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Interview | Beitrag vom 13.11.2020

Fünfter Jahrestag des Bataclan-Anschlags"Der politische Islam ist eine extremistische Ideologie"

Susanne Schröter im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Susanne Schröter kommt in das Veranstaltungsgebäude an der Goethe-Universität. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Die Ethnologin Susanne Schröter erhebt schwere Vorwürfe gegen islamische Communities in Deutschland: Viele Muslime unterstützten Terroristen ideologisch, sagt sie. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Vor fünf Jahren ermordeten islamistische Attentäter in Paris 130 Menschen. Die Ethnologin Susanne Schröter wirft der Politik vor, den radikalisierten Islam noch immer zu verharmlosen. Ihrer Ansicht nach ist er mit dem Rechtsextremismus vergleichbar.

Stephan Karkowsky: Es war wie heute ein Freitag, als vor genau fünf Jahren islamistische Attentäter Paris angriffen und im Konzertsaal Bataclan, in Bars und Restaurants 130 Menschen ermordeten, mehr als 600 wurden verletzt, und es waren nicht die letzten mörderischen Angriffe von Islamisten in Europa.

Seitdem wird einmal mehr diskutiert, diese Woche auch auf der Islamkonferenz: Was kann, was muss getan werden, um die Radikalisierung junger Muslime zu verhindern? Sprechen möchte ich darüber mit der Frankfurter Professorin für Ethnologie, Susanne Schröter, Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam. Sie haben kürzlich eine Erklärung mitunterschrieben, die dazu auffordert, den politischen Islam als Gefahr für Deutschland ernst zu nehmen. Wer tut das denn Ihrer Ansicht nach bislang nicht oder nicht ausreichend?

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Schröter: Fragen Sie mal lieber, wer den politischen Islam ernst nimmt. Die Tabuisierung des Themas, auch schon des Begriffes politischer Islam, geht durch alle Parteien, wenn man mal die Politik nimmt.

Ganz besonders natürlich auf der Seite der linken Organisationen, Parteien, bis in die SPD, in die Grünen hinein, wo man sehr schnell, wenn man allein eine bestimmte Terminologie benutzt, schon als antimuslimische Rassistin, als islamophob oder Ähnliches denunziert wird.

Aber diese Verweigerungshaltung, der Realität ins Auge zu sehen, die geht auch in die Reihen der CDU bis in die CSU hinein. Ich frage mich auch manchmal, was eigentlich los ist, dass man zum Beispiel nach diesen vielen Jahren Islamkonferenz immer noch außerordentlich blauäugig nur auf bestimmte Akteure setzt, nämlich auf Akteure, die in großen islamischen Vereinigungen organisiert sind, die allesamt ein außerordentlich problematisches Islamverständnis haben und von denen die Mehrheit auch noch auslandsabhängig ist, das heißt abhängig ist von der türkischen Regierung, der iranischen Regierung oder anderen ausländischen Akteuren.

"Viele Muslime unterstützen Terroristen ideologisch"

Karkowsky: Ich nehme das durchaus anders wahr mit dem politischen Islam. Man hört ja nach jedem neuen Anschlag keinen Generalverdacht gegen Muslime oder den Islam selbst. Die Religion ist nicht unser Feind, sagte zuletzt Österreichs Kanzler Kurz, die Terroristen sind unsere Feinde und damit der politische Islam. Wo sehen Sie denn da eine Verharmlosung?

Schröter: Politischer Islam ist ein Begriff, der jetzt - relativ neu - auch breit in der Öffentlichkeit ankommt. Vorher hat man eigentlich nur von Terrorismus gesprochen, häufig auch ohne den Zusatz überhaupt, dass es sich um einen islamisch begründeten Terrorismus handelt.

Anders als beim Rechtsextremismus - wo man ja Ross und Reiter immer sehr klar benennt, was ja richtig ist - ist das bei islamisch begründetem Terrorismus häufig nicht so. Da hat man sich eine Haltung zu eigen gemacht, die natürlich von bestimmten islamischen Verbänden kommt, das habe alles nichts mit dem Islam zu tun.

Das ist natürlich Unfug. Jeder islamistische Attentäter macht das völlig klar, ob er ein Video ins Netz stellt, ob er vorher "Allahu akbar" ruft oder irgendwas anderes, dass das für ihn durchaus etwas mit dem Islam zu tun hat. Ich glaube, das müssen wir erst mal verstehen.

Das Zweite, und das haben wir ja auch in unserem Papier klar herausgearbeitet: Wir müssen auch mal die Tabuisierung in der Forschung aufheben, es gibt nämlich nahezu keine Grundlagenforschung zu dem Problem.

Es gibt zwar Forschung zu Terrorismus, aber es gibt überhaupt keine Forschung zu dem Gesamtpaket: Wie kommt es eigentlich innerhalb einer Ideologie dazu, dass so viele Muslime tatsächlich auch Terroristen ideologisch unterstützen, also beispielsweise die Schüler und Schülerinnen, die sich jetzt Gedenkminuten verweigern – das ist auch kein neues Phänomen, was wir gerade erleben –, und stattdessen sagen: Ja, denen geschieht’s doch recht. Wer den Propheten Mohammed beleidigt, der muss eben umgebracht werden.

Darum geht es uns letztendlich in unserem Grundsatzpapier, dass wir das mitbedenken, dass wir nicht einfach sagen: Terrorismus, das geschieht im luftleeren Raum, da hat irgendjemand eine schwere Kindheit gehabt oder gerade ein persönliches Problem. Sondern dass man wirklich anerkennt: Das ist eine Folge einer Ideologie.

Diese Ideologie hat erst mal auch wenig mit Deutschland zu tun. Das ist eine transnationale Ideologie, und der islamische Terrorismus, der islamistische Terrorismus, muss man richtigerweise sagen, ist eine transnationale Bewegung.

Karkowsky: Der österreichische Bundeskanzler Kurz will jetzt härter durchgreifen und den politischen Islam als Straftatbestand einführen. Was halten Sie davon?

Schröter: Das muss man natürlich gut begründen. Ich bin der Meinung, dass der politische Islam tatsächlich eine extremistische Ideologie ist, dass er an seinen Enden, an seinen Rändern immer auch gewalttätig ist oder gewaltbereit auf jeden Fall, dass man Gewalt schnell abrufen kann.

Ich finde die Stoßrichtung erst mal richtig, die Bundeskanzler Kurz da eingeleitet hat, jetzt muss man mal gucken, dass man das so unterfüttert, dass es auch klar ist, was damit gemeint ist tatsächlich. Selbstverständlich ist es richtig und wichtig, immer wieder zu betonen, dass es nicht gegen den Islam geht. Im Übrigen sind die härtesten Kritiker dieses Laissez-faire-Kurses, der in ganz Europa vorherrscht, Muslime. Und diejenigen, die am meisten bedroht sind von dem gewalttätigen Islamismus, sind auch Muslime.

"Prävention und Deradikalisierung greifen nicht"

Karkowsky: Aber warum sollte man islamistische Attentäter nicht einfach wie andere Verbrecher behandeln, wenn man ohnehin weiß oder den anderen Muslimen folgt in ihrer Ansicht: Deren Glaube ist mindestens fehlgeleitet, wenn nicht sogar nur vorgeschoben. Oft erfolgt ja die Radikalisierung erst kurz vorher und kann nun wirklich nicht verwechselt werden mit einem tiefen Glauben an den Islam.

Schröter: Die Frage ist immer, was ist denn ein tiefer Glaube? Wir haben es ja mindestens mit zwei Formen von Islamverständnis zu tun. Das eine ist eher eine spirituelle Orientierung an Gott und die andere ist ein normengeleiteter Islam, der sich an einem Regelwerk orientiert, das man natürlich auch sehr schnell aufnehmen kann.

Viele dieser Attentäter, die meisten, kommen aus islamischen Familien. Da kann man nicht sagen, die haben sich einfach nur mal instantmäßig im Internet radikalisiert. Wir haben jetzt gerade, wie unter dem Brennglas, an dem Fall Samuel Paty – der Lehrer, der in Frankreich ermordet worden ist –, gesehen: Das Phänomen ist nicht einfach ein jugendlicher Attentäter, sondern das Phänomen ist, dass es eine Community gibt, die solche Attentate auch unterstützt oder gutheißt.

Und das ist ein Gesamtproblem mit einem radikalisierten Islam, den wir weltweit haben seit dem Ende der 70er-Jahre, und der kommt eben auch bei uns an, der hat aber auch eine Grundlage in Communities, in Organisationen.

Wenn wir dieses Problem tatsächlich verstehen wollen, wenn wir Maßnahmen entwickeln wollen, die auch greifen – bis jetzt greifen ja unsere Maßnahmen nahezu gar nicht, wir haben einen Höchststand, auch in Deutschland, an gewaltbereiten sogenannten Gefährdern, das ändert sich auch durch die ganzen Präventions- und Deradikalisierungsmaßnahmen überhaupt nicht –, wenn wir das wirklich verstehen wollen und auch mal zielgenau Maßnahmen entwickeln wollen, dann müssen wir das Problem ernst nehmen.

Das ist das Erste. Ich mache immer gern den Vergleich mit dem Rechtsextremismus, weil das eben der Extremismus auf der anderen Seite ist – da würden wir ja auch nicht einfach sagen, das sind einfach fehlgeleitete Jugendliche, die irgendwas aufgeschnappt haben. Da sagen wir ja auch, Rechtsextremismus ist eine verhängnisvolle Ideologie, die in der Gesellschaft verankert ist, und genau das muss man aufgreifen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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