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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 24.10.2013

Für tot erklärt, aber nicht aufgegeben

Vor 50 Jahren hält die Rettung von elf Bergleuten ganz Deutschland in Atem

Von Mirko Smiljanic

Rettungsmannschaften und Angehörige vor der Eisenerzgrube in Lengede, Niedersachsen, in der gerade versucht wird eine Gruppe verschütteter Bergleute zu retten. (picture alliance / dpa / Hans Heckmann)
Rettungsmannschaften und Angehörige vor der Eisenerzgrube in Lengede, Niedersachsen, in der gerade versucht wird eine Gruppe verschütteter Bergleute zu retten. (picture alliance / dpa / Hans Heckmann)

In der niedersächsischen Eisenerzgrube Lengede-Broistedt ereignet sich am 24. Oktober 1963 eine der schlimmsten Bergwerkskatastrophen der Nachkriegszeit: Wasser dringt in die Schächte und Stollen ein. 39 Kumpel werden nach zwei Tagen für tot erklärt. Doch dann gelingt den Rettungskräften etwas, was als "Das Wunder von Lengede" in die Geschichte eingeht.

Zwei Lockführer geben den ersten Hinweis. Am Donnerstag, den 24. Oktober 1963 um 19.40 Uhr melden sie "sickerndes Wasser" auf der 60-Meter-Sohle. Rasch steigt das Wasser in der Erzgrube Mathilde im niedersächsischen Dorf Lengede an und flutet binnen kurzer Zeit die Schächte und Stollen bis in eine Tiefe von 100 Metern. Der Boden eines Klärteichs war eingebrochen, 475.000 Kubikmeter Wasser und Schlamm ergossen sich ins Bergwerk. Giselher Schaar, Reporter des Norddeutschen Rundfunks, beschreibt am nächsten Morgen eine gespenstische Szene.

"Plötzlich mitten im Nebel enden Schienen in der Luft, eine Weiche steht da noch, unten Nebel und ein plätscherndes Wassergeräusch vielleicht in der Tiefe von fünf oder sechs Metern, man kann einen Stein hinab werfen, und dieses Wasser ist also aus Speicherteichen eingebrochen in dem Erzbergbau, in dem jetzt noch viele Menschen eingeschlossen sind, ..."

129 Kumpel arbeiten am Tag des Unglücks unter Tage. 79 retten sich in den ersten Stunden über offene Schächte, sieben werden einen Tag später lebend geborgen, drei Bergmänner können sich durch Klopfzeichen bemerkbar machen und werden am 1. November gerettet. Für die anderen bestehe aber kaum noch Hoffnung, sagt die Betriebsleitung, schon zwei Tage nach dem Unglück erklärt der Direktor 39 Kumpel für tot. Trotzdem fordern die Rettungskräfte weitere Suchbohrungen. Im "Alten Mann" könnten noch Überlebende sein! "Alter Mann" – das sind unterirdische Bruchhöhlen, die entstehen, wenn ausgebeutete Erzfelder sich selbst überlassen werden. Und tatsächlich: In 56 Metern Tiefe stoßen die Retter auf einen Hohlraum, aus dem am 3. November wieder leise Klopfgeräusche zu hören sind. Eilig installieren Tontechniker eine Sprechverbindung: Elf Männer leben! Helmut Webranitz und Dieter Richey erinnern sich.

"Und dann sind wir, möchte‘ ich mal sagen, eingenickt, weil kein Sauerstoff da war. Und dann ist irgendwo eine Luftleitung runtergebrochen, dann kriegten wir von da die Luft."

"Das war die Luft zum Bohren, für die Bohrhämmer, dadurch kriegten wir dann Luft. Wir haben ganz schon gefroren da."

Fieberhaft überlegen Ingenieure, wie sie die Männer retten können. Eine sogenannte Dahlbuschbombe muss her, eine 2,5 Meter lange und etwa 40 Zentimeter breite Rettungskapsel. Zunächst bohren sie ein Loch, durch das die Kapsel heruntergelassen werden kann. Ulrich Eggert, Reporter beim RIAS Berlin, beobachtet die Arbeiten.

"Der Bohrer hält im Augenblick bei einer Teufe von 54 Metern und er wird bei 56 Metern in die Glocke treffen, in der die elf Eingeschlossenen auf ihre Rettung warten, …

… vorsichtig bohrt sich der Meißel durch das Gebirge, ein Fehler, eine Störung im Gestein und der Berg bricht über den elf Männern zusammen, …

… eine Wache hat ständig Sprechverbindung gehalten hier mit über Tage, mit dem Funkwagen, in dem die Kommandozentrale eingerichtet ist, und die Hauer unter Tage haben ständig gesagt: ‘Hallo über Tage, nicht einschlafen!‘"

Am 7. November 1963 um kurz nach sechs Uhr morgens bricht der Bohrmeißel schließlich zu den Männern durch. Sie leben, es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Gespenstische Ruhe liegt über der Szene, als ein Kran gegen 13 Uhr die Kapsel zum ersten Mal mit einem Helfer herablässt und sie kurze Zeit später wieder nach oben zieht.

"Noch können wir nicht sehen, ob ein Mann darin ist, die Öffnung ist uns abgewendet, ja, es steht jemand darin, … das ist einer der Männer, die jetzt seit Tagen da unten eingeschlossen, abgetrennt von der Welt gelebt haben, und jetzt tritt er zum ersten Mal von der Bühne, von der Treppe herab auf die feste Erde."

Die Rettung verlief ohne Komplikationen: 14 Tage waren die Kumpel unter Tage, 14 Tage ohne Licht, bei sieben Grad Celsius, ständiger Nässe, gepeinigt von Ängsten und Selbstmordgedanken.

"14.20 Uhr zeigt meine Uhr, das heißt also, genau eine Stunde hat das ganze Rettungswerk in Anspruch genommen."

100 Bergmänner wurden gerettet, 29 verloren ihr Leben. Heute erinnert ein Gedenkstein an "Das Wunder von Lengede". Die Grube selbst wurde 1977 geschlossen.

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