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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.12.2009

Fröhlicher Abgesang auf den Sozialismus

Rolf Bauerdick: "Wie die Madonna auf den Mond kam", Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009, 528 Seiten

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Hündin Laika wurde mit dem Sputnik 2 in den Weltraum geschickt. (AP)
Hündin Laika wurde mit dem Sputnik 2 in den Weltraum geschickt. (AP)

Rolf Bauerdicks erregte mit seinem Debüt "Wie die Madonna auf den Mond kam" auf der Frankfurter Buchmesse Aufsehen. Es ist ein gleichnishafter Roman über die Zeit des Kalten Krieges in Osteuropa, die 1989 ihr erlösendes Ende fand.

1957 schießen die Sowjets den Satelliten Sputnik 2 mit einer Hündin an Bord in den Weltraum. Die piepsenden Signale sollen überall auf der Erde empfangen werden können, also auch im fiktiven 250-Seelen-Kaff Baia Luna in Transmontanien. Euphorisch reagiert allerdings nur der Großvater des 15-jährigen Ich-Erzählers Pavel. Die übrigen Einwohner in Baia Luna werden durch andere Geschehnisse von der technischen Pionierleistung abgelenkt. Eine alkoholsüchtige Lehrerin wird in den Tod getrieben, nachdem sie Pavel den Auftrag zugeflüstert hatte, den örtlichen Parteifunktionär zu vernichten; eine im Dorf hochverehrte Madonnenstatue ist verschwunden, und dem Pfarrer wurde die Kehle aufgeschlitzt.

Also rückt die Securitate an und mischt die Dorfbevölkerung gehörig auf. Pavels Versuche, einen Sinn hinter all diesen Ereignissen zu erkennen, laufen mehr als 30 Jahre lang ins Leere. Erst 1989, kurz nach der Hinrichtung des "großen Conducators" und dem Ende des Sozialismus, schafft er es, Gerechtigkeit für seine Lehrerin herzustellen.

Rolf Bauerdicks Debütroman ist ein gleichnishafter, liebevoller und mit großer Kraft erzählter Abgesang auf den niedergehenden Sozialismus in Transmontanien, das in Rumänien seine Eins-zu-eins-Entsprechung hat. Fakten und Fiktion sind kunstvoll verwoben, die Handlung ist kauzig-kurios erzählt und lässt große Sympathien des Autors für die rumänischen Zigeuner erkennen, die mit Schalkhaftigkeit über fünf Jahrzehnte lang allen Widrigkeiten des Lebens getrotzt haben.

Die Figuren sind kolossal plastisch, sie sprühen vor schlitzohriger Lebenssucht. Die Romanfigur Dimitru – ein Zigeuner, der die verlassene Pfarrbücherei in Baia Luna hütet – ist auf eine merkwürdige Weise klug. Bei all seinen theologischen Deutungen verfehlt Dimitru das Ziel immer nur so knapp, dass er genau weiß, wo das Ziel liegt.

Hauptfigur Pavel wächst in einer Mischung aus Enge und Weltsehnsucht auf. Echte Kreativität hat im real existierenden Sozialismus keinen Platz. Doch den Glaubens-Gewissheiten des Katholizismus auf der anderen Seite mag er sich auch nicht zuwenden. So bleibt ihm nur ein vorsichtiger Widerstand gegen alles Dogmatische schlechthin, den er gut 30 Jahre lang aufrecht erhalten kann. Lange genug, um in einer gerechteren Zeit den Auftrag seiner Lehrerin aus dem Jahr 1957 zu erfüllen, nämlich den Täter zur Hölle zu schicken.

Rolf Bauerdick hat mit seinem unterhaltsamen Erstlingsroman auf der Frankfurter Buchmesse für Aufsehen gesorgt. Schon vor dem Erscheinen auf Deutsch haben sich zehn ausländische Verlagshäuser eine Übersetzungslizenz gesichert. Sicher eine gute Investition. "Wie die Madonna auf den Mond kam" ist eine pralle, groteske Geschichte, von Rolf Bauerdick liebevoll und kenntnisreich vor historischem Hintergrund drapiert.

Besprochen von Roland Krüger

Rolf Bauerdick: "Wie die Madonna auf den Mond kam", Roman,
Deutsche Verlags-Anstalt, 528 Seiten
22,95 Euro

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