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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 21.02.2014

Frühe NeuzeitLieder in einer vergessenen Sprache

Wie das Ensemble "Simkhat hanefesh" das Westjiddische wiederbelebt

Von Blanka Weber

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Liebeslieder, Schabbatlieder, zotige Texte: das Programm von "Simkhat hanefesh" (picture alliance / dpa / Miguel Villagran)
Liebeslieder, Schabbatlieder, zotige Texte: das Programm von "Simkhat hanefesh" (picture alliance / dpa / Miguel Villagran)

Es wurde in Kairo gesprochen, in Osteuropa, Norditalien oder Frankreich. Heute gilt Westjiddisch als ausgestorben. Eine Sprachwissenschaftlerin erforscht es mit den Mitteln der Musik.

Noch werden die Laute, Barockvioline, Viola da Gamba und die historische Nyckelharpa – ein typisches Saiteninstrument der Renaissance – gestimmt. Das Ensemble "Simkhat henefesh" probt für den Auftritt in der Alten Synagoge in Erfurt. Es ist der Auftakt der monatlichen Synagogen-Abende in diesem Jahr, um mit Kultur und Kunst Wissen über das jüdische Leben zu vermitteln.

Diana Matut, Musikerin, Sängerin und Wissenschaftlerin sortiert ihre Liedtexte für das Konzert. Nur wenige, sie gehört dazu, beschäftigen sich mit den Feinheiten der westjiddischen Sprache.

"Der erste Druck mit Melodien stammt aus dem Jahr 1724. Das ist das Simkhat hanefesh, aus dem wir heute Abend auch einiges hören werden und nachdem auch unsere Band benannt ist. Wie gesagt, Simkhat hanefesh, erst 1724 in Fürth gedruckt. Aber davor und zur gleichen Zeit haben wir ja noch viele andere Lieder, die also endlich wieder klingen sollen."

Von Rittersagen bis zur Liebeslyrik

"Das Westjiddische ist in seiner ganzen Bandbreite heute überhaupt noch nicht erfasst. Das fängt damit an, dass die meisten Texte heute nicht ediert sind und es geht damit weiter, dass wir vieles, das für andere Sprachen längst selbstverständlich ist, dass man eine Grammatik hat, ein Wörterbuch, all diese Basisarbeit ist für das Westjiddische noch nicht getan und nicht geleistet. Das heißt, für uns Wissenschaftler ist das eine Welt, in der wir uns noch so viel erschließen und zu eigen machen können."

Denn: Von Rittersagen bis zur Liebeslyrik, ist fast jede Textform erhalten.  So, wie manche Epen, die im Deutschen längst verschwunden, in westjiddischer Sprache jedoch noch erhalten sind.  Auch die Geschichte des König Arthus gibt es im Westjiddischen und die bekannten Erzählungen der Kaufmannsfrau Glikeln von Hameln, die von 1646 bis 1724 lebte.  Ein großartiger Fundus, weit verstreut über den Erdball, sagt Diana Matut.

"Die westjiddischen Quellen sind in einigen großen Bibliotheken weltweit konzentriert, besonders in Oxford; Sammlungen in zum Beispiel Rostock; es gibt Bibliotheken in Italien, in Frankreich, in London. Es ist weltweit verteilt, auch in New York. Das liegt wiederum auch an den Sammlungsgeschichten, die auch faszinierend sind."

Manchmal lassen sich Namen in den Sammlungen rekonstruieren. Es sind kleine Hinweise zum Beispiel auf jüdische Tanzmeister, die Manuale der jiddischen Renaissance hinterlassen haben. Auch kleine Notizen gibt es, wie die Widmungen eines unbekannten Schreibers in hebräischen Buchstaben, denn so wurde Westjiddisch damals geschrieben. Es ist eine Notiz unter dem Lied: "Moecht ich dein wegeren" aus dem "Lochamer Liederbuch", einer der ältesten Sammlungen deutscher Lieder um 1460.

Doch wie klangen die Lieder damals wirklich?

"Wir wissen nicht, wie damals musiziert wurde. Wir machen heute unsere eigenen Arrangements und suchen die Harmonien zwischen Stimme und Ton", sagt James Hewitt, der auf Barockvioline spezialisiert ist. Derzeit lebt er in Den Haag und ist hier in Deutschland Ensemblemitglied. Es sind Texte der Fest- und Feiertagskultur, passend zu Purim, Chanukka; zu Hochzeiten die Kalle-Lieder, Chassen-Kalle – Braut und Bräutigam.

Matut: "Und wenn wir Glück haben, verweist uns dieses westjiddische Lied auf zum Beispiel ein bekanntes deutsches Lied derselben Zeit. Was hat man also damit gemacht: Man hat bekannte Melodien, die beliebt waren, in der Bevölkerung mit neuen Texten versehen."

Es gibt Liebeslieder, Schabbatlieder, auch zotige Texte sind dabei und derbes Vokabular, so die Wissenschaftlerin. Wer sich heute der Sprache nähert, erfährt einen Blick in die Alltagskultur dieser Zeit, nicht nur in die Gelehrtenkultur.  

Matut: "Man fand das so toll, das waren quasi die Popsongs der Frühen Neuzeit. Die haben die Juden genauso geliebt wie die christliche Bevölkerung. Also hat man neue Texte darauf gedichtet."

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