Mittwoch, 25.11.2020
 

Fazit | Beitrag vom 13.11.2020

Fünf Jahre nach den Anschlägen von ParisErinnern an die Opfer der Terrornacht

Sabine Wachs im Gespräch mit Britta Bürger

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"Nuit Blanche" 2020 In Paris: Jeff Koons Skulptur erinnert an die Opfer des Bataclan Anschlags von 2015. (Getty/Kiran Ridley)
Skulptur von Jeff Koons in Paris: Mit Musik, Kunst und Porträts gedenkt Frankreich der Opfer der islamistischen Terroranschläge vor fünf Jahren. (Getty/Kiran Ridley)

Mit Musik, Kunst und Porträts gedenkt Frankreich der Opfer der islamistischen Terroranschläge in Paris vor fünf Jahren. Im Land gebe es ein Bewusstsein für den Unterschied zwischen Islam und Islamismus, sagt Korrespondentin Sabine Wachs.

Am 13. November 2015 ermordeten islamistische Terroristen in Paris 130 Menschen. An mehreren Orten in der Stadt verübten sie Anschläge, schossen etwa auf Gäste in Bars und Restaurants. Allein bei dem Anschlag auf den Konzertsaal Bataclan starben 89 Menschen. Mit zahlreichen Kulturveranstaltungen hat Frankreich nun an die Opfer erinnert.

So habe die Tageszeitung "Le Monde" Porträts der Opfer online gestellt, sagt Sabine Wachs, ARD-Korrespondentin in Paris. Wegen Corona hätte es viele Veranstaltungen nur als Stream gegeben, wie etwa ein Konzert aus der Pariser Philharmonie, das Angehörige und Überlebende der Anschläge organisiert hätten. Auch die amerikanische Band "Queens of the Stone Age" habe ein Konzert über die sozialen Netzwerke gestreamt: Deren Sänger Josh Homme hat die Band "Eagles of Death Metal" mitbegründet, die am Abend des Anschlags im Bataclan auftrat.

Fotokunst erinnert an die Terrornacht 

Physische Kunst gebe es direkt gegenüber des Konzertclubs Bataclan, so Wachs. Künstler aus aller Welt, die vor fünf Jahren am Tag der Anschläge in Paris waren, hätten Fotos mit Texten an die Parkgitter gehängt, um damit ihre Erinnerung an die Terrornacht auszudrücken.

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Bemerkenswert sei das Buch "Il nous reste les mots", das die Annäherung zweier Väter, die ihre Kinder bei dem Attentat verloren haben, dokumentiert. Der Sohn des einen gehörte zu den Tätern, die Tochter des anderen ist ein Opfer, so Wachs:

"Der Vater des Terroristen bat um ein Treffen, denn er wollte verstehen und fühlen, welch großes Leid sein Sohn bei anderen angerichtet hat." Daraus sei eine Freundschaft entstanden. Dass der Vater, der seine Tochter verloren hat, sich auch für die Anerkennung von Familien der Terroristen stark mache, gebe diesem Dialog der beiden Väter etwas ganz Besonderes. "Er sagt, dass auch Familien der Terroristen Opfer der Terroristen sind."

Kein Anstieg von Vorurteilen

Dass sich antimuslimische Ressentiments in den fünf Jahren nach den Anschlägen von Paris in Frankreich verstärkt hätten, empfinde sie nicht. Auch Studien könnten das nicht belegen.

Viele Muslime in ganz Frankreich hätten sich von den Anschlägen distanziert: "Dass sie ihre Solidarität mit anderen Religionsgemeinschaften in Frankreich ausgedrückt haben, hat dazu geführt, dass man ganz klar abgrenzen konnte zwischen Islam und Islamismus. Das ist sehr, sehr wichtig."

Bekämpfung des radikalen Islamismus

Konkret gehe es darum, terroristische islamistische Anschläge zu verurteilen und nicht alle Muslime, die in Frankreich lebten, zu stigmatisieren. In einigen Vorstädten könnten allerdings separatistische Parallelgesellschaften entstehen. Präsident Macron habe dazu im Oktober ein Gesetz zu deren Bekämpfung vorgelegt und erklärt, um was es dabei gehe: "Islamistische Prediger und islamistische Organisationen, die unter dem Deckmantel auch von Kulturvereinen antidemokratisches und radikal islamistisches Gedankengut verbreiten."

Und dagegen gehe Frankreichs Regierung vor. "Macron macht sehr deutlich, dass es nicht um den Islam geht bei der Bekämpfung der Parallelgesellschaften, sondern um radikale Ideologien. Und in diesem Fall um den radikalen Islamismus."

Moscheeschließung und Vereinsverbote

Auch nach den jüngsten Vorfällen – unter anderem dem Mord am Lehrer Samuel Paty Mitte Oktober – habe Frankreichs Regierung sehr hart durchgegriffen, etwa mit dem Verbot bestimmter Kulturvereine und muslimischer Organisationen: Der französische Staat geht davon aus, dass sie radikal islamistisches und antidemokratisches Gedankengut verbreiten. "Es wurde eine Moschee in einem Vorort von Paris geschlossen, und da ist man schon sehr, sehr hart vorgegangen. Aber immer mit der klaren Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus."

In der Debatte gehe es vor allem darum, die Bevölkerung mitzunehmen und zu erklären, dass die Menschen Franzosen und gleichzeitig Muslime seien – und sich von solchen Anschlägen distanzierten. "Das tun sie und das tun sehr viele Imame in Frankreich, die dann auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und die auch von der Politik gehört werden."

(mle)

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