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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.12.2011

Früh mit Unrecht konfrontiert

Die Argentinierin Elsa Osorio schreibt über ihre Landsfrau, die Marxistin Mika Echebéhère

Von Gabi Wuttke

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Die argentinische Schriftstellerin Elsa Osorio (Suhrkamp-Verlag)
Die argentinische Schriftstellerin Elsa Osorio (Suhrkamp-Verlag)

Vor zehn Jahren wurde "Mein Name ist Luz" ins Deutsche übersetzt. Seitdem ist die Argentinierin Elsa Osorio auch bei uns ein Begriff. Nach ihrem Gesellschaftsroman über die Geschichte des argentinischen Tangos erscheint nun ihr neues Buch: "Die Capitana".

Elsa Osorio empfängt am Gittertor der modernen Wohnanlage in einem der gutbürgerlichen Bezirke von Buenos Aires. "Der Wachmann ist heute Abend nicht da", sagt sie nach einem weichen Händedruck und führt in die Maisonettewohnung. An den grauen Sichtbetonwänden hängt großformatige Kunst in leuchtenden Farben. Tangomusik zieht durch den Raum wie der Duft eines Bratens.

Für ihr Debüt wurde Elsa Osorio 1982 mit dem argentinischen Nationalpreis ausgezeichnet. Seit 20 Jahren ist ihre Heimat Ausgangspunkt der Geschichten, die sie erzählt. Worum geht es in "Die Capitana"?

"Es ist ein historischer Roman, der vom Leben Mika Echebéhères erzählt. Sie war – kann man sagen – eine Berufsrevolutionärin. Sie lebte das große ideologische und kulturelle Abenteuer des 20. Jahrhunderts."

Buchcover: "Die Capitana" von Elsa Osorio (Suhrkamp-Verlag)Buchcover: "Die Capitana" von Elsa Osorio (Suhrkamp-Verlag)Zuerst als Marxistin in ihrer Heimat Argentinien. Dann in Frankreich. In Deutschland. In Spanien. Im Bürgerkrieg schrieb sie Geschichte – aber eine andere als die kommunistische Demagogin "La Pasionaria" Dolores Ibárruri oder die von den Grausamkeiten des Kampfes verschreckte Simone Weil: Mika Echebéhère, die als Waffe bis dahin nur das Wort kannte, führte in Spanien eine Kompanie:

"Man machte Mika zur Capitana. Gewählt von ihren eigenen Milizionären. Revolutionäre, aber eben auch Machos. Wie Männer so sind. Aber zweifellos haben sie sie gewählt, weil sie sehr couragiert war und auf eine andere Weise zu befehlen wusste. Weil wir Frauen das eben anders machen. Für mich war die Geschichte aus der Perspektive einer Frau hochinteressant."

Elsa Osorio sitzt im kurzen, buntbedruckten Kleid auf einem hellen Sofa, neben dem ihr schöner, alter Schreibtisch steht – mit Blick auf einen winzigen Garten, umschlossen von einer hohen Mauer. Ihre Hände sind ständig in Bewegung und fahren durch das lange, blondgesträhnte Haar. Besonders wenn sie von den vielen Facetten im Leben ihrer Protagonistin erzählt: Der Jüdin mit russischen Wurzeln. Stigmatisiert auch in ihrem Geburtsland Argentinien. Früh mit Unrecht konfrontiert.

Als Studentin schließt Mika Echebéhère sich in Buenos Aires den Kommunisten an, wird aus der KP geworfen, weil sie vor Stalin warnt und sich der Politik der Internationale nicht unterordnen will.
Mit ihrer großen Liebe geht sie 1931 nach Europa – ins Pariser Quartier Latin, in den roten Wedding von Berlin. Aber statt einer Revolution erleben sie in Deutschland Hitlers Wahlsieg – und ziehen 1936 mit der spanischen Arbeiterpartei in den Krieg gegen Franco.

1986 wurde Elsa Osorio auf Mika aufmerksam. Von da an, sagt sie, lauerte ihr dieses fremde Leben an vielen Biegungen des eigenen Lebens immer wieder auf. Die Recherchen entpuppten sich als verschlungene Wege, auf denen sich die Perspektiven mehrfach änderten und nach neuer Orientierung verlangten. So vollendete die 59-Jährige ihr Manuskript erst kurz vor dem Andruck:

"Ja, ja, es war ein langer Weg. Die ersten 200 Seiten habe ich weggelegt und noch mal von vorne angefangen. Weil ich zwar die Lösung vor Augen hatte, aber sie trotzdem lange nicht gesehen habe. Ich musste einiges durchprobieren. Aber gut. Jetzt ist die Geschichte fertig."

... und beginnt mit Mikas Tod 1992 in Frankreich. Hellwach bis zum Schluss. Sie hütet eine Liebe. Pflegt die Freundschaften, die in den 30er Jahren geschlossen wurden. Macht kaum Aufhebens von der Zeit im Schützengraben, von Gewalt und Tod, von Intrige, Verrat und Gefängnis. Sie ist 74 Jahre alt, als in Paris ihre Erinnerungen an den Bürgerkrieg veröffentlicht werden. Kaum jemand nimmt davon Notiz. Elsa Osorio sucht nach ihr - kann sie aber nicht finden: die Frau mit dem Leben, das geprägt und getrieben ist von Verantwortungsbewusstsein, Prinzipien und großer Leidenschaft. Wenn Elsa Osorio das sagt, glänzen ihre Augen:

"Mich hat ihre Position sehr interessiert. Es ist keine feministische. Die Freiheit war für sie wichtig. Freiheit für alle. Und sie bezieht Stellung, trifft Entscheidungen. Aber erst nachdem sie sich mit den anderen besprochen hat, gibt sie ihre Befehle. Eine Frau mit Eiern, wie man im Spanischen sagt."

...deren Kompanie den Franquisten mit Dynamit Paroli bietet; die ihre Panik und den Schmerz über den Tod nicht verbirgt und für hustende Kinder Honig in Schnaps löst. Bei der alle die Böden schrubben müssen, weil sie zu argumentieren versteht – auch, um sich charmant allen Avancen zu entziehen.

Elsa Osorio gliedert Schauplätze und Ereignisse nicht chronologisch. Trotz aller Sprünge spannt sie einen Bogen, und ihr Pfeil trifft die Scheibe auf den letzten der 319 Seiten zielsicher in der Mitte: Der Romanschluss ist ebenso zwangsläufig wie unerwartet. Obwohl – oder gerade weil – die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin dem realen Geschehen folgt und dabei der Liebe und dem Begehren Raum lässt.


Elsa Osorio: Die Capitana
übersetzt von Stefanie Gerhold,
Insel-Verlag, Berlin 2011
334 Seiten, 19,95 Euro

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