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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 30.11.2015

Führungspositionen im KulturbetriebNützt die Frauen-Quote der Karriere?

Von Christoph Richter

Eine Teilnehmerin der Berliner Konferenz "Tag der Teilhabe" zur Beteiligung von Mitarbeitern und Führungskräften an Unternehmen (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)
High Heels - in Führungspositionen des Kulturbetriebs könnte es mehr davon geben, finden die Grünen (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)

Frauen sind im Kulturbetrieb unterrepräsentiert, sagen die Grünen. So seien etwa nur 25 Prozent der Intendanten-Posten in Deutschland mit Frauen besetzt. Deshalb fordern sie eine Frauen-Quote für staatlich geförderte Kulturinstitutionen.

(Musik 1)  aus: "Götterdämmerung"

Das ist Richard Wagners Götterdämmerung, doch jetzt geht’s um – ja, sagen wir mal - Männerdämmerung. Denn die Bundestagsfraktion der Grünen will nun nach dem "Veggie-Day" und allerlei solcher Sachen auch noch eine Frauenquote im Kulturbereich einführen. Ja, richtig: In Theatern, Orchestern und Museen sollen mehr Frauen ans Pult.

"Das ist schrecklich, wenn wir in der deutscher Theaterlandschaft sehen, dass es mehr Frauen als Regie-Assistenten gibt, als Männer. Aber wenn man auf die Anzahl der Regisseure schaut, dann plötzlich ist es ganz anders. Da sind nur 20 Prozent Frauen, 80 Prozent sind Männer."

Zum Beispiel: Karen Stone und Simone Young

So Karen Stone. Eine lebenslustige burschikose Engländerin, Generalintendantin des Theater- und Opernhauses in Magdeburg.

"Irgendwas passiert hier. Frauen, die überlegen sich mehr, die sind mehr bedacht und die sind vielleicht nicht so ganz sicher. Ich glaube, es ist so ein bisschen: Men from mars, women from venus."

Frau Stone, nun aber mal Hand aufs Herz: Vielleicht sind Frauen aber einfach nicht so durchsetzungsstark im Kulturbetrieb, wie ihre männlichen Kollegen, weshalb sie es auch nur selten auf den Intendanten-Sessel schaffen.

(Musik)
  aus: Gustav Mahlers 2. Synfonie

"Zu meiner Zeit in der Royal Academic of Music Frauen durften bei Dirigier-Programmen nicht mitmachen. Es herrschte immer der Gedanke, junge Frauen können sich bei einem schwierigen Orchester nicht durchsetzen. Vorurteile, die immer noch da sind, dass eine Frau sich nicht durchsetzen kann."

Gustav Mahlers 2. Sinfonie. Dirigiert von der Australierin Simone Young. Lange schwarze Haare und High-Heels, eine der renommiertesten Dirigentinnen im globalen Klassik-Business.

Die ein Meter sechzig große Dirigentin geht bei Mahlers Auferstehungssinfonie in die Hocke, springt auf. Den Taktstock hält Simone Young wie ein federndes Florett. Sie dirigiert die großen Orchester der Welt, war lange Chefin der Hamburger Oper. Geschafft hat sie das allerdings ohne Quote. Anscheinend eine Ausnahme beim Blick auf die Zahlen:

412 Männer sind Intendanten, aber nur 114 Frauen

In der vergangenen Spielzeit saßen in den deutschen Kulturbetrieben 412 Männer auf dem Intendanten-Posten und gerademal 114 Frauen – also nur etwa 25 Prozent. Kaum besser sieht es bei Dirigenten und Orchesterleitern aus. Hier stehen 589 Männern nur 164 Frauen gegenüber.  Also Frau Stone, nochmal: Einen Grund muss es doch haben, dass sich Frauen im Kulturbetrieb immer hinten anstellen müssen.

 "Vielleicht verhandeln wir Frauen schlechter als die Männer."

Die Generalintendantin des Theater- und Opernhauses in Magdeburg ist wohl überfragt.

Erst kürzlich hat Schauspielerin Sharon Stone - Namensvetterin von Karen Stone, aber weder verwandt noch verschwägert – gegenüber dem "People Magazin" offenbart, dass sie bereits mehrfach heulen musste, weil sie so viel schlechter bezahlt werde, als ihre männlichen Kollegen.

Ähnlich frustriert äußerte sich Schauspielerin Jennifer Lawrence. Und auch Golden Globe Gewinnerin Patricia Arquette forderte im Interview mit dem "Guardian" die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen in Hollywood. Zwar ist Hollywood nicht Magdeburg, doch weit sind die Welten nicht auseinander.

"Ist nicht lustig. Also man sieht es auch bei den Superstars. Deswegen finde ich das absolut unkorrekt."

Findet Stone und sagt weiter:

"Ich bin 1,85 Meter groß, dass sicherlich hilft. Bin jetzt nicht schüchtern, war es nie. Habe gerne debattiert, gehe gerne raus. Ich denke, dass ist wichtig."

"Ich habe ohne Quote alles erreicht"

Die blauen Augen der ausgebildeten Mezzosopranistin Karen Stone, der General-Intendantin des Magdeburger Opernhauses blitzen.

1984 bekam sie mit dem Einakter "Die verwandelte Katze" von Jacques Offenbach an den Städtischen Bühnen in Freiburg ihren ersten Regie-Auftrag. Danach ging es steil bergauf. Sie arbeitete als Regisseurin in Bogota, Bologna, Houston, Los Angeles, Monte Carlo. Sie war Operndirektorin in Köln und Dallas, Intendantin in Graz. Sie habe alles erreicht, was ihr vorschwebte. Auch als Frau und ohne Quote, sagt sie. Und lacht.

Wir können es genauso gut, ruft Frau Stone noch hinterher. Und wird wütend. Ihre beiden Hunde verkriechen sich unter dem Tisch:

"Ich war sicherlich instinktiv gegen eine Frauenquote. Weil ich möchte nicht, dass die Menschen denken, Frau Stone hat ihre Position nur, weil sie eine Frau ist. Man wehrt sich. Auf der anderen Seite, wenn ich sehe, wie oft in den Ausschüssen Männer ausgesucht werden, die nur sehr mittelmäßig sind, dann denkt man, irgendetwas muss man machen. Um die Türen aufzumachen für die Frauen, um die gläserne Decke zu sprengen."

Mehr Frauen auch in die Gremien

Ihr Vorschlag: Es sollten mehr Frauen in die Gremien berufen werden, die beispielsweise Intendanten einstellen. Nur so könnten letztlich mehr Führungspositionen in den Theatern, Orchestern und Museen mit Frauen besetzt werden. Für Intendantin Stone ist das das eigentliche Problem.

"Da finde ich die Quote sehr wichtig. Das Wichtige sind die Stadträte und Kulturausschüsse, dass man da mehr Frauen hat."

Die Frauenquote für den Kulturbetrieb – die Grünen in Sachsen Anhalt könnten damit durchaus Zustimmung ernten – über den Erfolg entscheiden aber letztlich die Zuschauer.

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