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Lesart | Beitrag vom 13.08.2019

"Fünfzig Dinge, die erst ab Fünfzig richtig Spaß machen"Jonglieren bis zum Bandscheibenvorfall

Andrea Gerk im Gespräch mit Frank Meyer

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Eine Frau in einem blauen Shirt streckt die Arme gen Himmelund lacht. (Unsplash/ Sean Thomas)
Mit 50 ist alles möglich aber nicht mehr zwingend. (Unsplash/ Sean Thomas)

Tanzen bis morgens und darüber diskutieren, was "er" oder "sie" wieder damit gemeint haben könnte: Hat sich mit 50 für die meisten erledigt. Was dann kommt, macht eh mehr Spaß, weiß ein neues Buch: eine Playlist für die eigene Beerdigung erstellen etwa.

Was macht erst ab 50 Spaß? Die Autorin und Deutschlandfunk-Kultur-Moderatorin Andrea Gerk hat sich 50 Dinge überlegt, auf die genau dieser Umstand zutrifft: Sie werden mit dem Älterwerden vergnüglicher. Sich von Jüngeren die Welt erklären lassen etwa, zu Hause bleiben oder Songs für die eigene Beerdigung auswählen.

Die Idee, darüber zu schreiben, sei eher ein Witz gewesen, erzählt Gerk. Denn jenseits des markanten Jubiläums speise eher der Verlust vieler Dinge den Diskurs. Vieles geht nicht mehr so gut, Ausgehen bis fünf Uhr morgens zum Beispiel, da fehle einem einfach die Energie. Aber was läuft eigentlich richtig gut oder sogar besser als mit 25?

Was tun gegen Bandscheibe und Migräne?

Alles begann mit Jonglierbällen, die Gerk zum 50. Geburtstag geschenkt bekommen hat. Irgendwann begann sie zu üben und verfiel in einen wahren Jonglierrausch. Morgens, bevor ihre Familie wach wurde, hatte Gerk schon zwei Stunden voller Hingabe jongliert, bis der Bandscheibenvorfall drohte.

"Wenn man mal denkt, wie unsere Omas früher aussahen, sind wir natürlich total fit und ziehen uns auch anders an. Aber was man schon merkt, ist, dass wir viele körperliche Einschränkungen haben. Ich auch. Und ein Freund von mir hatte einen doppelten Bandscheibenvorfall. Man hat ständig dieses Thema. Mit ist aber auch aufgefallen, dass das richtig gehaltvoll ist, sich darüber zu unterhalten. Das ist inzwischen auch viel interessanter als diese ewigen Beziehungsgespräche, die man mit 25 führt. Irgendwann hat man dazu alles gesagt und jetzt ist ein Bandscheibenvorfall oder was man gegen eine chronische Migräne macht, viel interessanter."

Pilze sammeln muss nicht jedem Spaß machen

Man könnte das Alter doch auch einmal mal ganz anders sehen. Das ist die Grundidee, die dieses Buch trägt. Gleich auf der ersten Seite geht es dann aber um das Thema Pilze suchen, eine Aufgabe, bei der man in gebückter Haltung im Wald herumkriecht. Muss ja nicht jedem Spaß bringen. Gerk mochte es schon immer. Und jetzt findet sie, könne man die Pilze auch mal stehen lassen. "Allein das durch den Wald Gehen, das Waldbaden, zwei, drei Stunden auf den Boden schauen und vielleicht auch mal was entdecken", das sei schon von solchem Wert für Gerk, dass sie nicht wie ein Kind den ganzen Wald abernten müsse.

Nicht mehr in allem mitmischen, alles abgrasen, wird für Gerk zur Metapherm, zu einem anderen Geisteszustand. Zu Hause bleiben etwa sei ihr zu einem Hochgenuss geworden. Nicht mehr jeder Einladung folgen müssen, sich stattdessen ein gutes Getränk zubereiten und sich mit einem guten Buch auf die Couch legen, das sei doch die wahre Freude.

Der Soundtrack für die Beerdigung

Einen wahrlich abenteuerlichen Vorschlag bietet ihr Buch ebenfalls: Alle verflossenen Lieben zusammen zum Abendessen einzuladen. "Vielleicht wäre es wie bei den Klassentreffen, dass man die meisten davon überhaupt nicht mehr erkennen würde. Vielleicht ist es auch nur ein Tête-à-Tête, es kommt ja darauf an, welche Biografie man hat. Nochmal eine Rückschau zu halten mit dem gebührenden Abstand und sich darüber zu amüsieren, kann sehr bereichernd sein."

Weitere, Spaß erzeugende Dinge in Andrea Gerks Buch sind vorausschauender Art: Testament verfassen, eine Playlist für die eigene Beerdigung erstellen. Wieso nicht?

"Die musikalische Umrahmung ist oft genau so traurig wie der menschliche Verlust. Um das zu vermeiden wäre es gut, sich zu überlegen, wie man das für sich selbst wünscht. Wenn man damit beginnt, beginnt ein Trip ins eigene Leben. Welche Lieder haben einen begleitet, beim ersten Kuss, beim Hochzeitstanz, irgendwelche Kitschsongs, für die man sich schon immer geschämt hat? Es ist eine intensive Art, sich nochmal mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Und weil wir mit 50 noch total jung sind, muss man die Liste machen und dann immer wieder überarbeiten."  

Es ist also noch nicht alles zu Ende, wenn man sich eingesteht, dass so eine Beerdigungs-Playlist vorzubereiten wirklich Spaß machen kann.

Andrea Gerk arbeitet als freie Moderatorin regelmäßig für Deutschlandfunk Kultur.

(aba)

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