen Ebene unterrichten ... Dort ist ein höheres Maß an Selbstständigkeit erforderlich, wahrscheinlich ist der intellektuelle Anspruch auch noch ein bisschen höher, dass das einfach für die Schüler denk ich mal wichtig ist, das auch schon mal zu erleben."

"Und der Axel hat mir dann gesagt, der bewertet den Kussmund oben links mit ner 3 von minus 10 bis plus 10. Das heißt, wenn er ins Ballett geht und die Betti geht auch ins Ballett, dann bewertet er es mit 3, immerhin schon besser als neutral. Und wenn er aber in den Boxkampf geht, dann bewertet er das mit ner 1, wenn die Betti nämlich nicht mitkommt."

Der Mathe-Prof. steht an der Tafel und übersetzt die Konfiktsymbole seines Protagonistenpaares in Zahlen: auf einer Skala von minus 10 bis plus 10:

"Na ja, wenn er in den Boxkampf geht, und die Betti kommt mit, dann bewertet er das mit ner 8. Also schon fast optimal. Und sollte es zu dem absurden Fall kommen, dass er ins Ballett geht, und die Betti geht in den Boxkampf, dann bewertet er das mit ner minus 1."

""Das war also die Überlegung in reinen Strategien. Oder reinen egoistischen Strategien. Ein gängiges Konzept in der Spieltheorie ist, sich zu überlegen, was sind denn die besten Antworten? Die sogenannten Bayes Strategien?"

"Wir haben das gemacht, um auf unsere Studiengänge aufmerksam zu machen …"

"Miet den Prof." ist ein Programm der Technischen Fachhochschule Berlin. Bundesweit einmalig. Gestartet 1999. Von Professorin Angela Schwenk.

"Da war so die Idee, den Schülern zu zeigen: Was kann man dann mit den klassischen naturwissenschaftlichen oder mathematischen Fächern dann anschließend noch machen, also im Studium, und wie sieht ein Berufsbild dazu aus?"

Auch Angela Schwenk ist Mathematikerin und heute nicht im Hörsaal.

"Und jetzt sind im Laufe der Zeit immer mehr Kollegen aus anderen Studiengängen dazu gekommen und jetzt ist das Ziel, eigentlich Werbung für diese technischen Fächer zu machen."

An den allgemeinbildenden Gymnasien war man Ende der Neunziger stark auf die Universitäten fixiert, erinnert sich die Professorin. Kaum ein Lehrer kannte damals die Fachhochschulen und konnte sie also auch nicht empfehlen. Inzwischen bieten die Miet-Profs in einem 40-Seiten-Katalog ihre Dienste an. Unentgeltlich und vor allem in den höheren Schulklassen. Das kleine Katalogheft liest sich wie ein Wettbewerb um die originellste Vortragsidee: "Wie platzt die Wurst –oder warum werden Currywurstverkäufer nicht arbeitslos?" fragt ein Professor der Physik. "Können "gierige Verhaltensweisen" zum Ziel führen?" will die Informatikerin ergründen. Alle haben den Auftrag, den Schülern ein Beispiel aus der Berufspraxis zu geben.

"Wenn man als Professor zu ihnen kommt, dann hat das auch noch mal so ne ganz andere Beispielwirkung – Wir haben ja auch Professorinnen, die das machen, ich denke, das ist auch ein guter Anreiz für die Mädchen, zu überlegen, ob man das nicht auch sowas machen kann. Das hat so eine gewisse Vorbildfunktion, ne."

Die Devise ist: Die Schüler da abholen, wo sie stehen und ihnen zeigen, wo es denn dann noch weiter geht, sagt die Mathematikerin Schwenk. Und beklagt wie viele Kollegen das Defizit an Grundlagen, das manche schon aus den unteren Schulstufen mitbringen. Das können auch Professoren nicht ausmerzen, sie können aber die Schüler zum Weitermachen motivieren. Die Lehrer wissen das.

"Die Lehrkräfte, die holen uns ja meistens, die rufen uns ja. Die finden das eigentlich auch immer sehr interessant. Und von einigen werd ich auch immer wieder gebucht."

"Okay, dann frage ich jetzt die Männer: Wer empfiehlt dem Axel ins Ballett zu gehen. Bitte schön heben, damit ich alle zählen kann. O, das sind ja fast alle ... 19. 19 sagen ins Ballett, ja?"

Professor Ortmann errechnet einstweilen die spieltheoretischen Wahrscheinlichkeiten im Konfliktfall Betti und Axel.

"Also 86 Prozent mal = Prozent mal minus 1 plus 13 Prozent mal 1 mal 1 …"

26 junge Männer und drei Frauen hören dem Mathematiker immer noch aufmerksam zu. Regen Anteil nehmen allerdings nur zwei oder drei Schüler. Außer der Prof. macht Witzchen …

"Der Mann könnte sich ja zum Beispiel überlegen, na ja, ich geb' meiner Frau ein paar Pralinen oder bring ihr Blumen mit, aber das können wir Mathematiker natürlich nicht modellieren. Umgekehrt, was wir Mathematiker auch nicht modellieren können, sind unrationales Verhalten, also wie zum Beispiel Tränen … Ja, wenn der Mann heult ..."

Was bleibt nach 70 Minuten Spieltheorie...

"Ja, für die Schüler war das vor allen Dingen mal ne völlig neue Herangehensweise an Mathematik."

"Naja, er hat’s schon gut gemacht, aber ich hab’s, weil ich so schlecht in Mathe bin, kaum verstanden. Aber das rein Theoretische dahinter hab ich schon verstanden."

"Differenzierter vielleicht und weniger auf die Schüler bezogen, aber trotzdem jetzt nicht, nicht irgendwie, dass man’s nicht verstehen würde."

"Man hat ja auch was von Methoden mitbekommen überhaupt. – Man konnte was lernen auf jeden Fall."

Also anders – und besser – als Schulunterricht …

"Also dadurch, dass er nicht am Rahmenplan gebunden ist, ist es natürlich sehr viel lockerer. Also man hat viel mehr Spielraum auf jeden Fall für so nen Vortrag."


Als die Schüler gegangen sind, räumt der Professor noch ein: Das Modell "Frauen und Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs" ist natürlich so stark abstrahiert, dass es niemand anwenden wird.

"Mein Ziel war ja, einen Vortrag zu geben über die Spieltheorie, wo die Leute ein bisschen was verstehen. Das scheint geklappt zu haben. Und nebenbei natürlich auch ein bisschen Schleichwerbung für unsere TFH zu machen."