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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 21.06.2010

Für die Freiheit

Vor 75 Jahren fand in Paris der "Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur" statt

Von Eberhard Spreng

Dem Aufruf zum Ersten Schriftstellerkongress folgten 250 Autoren aus 38 Ländern. (AP Archiv)
Dem Aufruf zum Ersten Schriftstellerkongress folgten 250 Autoren aus 38 Ländern. (AP Archiv)

Es war die Elite der europäischen Autoren, die sich vor 75 Jahren in Paris zum "Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur" zusammenfand. Im Angesicht des Nationalsozialismus trafen sie sich, um ein Zeichen des Widerstandes zu setzen.

"Angesichts der Gefahren, die in einer Anzahl von Ländern die Kultur bedrohen, haben einige Schriftsteller die Initiative zur Einberufung eines Kongresses ergriffen, um die Mittel zu ihrer Verteidigung zu prüfen und zu diskutieren."

Dem Aufruf zum "Premier Congrès de l’Association Internationale des Écrivains pour la Défense de la Culture" folgten 250 Schriftsteller aus 38 Ländern. Am 21. Juni 1935 versammelten sie sich in der Mutualité, einem Veranstaltungssaal im fünften Pariser Arrondissement. Vorbereitet von André Gide, André Malraux, Ilja Ehrenburg, Jean-Richard Bloch und Paul Nizan, sollte dieser erste internationale Schriftstellerkongress ein breites Bündnis von Intellektuellen gegen die Barbarei darstellen, die sich mit der Machtergreifung der Nazis in Deutschland, aber auch in diversen anderen faschistischen Bewegungen in Europa abzeichnete. Die junge Fotografin Gisèle Freund dokumentierte den Kongress. Sie erinnerte sich an den Eröffnungsabend:

"Der große Saal mit 3000 Plätzen ist überfüllt, das Publikum besteht zum großen Teil aus Schriftstellern und Intellektuellen, die den verschiedensten politischen Parteien und Geistesrichtungen angehören."

Das sollte bald zum Problem werden: Zwar entglitt der Kongress in seinem Verlauf der Kontrolle der Moskauer KP, die stark in seine Vorbereitung involviert war, aber eine über alle antifaschistischen Lager hinwegreichende politische Einigkeit ließ sich nicht erzielen. Zwischen dem bürgerlichen Humanismus Westeuropas und dem sozialistischen Realismus, wie ihn sowjetische Schriftsteller vertraten, taten sich Welten auf; ein heftig ausgetragener Dissens stand gar im Zusammenhang mit einem Todesfall am Vorabend des Kongresses: André Breton hatte den sowjetischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg in Reaktion auf dessen polemische Schmähschrift über den französischen Surrealismus auf dem Boulevard Montparnasse mehrfach geohrfeigt, eine Fehde, die der Romancier René Crevel vergeblich zu schlichten versuchte. Bereits sehr von seiner Krankheit gezeichnet, beging er Selbstmord.

Eine entscheidende Rolle kam den deutschen Exil-Literaten zu, die sich in Paris eingefunden hatten. Und daneben gab es Ansätze, die sich als gänzlich apolitisch verstanden. Eine Beobachterin, die 1994 verstorbene Frau des Philosophen Ernst Bloch, Karola Bloch erinnerte sich etwa an die Haltung Robert Musils:

"Auf dem Kongress wurde immer wieder betont, dass dieser Kongress der Schriftsteller nicht etwa künstlerischen Problemen gewidmet ist, sondern vor allem politischen. Robert Musil hat ganz am Anfang gesagt: Ich bin ein ganz unpolitischer Mensch, aber Antifaschist und natürlich gegen diese Barbarei, die die Faschisten anstellen, da bin ich selbstverständlich ein Feind."

Wo Egon Erwin Kisch die Reportage als literarische Kunst- und Kampfform verteidigte, traten Lion Feuchtwanger und Heinrich Mann für den historischen Roman ein.

"Zu verteidigen haben wir eine ruhmreiche Vergangenheit und was sie uns vererbt hat, die Freiheit zu denken und nach Erkenntnissen zu handeln. Wir haben strahlenden Beispielen zu folgen. Wir sind die Fortsetzer und Verteidiger einer großen Überlieferung."

So formulierte es Heinrich Mann. Es war allerdings Bertolt Brecht vorbehalten, in seinem Beitrag auf den wirtschaftlichen Hintergrund des sich abzeichnenden europäischen Albtraums hinzuweisen. Am Nachmittag des 3. Kongresstages sagte er:

"Viele von uns Schriftstellern haben die Wurzel der Rohheit, die sie entsetzt, noch nicht entdeckt. Es besteht immerfort bei ihnen die Gefahr, dass sie die Grausamkeiten des Faschismus als unnötige Grausamkeiten betrachten. Sie halten an den Eigentumsverhältnissen fest, weil sie glauben, dass zu ihrer Verteidigung die Grausamkeiten des Faschismus nicht nötig sind. Aber zur Aufrechterhaltung der herrschenden Eigentumsverhältnisse sind diese Grausamkeiten nötig."

1935 reagierte kaum jemand auf Brechts Analyse. Keine Zeitung im Frankreich der Volksfrontregierung unter Léon Blum ging auf seine Rede ein. Seine radikal marxistische Haltung passte nicht zu den Maximen der französischen KP, und dem bürgerlichen Lager war sie ohnehin nicht zu vermitteln.

"Was mich aber eben enttäuscht, dass so ein wirklich gelungener, großer Kongress so wenige politische Auswirkungen hat."

Auch wenn Karola Bloch die Hilflosigkeit der Intellektuellen angesichts der großen historischen Herausforderung beklagte, blieb der Kongress der Schriftsteller doch ein historischer Vorläufer des großen militärischen Bündnisses gegen den Krieg der Nazis. In London und Valencia wurde er in den Folgejahren fortgesetzt, bevor er 1938, wiederum in Paris, zum letzten Mal stattfand.

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